Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bis * Weit" Nr. * Kollektivausstellung einen günstigen Ueberblick über sein Schaffen. Vor ihm waren es Jehudo Epstein, Krestin und Eichhorn, welche das jüdische Element vertraten. Den besten Beweis aber, wie viel wahre Kunst die jüdische Easse zu produzieren vermag, haben Samuel Hirszenberg und Abraham Neumann durch ihre Werke geliefert, welche das Museum zur Erhaltung jüdischer Altertümer während dieses Monates in seinen Bäumen beherbergt. Hirszenberg ist mit seinem bereits durch die Reproduktion bekannten und berühmten „Golus" vertreten. .Nicht wegen seiner Aktualität, sondern vielmehr wegen der gewaltigen Tragik, die sich hinter dem Stoffe verbirgt, kann dieses Werk auf jeden empfindungsfähigen Beschauer seine Wirkung nicht verfehlen. Die Darstellung ist in der Form der Historie gehalten, gleichzeitig aber mit jener Realität durchtränkt, ohne die das Kunstwerk zum Plakat herabsinkt. Golus! Welche Empfindungen werden nicht beim Klang dieses Wortes in unserer Seele ausgelöst! Für manchen hat es die Bedeutung einer längst versunkenen Welt, an die man sieh mit einem müden Lächeln auf den Lippen erinnert; andere hingegen erinnert es an die eigene Gefühls- und Gedankenbeschränkung, woraus sie nur ein fester Wille und bewusste Kraft erlösen kann. Der Schöpfer selbst muss in dieser Welt gelebt hahen, andrerseits aber über derselben stehen; er kann sich durch sein Schaffen von derselben befreien . . . Vor unseren Augen entrollt sich das Bild des Judenelends, welches an sich grausam genug durch die Vertreibung von Heim und Herd zur Tragik wird. Diesem Anblick auswandernder Golusmensehen hat Hirszenberg in seinem Bilde den tiefsten Ausdruck verliehen. lieber eine weite, weisse Schneegegend schreiten wie über ein Leichentuch arme, elende^ vertriebene Juden. Voran ein graubärtiger Alter, der den grössten Teil seiner Lebensmühcn hinter sich hat, gleichsam ein Führer seines Volkes. Aber er hat nicht den kühnen Blick eines Wagemutigen, seine Augen sind verschleiert, seine Lippen verschlossen und welk. Hinter ihm bewegt sich eine Schar von Leidgenossen, Männer, Frauen, Kinder. Und trotz der Ermattung und des langen, traurigen Weges sind die Gefühle, welche sonst nur ein glückliches Geschick hervorbringt, in den Herzen dieser Ausgestossenen nicht erloschen. Mit warmer Inbrunst und Feierlichkeit trägt der Jude seinen vertriebenen Gott, die Thora, als Panier in das neue Land hinein, in welches ihn seine Bedränger gestossen. Und väterliche Zärtlichkeit erfüllt den Mann, der sein Kind in den Armen hält, der herrlichste Ausdruck des jüdischen Familiensinnes. Aber nicht nur die Elendsten wandern dem neuen Golus entgegen, auch die Intelligenz, das junge Leben ergreift den Wanderstab, um eine neue Heimat zu suchen. Wie innig Hirszenberg das Leiden seines Volkes begreift und mitfühlt, beweist, dass er seine Eltern und sich selbst im Bilde dargestellt hat. Den Abschluss der Szene bildet ein grau bewölktes Stück winterlichen Himmels, der wie eine mächtige Faust über den Wanderern liegt- So sind Mensch und Natur zu einem mächtigen, tragischen Akkord zusammengestimmt. Während uns Hirszenberg Einblick in die jüdische Menschenseele gewährt, vertieft sich Neumann in die Seele der Landschaft, der Natur. Es sind keine abgeschlossenen Szenerien, die er darstellt; vielmehr Ausschnitte, in jenen Grundton getaucht, welchen der momentane Eindruck auf den Künstler hervorruft. Stimmungsbilder aus Palästina sind es, mit unendlicher Feinheit in Linien und Farbe, in monumentaler Grosszügigkeit des Gesamteindruckes trotz des kleinen Formates. Nicht mit der Hand, mit dem Nerv sind diese Bildchen gemalt, in denen so viel jüdisches Temperament steckt, dass man ganze Galerien damit ausfüllen könnte. Jüdisches Temperament! Das einzige Wort, welches sieh für Neumanns Schaffen im vollsten ITmfange anwenden lässt. Aber nicht nur die Anschauungsweise Neumanns ist orginell und seinem Stoffgebiete angepasst; auch zu einer eigenen Technik musste sich der Künstler durcharbeiten: grosse, breite Pinselstriclie, für den Laien wahllos, dem Kunstkenner natürlich und selbstverständlich. Die FarbenzusammenStimmung, der Wirkung des Ganzen angepasst, lässt Neumann einen feierlichen Grundton anklingen, der die Dinge belebt und den Stimmungsgehalt steigert. So werden seine Landschaften zu Impressionen, indem die Details verschwinden und einer Gesamthamionie Platz machen. Viele werden diese Darstellungsart oberflächlich und unkünstleriseh finden. Aber wie sieher müssen die Linien und Formen, die Ton- und Farbenwerte sein, damit ein solches Bild den Eindruck eines Bildes mit vollem Bildwerte macht? Neu mann offenbart sich in seinen Landschaften als ein wahres Kind seines Volkes. Sensibel, ja nervös, sich überstürzend, nur dem Augenblicke ergeben. Es fehlt ihm die ruhige, stoffliche Art der Darstellung, der breite Ton der abgeklärten Buhe und Gelassenheit. Aber er befindet sieh ja auf der Stufe der Entwicklung zur wahren Höhe einer bewusst jüdischen Kunst. Durch ihre Schaffensart haben die beiden Künstler einander befruchtet und zu neuen Problemen angeregt, deren Resultat allerdings noch in der Zukunft liegt. Die beiden Künstler beabsichtigen nämlich, im Bunde mit dem trefflichen Jehudo Epstein, ein Palästinapanorama zu malen, welches alle Schönheiten des heiligen Landes umfassen soll. Und es haben sich bereits Förderer für dieses jüdische künstlerische Unternehmen gefunden. Gleichzeitig mit ihnen projektiert der Bildhauer Boris Schatz, in Palästina eine Kunstgewerbeschnle nach modernem Muster zu errichten. Mögen diese Bestrebungen, welche für das gesamte jüdische Volk von weittragender Bedeutung sind, mit Erfolg gekrönt sein. Dann ist auch für uns das Wort „Heimatlcunstu kein leerer Sehall mehr. Wien. Oskar Rosenfeld. Die Juden im Goetheschen „Faust". Nach Louvierscher Erklärung. Von Gustav Tuch.' (Sehluss.) Louvier schliesst seine kabbalistische Deutung der Zueignung mit folgenden Worten ab: „Die Lösung des Rätsels war für mich als Christen und ' ohne Kenntnis der hebräischen Wissenschaften sehr schwierig. Ich erinnere noch die Stunde, da mir zuerst die Erkenntnis aufging, dass im Grunde die ganze Zueignung im „Faust44 hebräisch oder hebräisch-deutsch geschrieben sei. und ich an allem Erfolg verzweifeln wollte. Dennoch hat gerade die Zueignung allein mich auf die kabbalistische Untersuchung geführt und dazu gezwungen. Durch dieses Chiffernrätsel wird zunächst festgestellt, dass Goethes „Faust" ein Geheimbuch im strengsten Sinne ist und als solches auch nur auf kabbalistischemWegezu lösen ist. Das Rätselbuch „Faust" lässt sich dagegen mit Hilfe der Logik auflösen. Nunmehr hat auch die Zueignung ihre vierfache Bedeutung gewonnen: Poetisch erfasst, ist sie eine Elegie auf Jugendtage und Freunde des Dichters.