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Die Welt · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 fl5i* # weit" Nr. 6 Wohl ist es wahr, dass der Zionismus das ganze jüdische Volk umf asst, dass er Angehörige der verschiedensten Gesellschaftsklassen ainld Leben sanschamingeri zu seinen Anhängern zählt, sofern sie die gemeinsame Judennot empfinden. An dieser Tatsache vermag der> gegenteilige Wunsch eines polnischen Sozialisten wohl'wenig zu ändern. Wahr ist es auch, dass unsere Kongresse „riesig" sind, in bezug auf Beteiligung sowohl als in bezug auf das Niveau der Debatten. Wahr ist es, dass der Zionismus eine Literatur geschaffen hat, die an Umfang, Inhalt und Sprachen- Vielfältigkeit ihresgleichen sucht. Wahr ist es, dass wir die Sympathien der gesamten anständigen Christenpresse gewonnen haben, von der verschämt judenliberalen und der verkappt antisemitelndeii Sozialistenpresse natürlich abgesehen. Wahr ist es, dass das Genie unserer Führer von der gesamten gebildeten Welt anerkannt wird. Dass aber Uganda eine „Kleinigkeit" sei, das ist eine bewusste und kühne Unwahrheit. Und diese meine Behauptung unterschreiben nicht nur die Jasager, sondern auch die verbissensten Neinsager. Unwahr ist es ferner, dass Uganda die erste praktische Frage sei, die wir zu lösen hatten. Der Baseler Zionismus hat schon so manche schwierige praktische Frage gelöst, um nur der Kolonialbank und des Nationalfonds Erwähnung zu tun. Er hat den Rahmen geschaffen für Gegenwartsprogramme, die sich in Einzelheiten nach Ländern unterscheiden mögen, die aber gemeinsam die geistige und materielle Wohlfahrt und Stärknng der lebenden jüdischen Generation mit Erfolg anstreben. Eine Lächerlichkeit sondergleichen ist dann die Sehlussfolgerung, die den Bankrott des Zionismus verkündet. Wie oft haben schon Raben' gekrächzt, ohne dass Leiehengenich zu verspüren wäre! Da hal)eii sich stärkere Hirne, meine Herren Dichter und. Erdichter, an das Baseler Programm herangewagt, ohne — oder was dasselbe sagen will — mit eurem Erfolg. Glaubt ihr etwa darin glücklicher zu sein? Seid gewarnt! Ifands'off, meine Herren, hands off! ef. ,--------^ j. Lenzmanns Beschützer. Im deutschen Reichstage hat der Abgeordnete Lenzmann mit einer gewundenen Einleitung, worin er sich gegen den Vorwurf des Philosemitismus verwahrte, eine Interpellation in Sachen des Grafen Pückler eingebracht. Diese Interpellation wurde im Namen der freisinnigen Partei, des Hortes und derStütze der cleutschenAssimilanten, begründet. Doch haben letztere schon wiederholt die Erfahrung gemacht, dass „Aegypten ein schwaches Rohr ist; wer sich darauf stützt, dem durchsticht es die Hand". So hat schon der Abgeordnete Kopsch derselben Partei seinen Antisemitismus klar gezeigt. Trotzdem hat der Preisinn weiter an ihm einen Vertreter (Stammwort: Tritt). Mein Gott, wer wird denn mit den Juden Geschichten machen? (gelegentlich putzt man wohl, wieder seinen Liberalismus ab, stellt ihn in WählerverSammlungen aus und geht dann 'Stimmen absammeln, wenn nichts anderes. So hähVs nun auch der Abgeordnete Lenzmann. Sein Freisinn ist total zerlöchert und durch jede Lücke sieht man den Antisemiten. Die judenfeindlichen Blätter zeigten auch die ganze .Pracht des inwendigen Lenzmann, antisemitische Äusserungen, die er getan hat, in Menge. Lenzmann hat sich auch keine Mühe gegeben, das zu dementieren. Er kennt seine Juden und weiss, dass sie auch einen antisemitischen Freisinn annehmen. Richtig! Wir reproduzieren folgenden Artikel aus Klausners „Isr. Wochenschrift". Der unentwegte Grossvater der freisinnigen Idee berichtigt seine Politik in folgendem Aufsatz:; „Leuzmann rehabilitiert. — Am 26. Jänner fand eine Versammlung des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" statt, in der es zu einer Dankeskundgebung für den Reichstagsabgeordneten Lenzlnann gekommen ist. Der zweite Vorsitzende Herr Rechtsanwalt Dr. Fuchs betonte, dass von antisemitischer Seite vergeblich versucht worden sei, unter den Juden Misstrauen gegen Lenzmann zu säen und ihn als heimlichen Antisemiten hinzustellen. Selbst wenn er einzelne antisemitisch angehauchte Aussprüche getan hätte und in seinem Privatleben kein Freund der Juden wäre, seien ihm die Juden zu Dank verpflichtet. Wer öffentlich im Reichstag bekunde, dass er den Antisemitismus für ungerecht und unanständig halte, verdiene den Dank der Juden. Darin liegt eine so unjerliörtej Selbsterniedrigung, dass sie für unser Begriffsvermögen nicht zugänglich ist. Mit tiefem Schmerz empfinden wir, welche Kluft besteht zwischen uns und jenen jüdischen Kreisen, denen die Furcht vor dem Antisemitismus das moralische Herz so sehr zerfressen hat, dass ihnen jedes Verständnis für Mannesstolz und Menschenwürde verloren gegangen zu sein scheint. Wer noch eine Spur jüdischen Empfindens in seiner Seele birgt, muss angesichts solcher Begebenheiten vor Scham sein Antlitz verhüllten. Wir lieben es im allgemeinen nicht, von Aeusserungen der „Staatsbürgerzeitung" Notiz zu nehmen; liier aber wollen wir sie doch zitieren, denn sie hat diesmal ein wahres Wort gesprochen, indem sie vom Zentralverein sagt : „Dass jüdische Vereine sieh dermassen erniedrigen würden, wie es hier geschehen, haben wir denn doch nicht erwartet. Trotzdem also jemand in seinem Privatleben sich gegen die Juden äussert, wird er doch gelobt, wenn1 er sich nur öffentlich gegen die Antisemiten ausspricht, also ein Heuchler ist! Wahrlich, der Zentralverein hat's, redlich verdient, dass ihm sogar die „Staatsbürgerzeitung" eine Moralpredigthält. Demi es ist nicht das erste Mal, dass dieser Verein, der sich als eine Art offizieller Vertretung der deutschen Juden ansieht, durch öffentliche Handlungen das jüdische Publikum .desavouiert und seine Gefühle verletzt. Als vor l1/2 Jahren der „heimliche" Antisemitismus des freisinnigen Abgeordneten Kopsch entdeckt wurde und die ganze deutsche Judenheit in ihrer Enttäuschung aufs bitterste empört war, war es ebenfalls der Zentralverein, der den Privatantisemiten in Schutz nahm und ihm öffentlich sein Vertrauen kundgab. Damals gewannen wir bereits den Eindruck und "heute noch viel mehr, dass die Herren vom Zentralverein die Wahrheit wohl erkennen, aber nicht den Mut besitzen, ihr offen ins Gesicht zu sehen. Man fühlt sich behaglicher in dem Glauben, dass alles noch beim alten sei und dass der Freisinn noch immer ein mächtiges Bollwerk gegen den Antisemitismus bedeute. Aber wir wollen und sollen uns nicht länger selbst täuschen. Wir sehen, dass der Liberalismus gegen den heimlichen Judenhass nicht mehr schützt, und wir befürchten, dass die Scheu vor dem öffentlichen Bekennen des Antisemitismus in dem Moment verschwinden wird, da der Freisinn nicht mehr auf die Stimmen der jüdischen Wähler angewiesen ist." Was machen wir also weiter, geehrtester Prophet der Assimilation? Nehmen wir den Freisinn in ausschliesslich jüdische Regie, das heisst, dass nur die Juden freisinnig sind gegen sich selber? Kein richtiger M'ann braucht sich eines begangenen Irrtums zu schämen. Klausner und Genossen haben es mit ihrer Ueberzeugung gewiss ehrlich gemeint; nun aber haben sie ein Debacle auf der ganzen Linie erlebt. Lenzmanns sind alle im Reichsrate wenigstens, sogar die Sozialdemokraten. Die Behörden? Hier eine Kachricht aus dem Landtag;

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