Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bie & Welt11 Nr. 7 Es liegt keine Notwendigkeit vor, hier näher auf diese Lage einzugehen, aber oh wir unsere Aufmerksamkeit den Juden zuwenden, die noch in Russland und Polen weilen, oder der grossen Mehrzahl derer, die nach dem Westen und nach Amerika ausgewandert sind, und der Stellung, die sie dort einnehmen, so können wir der Zukunft nicht mit (Gleichmut oder ohne Bangen entgegensehen. Die Behauptung ist aufgestellt worden, dass die Lage unseres Volkes Sache der Philanthropie ist, mit der eine nationale Bewegung nichts zu tun hat. Die beständige Verfolgung unseres Volkes, dm Bedrückung, der es ausgesetzt ist, oft durch Juden seihst, wenn es eine Anstrengung macht, sich aus seiner Lage zu befreien, muss, wenn sie fortgesetzt wird, eine bedenkliche Verschlechterung des Rohmaterials zur Folge haben, aus dem, wie wir hoffen, die jüdische Xation wieder aufgebaut werden wird. Hier ist Material zum Nachsinnen für diejenigen, denen der Wiederaufbau der jüdischen Xation am Herzen liegt. Die -Verschlechterung ist auch nicht nur -physisch und materiell. Wenn Leih und "Leben beständig bedroht sind, so wird das Streben nach einer praktischen nationalen Existenz allmählich vernichtet. Die unmittelbare Not"dürft des Lebens steht in erster Linie, und wenn diese gesichert ist, so haben die materiellen. Vorteile alle höheren Ziele in den Schatten g< stellt. Sein* viele der Lnscrigen, wenn, si" einmal Freiheit und Wohlstand auch nur in geringem Masse erlangt haben, halten daher ängstlich an diesen persönlichen Vorteilen fest, denn die Vergangenheit ist in ihre Seele eingehrannt. So gross ist ihre Furcht, diese Vorteile wieder einzubüßen, dass sie nicht einmal die höheren Bedürfnisse ihrer eigenen jüdischen "Mitbrüder berücksichtigen wollen. Ihr grüssios Bestreben ist. uolitisch vn d ^e;/:V! mit anderen Nationen sich zu verschmolzen und im besten Falle nur im menschlichen Sinne noch mit den bedrückten Juden etwas geinein zu haben. Diese miteinander sehen, dass die ersteren stark sind, und gedeihen, und der Efeu klammert sich immer an die Eiche. Können wir, die wir einen Wiederaufbau der jüdischen Xation erstreben, diesen beständigen Trieb nach Entnationalisierung der Juden ausser Acht lassen? Es gibt viele, die zu meinen seheinen, dass gerade die Judenverfolgungen und die Stellung der Juden in der Welt uns dazu verhelfen werden, unser Ziel zu erreichen — dass die Macht der Verhältnisse die Xationen dazu zwingen wird, Palästina den Juden zu überlassen. Dies mag wohl sein, ich hoffe aber, es ist nicht so. Ich hoffe, dass Palästina den Juden geöffnet werden wird, infolge ihrer Forderung einer politischen Existenz um ihre]' selbst willen, und nicht als Z u f 1 u c h t s o r t v o r G o \v a 1 t u n d V e r f o 1 g u n g. Die Aussichten für ein neues, rcnalionalisiertcs jüdisches Volk werden viel besser sein, wenn das orstere und nicht das letztere, das Vorspiel zur Verwirklichung unserer nationalen Hoffnungen bildet. Ich sage dies beiläufig. Wir müssen jedoch beständig davor auf der Hut sein, dass die Keihen der Zionisten ans solchen rekrutiert werden, deren Motive rein philanthropisch sind, anstatt in erster Linie politisch zu sein. Wenn dies zugegeben wird, so würde es sicherlich dem Zionismus als politischer Bewegung zum Vorteil goreichen, wenn — vorausgesetzt, dass dies möglich wäre — die Lage unseres Volkes überall in solcher Weise geändert werden könnte, dass sie ein freies und gesichertes Leben führen können. In einem solchen Falle könnten wir sicher sein, dass dem Streben nach einer nationalen Existenz nur die höchsten Motive zugrunde lägen, deren der Mensch fähig ist — der Wunsch, die Fortdauer einer grossen historischen Vergangenheit zu sichern, im Bewusstsein der Möglichkeit einer grossen historischen Zukunft. Die Welt würde dann unsere Forderung eines „gesetzlieh anerkannten Heims" in Palästina nicht nur als einen Ausweg aus bitterer Verfolgung, nicht nur als ein Mittel zu persönlicher Sicherheit ansehen; sie würde in den Zielen der Zionisten nicht nur den Wunsch zu leben sehen, sondern auch den Wunsch, das jüdische Leben wiederzusehen, dass in allen jüdischen Herzen durch viertausend Jahre Anhänglichkeit geheiligt ist, verbunden und geheiligt durch eine fortwährende Gemeinschaft zwischen dem Juden und seinem Gotte. Ich will ein lokales Beispiel vorführen. Nichts würde so dazu beitragen, die Reihen des Bundes der englischen Zionisten anwachsen zu lassen, als ein Ausbruch von Antisemitismus in diesem Lande. Jedoch diejenigen, die sich unserer Sache unter solchen [anständen anschlössen, würden ihr sicherlich nicht im bestem Sinne dienen. Unbewusst vielleicht, aber nichtsdestoweniger sicher, Avürde ihr Beweggrund in einem gewissen Grade unzuverlässig sein. Zionisten widerstreben der Gesetzgebung, die sich gegen die ausländischen Einwanderer richtet, weil diese ihrer Ansient räch eine antisemitische Tendenz 1 at, und bedenken nicht, ob nicht einige neue Anhänger durch das Durchgehen solchen7 Gesetze für die zionistischen Vereine gewonnen werden können. Sie wissen, dass solche Gesetze Lngemaeh für Juden mit sich bringen, die vor Verfolgung fliehen, und weitere. Erniedrigung für sie nach sich ziehen müssen, und sie meinen, dass sie ein Vorläufer des Antisemitismus sind: im Vergleiche 'damiit bedeutet wachsende Unterstützung der zionistischen Vereine nichts. Es ist also sicher ungerecht, zu sagen, dass der ostafrikanischc Plan von keinem berechtigten Interesse für den Zionismus ist, da er nicht Palästina angeht. Ein grossartiger Pinn für eine jüdische5 Niederlassung von 5000 Quadratmeilen, wo allmählich viele tausende von Juden sich ansiedeln können, muss an und für sich das lebhafteste Interesse für diejenigen besitzen, die. wie die Zionisten, es übernommen 1 iahen, für die allgemeine Hebung der Lage der Juden, als n.nunigänglicb verbunden mit ihrer Wiederbelebung und "Renetionalisation, Sorgri zu tragen. Wnn.n Tum cm solcher Vorschlag o-omaehf wird, nicht für einen Teil unseres Volkes?, der sich in dem Lande befindet, von dem derselbe ausging, sondern für das jüdische Volk als ein Ganzes, so wäre es Wahnwitz, wenn die Zionisten diese erste Anerkennung von sehen einer grossen Mfcioht, dass di" Jeden berechtigt sind, sich als ein Volk zu betrachten, wie eine Kleinigkeit, die keine Beachtung verdient, zurückweisen würden. Jedoch das Anerbieten der englischen Regie rung macht den ZionisLn noch grössere Konz^ssrnn-m. ird- ]" 'v -' "o d >m Vorsm^'-hen einer Autonomie bereitet war, durch welche die Niederlassung bleibend als eine jüdische anerkannt sein würde. Dass das Gebiet, auf das sich di 's 1 Vorschläge beziehen, nicM Palästina ist. und dass es infolgedessen niemals ein jüdischer Staat werden kann, abgesehen von anderen hm-tände-n mag ein Ausgezeichneter Grund sein — und es ist zweifellos — dass die Zionisten sich weigern, allein als zionistische Organisation das Werk in Ostnfrik;1 7U übernehm en. Sie können jedoch logischerweise weder das ostafrikanische Anerbieten ausser acht lassen, noch sich weigern, ihren Teil an der Arbeit zu verrichten. Wir haben hier n i c h t a 1 1 e i n d i e G e - 1 e g e n h e i t, t a u s e n d o v o n J u den vor de m Ve r d e r b e n z u r e t t e n. ihre Lage zu heben, und in vieler Hinsieht die1 kritische Stellung des J u d e n i n d e r W e 1 t z u m i 1 der n, sondern auch die Behauptung der Zionisten zu rechtfertigen, dass nur Kolonisation in einem grossen Massstabe, der die politische Existenz der Juden mit sich bringt, zu der alle Juden und nicht nur ein Teil derselben Zutritt haben soll, zur Hebung der Lage des jüdischen 'Volkes beitragen kann. Es