Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Mbic & Wfit" Seite 9 „B erlin, 1. Februar. Der Landtag hatte am letzten Montag wieder einmal eine Judendebattc. Der Abgeordnete der Freisinnigen Völkspartei G-yssling führte namens seiner politischen Freunde Klage über die ungleiche Behandlung der Eiehter jüdischer Konfession gegenüber denen anderer Eeligionsbekenntnisse bei der Beförderung in höhere Eiehterstellen. Von 1879 bis 1900 seien nur drei jüdische Richter zu Oberlandjesgeriehtsräten befördert worden. Auch bei der Regierung* und im Militär zeige sich dasselbe System. — Justizminister Schönstedt erwiderte auch diesmal — wie immer — kurz und bündig, dass er es ablehne, auf die Anfrage des Redners einzugehen, denn die Ernennungen gehören zu den Vorrechten der Krone." Letztere Tatsache verschweigt merkwürdigerweise ein reichsdeutsches Assimilantenblatt — eine schmachvolle Defraudation. Damit das arme jüdische Volk der Einbildung einiger Leute folgt, die ihre Ueberzeugung an die Presse bezahlen können, wird gefärbt, gelogen und geldreht. Gegen alle Vernunft eine Laune kindisch zu verteidigen auf Gefahr und Rechnung unseres armen Volkes, das. ist eine Schmach für einen Mann. Also nur weiter gegen den Zionismus, ihr Herren von der eisernen Kassa und Stirne! y. Aus Russland Die jüdische Bevölkerung in Russland ist um eine Hoffnung ärmer geworden. Der russische Minister des Innern, Fürst S w i a t o p o 1 k - M i r s k y, ist auf eigenes Ansuchen seines Amtes enthoben worden. Mit ihm ist ein Staatsmann aus der Leitung der inneren Politik Russlands geschieden, welcher zum ersten Male seit dem Regierungsantritt Alexanders II. der unerträglichen Lage unserer Volksgenossen im Zarenreiche wirklich wohlwollende Aufmerksamkeit zuwenden wollte. Er war der einzige Staatswürdenträger im modernen Russland, welcher in die Behandlung der Juden und der sogenannten jüdischen Frage Men schlichkeit tragen wollte. Bereits als Gouverneur von Jekaterinoslaw hatte der vornehm denkende und durch und durch humane Fürst Swiatopolk-Mirsky Gelegenheit, die Juden bei der Arbeit und in ihren Drangsalen genau kennen zu lernen. Und er brachte diesen Mühebeladenen und Bedrückten, diesen Erniedrigten und Beleidigten warmes Mitgefühl und den Wunsch entgegen, ihre Leiden nach Möglichkeit zu lindern. Und seine Amtstätigkeit in Jekaterinoslaw war für die Juden in diesem Gouvernement eine Aera der Einstellung der aktiven und nichtaktiven, der direkten und indirekten Judenverfolgungen und-Drangsalierungen. Man hatte damals genau gewusst, dass der Fürst, wie man Swiatopolk-Mirsky einfach nannte, niemals gestatten würde, friedliche und arbeitsame Bürger grundlos und willkürlich zu verfolgen. Noch stärkere Sympathien brachte Fürst Swiatopolk-Myrsky den Juden als Generalgouverneur von Wilna entgegen. Hier, im Nordwestgebiete, in dieser Stätte jüdischen Elends und jüdischer Armut, erkannte erst Fürst Mirsky deutlich, welchem schrecklichen Geschicke durch die Ausnahmsgesetze über die-Juden unsere Volksgenossen in Russland ausgesetzt wurden. Und er tat sein Möglichstes, um die an Schärfe immer zunehmende Notlage der Juden im An Siedlungsgebiete zu lindern. Er hatte ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Leiden unserer Volksgenossen, er erleichterte ihnen den Zutritt zu ihm, er bestand darauf, dass in der Behandlung der Juden im „Rayon" wenigstens nicht Willkür zum Ausdrucke gelange. ' Als Fürst Swiatopolk-Mirsky am 8. September vorigen Jahres an Stelle des ermordeten v\ Plehwe zum Minister des Innern ernannt wurde, bemächtigte sich der gesamten jüdischen Bevölkerung in Russland ein Gefühl der Erleichterung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt erklärte er einer jüdischen Deputation, welche bei ihm erschienen war, um ihn zu begrüssen, dass er sein Möglichstes tun werde, um die wirklich schwere Lage der Juden, in Russland zu erleichtern. Er blieb seiner Zusage treu. Während der fünf Monate seiner Amtstätigkeit ergriff Fürst Swiatopolk-Mirsky, wiewohl von Amtsgeschäften überbürdet, Massnahmen, um die Erleichterung der Lage der Juden vorzubereiten. Er arbeitete den Plan der bedeutenden Erweiterung de» jüdischen Ansiedlungsrayons aus, er beschloss, alle Gesetze Alexanders II. über das unbeschränkte Wohnreeht jüdischer Handwerker und ausgedienter Soldaten im ganzen Reiche wieder in Kraft zu setzen, er hatte die feste Absicht, auch die Regelung der Frage der unbeschränkten Zulassung von Juden zu den Hochschulen zu erwirken. Den jüdischen Ackerbaukolonien in Russland, welche dem Ministerium des Innern unterstellt wurden, wollte er die Rechte aller anderen Dorfgemeinden im Reiche einräumen. Aber alle seine guten Absichten gelangten nicht zur Verwirklichung und er schied aus dem Amte, ohne ihre Verwirklichung gesichert zu haben. Die Juden in Russland, welche mit dem Rücktritte des Fürsten Swiatopolk- Mirsky eine ihrer neuesten Hoffnungen zu Grabe getragen haben, werden diesem edlen Staatswürdenträger unauslöschliche Dankbarkeit bewahren, weil er den ehrlichen Mut hatte, den Wert der Juden als Nationalität anzuerkennen und die Fesseln sprengen zu wollen, welche die normale Entwicklung unserer Volksgenossen hemmen. Die Sympathien, welche der zurückgetretene Staatsmann der Sache des Zionismus entgegenbrachte, bewiesen deutlich, von welcher Achtung er für die kulturellen Bestrebungen unserer Volksgenossen beseelt war. Von einer Besserung der Lage der Juden in Russland kann somit unter den obwaltenden Umständen kaum die Rede sein. Wir haben unlängst die Worte angeführt, welche Senator Gerhard, eines der einflussreichsten Mitglieder des Ministerkomitees, über die Schwierigkeiten fallen liess, welche sich der Lösung der jüdischen Frage in Russland entgegenstellen. Wir besitzen jetzt noch ein massgebenderes Urteil über diese Angelegenheit. Das sind Worte des Präsidenten des Ministerkomitees selbst, des Staatssekretärs Witte. Einer jüdischen Deputation, welche erschienen war, um für die Erweiterung der Rechte der Juden zu petitionieren, sagte Witte wörtlich : „Ich selbst sympathisiere mit der Erweiterung der Rechte der Juden und werde gewiss alles tun, was möglich ist. Aber die Schwierigkeiten und die zahlreichen Hindernisse, welche sich der Lösung der jüdischen Frage in unserem Lande entgegenstellen, sind nicht leicht zu beseitigen." Diese kompetente Äusserung ist mehr als ein Programm und die Vernünftigen werden alles begreifen. Dass die Praxis in der Behandlung der Juden im Reiche die alte geblieben ist, geht aus zahlreichen Vorgängen aus der jüngsten Zeit deutlich hervor. Die innere Bewegung, welche in ganz Russland entstanden ist. wird in manchen Städten dazu benützt, um den Pöbel, welcher sich doch allen Volksbewegungen anschliesst, gegen die Juden aufzuhetzen. In Krinka im Gouvernement Grodno demolierten die Ruhestörer alle jüdischen Häuser und Geschäfte, plünderten Hab und Gut vieler armer Familien und misshandelten viele Juden, welche ihre Familien und ihr Eigentum schützen wollten. Die Polizei verhielt sich passiv. In Hornel kam es zu noch traurigeren Folgen für die Juden. Dort wurden die ausgebrochenen Unruhen mit Waffengewalt unterdrückt, dabei aber merkwürdigerweise ein jüdisches Mädchen und drei jüdische Jünglinge getötet, welche die Plünderer von ihren Behausungen fernhalten* wollten. Am deprimierendsten wirkt jedoch die offizielle Meldung, dass dem Vorsitzenden des Homeler Sondergerichtes in dem Prozesse wegen der Judenexzesse, Staatsrat K o 11 j ar e w s ky, der während der ganzen Dauer der Verhandlungen alles schroff zurückwies, was die Unschuld der angeklagten Juden beweisen konnte, und die Verteidiger der Juden derart drangsalierte, dass sie gezwungen waren, die Verteidigung niederzulegen und den Saal zu verlassen, auf Befürwortung des Justizministers ein hoher Orden verliehen wurde „für seine bemerkenswert eifrige Dienstleistung8. Der Prozess in Hornel ist nach zweiwöchentlicher Unterbrechung wieder aufgenommen worden. Grosses Interesse bot die Zeugenaussage des russisch-orthodoxen Advokaten Kaloschnikow. Diese Aussage machte alle Anschuldigungen gegen die Juden zunichte und stellte die Vorgänge in Hornel in ihrem wahren Lichte dar. Doch darüber — das nächste Mal. Gt. The Jewish Colonial Trust. Bekanntmachung. Vom L Jänner 1905 ab erfolgt der Verkauf von Aktien unserer Company exklusive Coupon Nr. 2. London, den 13. Dezember 1904. The Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank) Ltd. Brook House, Walbrook, E. C