Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 „bit & Wtii« Seite 1 Hoffnung lässt uns über ganz Europa "und den Ozean blicken — stark in den Wurzeln und im Stamme, wird für unsere Bewegung eine kolossale Miacht bedeuten. Die Sprecher einer solchen Organisation dürften wohl wenig Türen finden, die ihnen verschlossen bleiben. 'Man sieht also einen Weg zur Bildung eines wertvollen und grossen Faktors für unsere Beiwegung. Natürlich müssen weltkluge, ellbogenfreie und bewährte Arbeiter aus den Eeihen der Alten Herren zur Führung, berufen werden, welche in dem Projekt eine Lebensaufgabe erfassen. : Der Anfang ist nun gemacht. Die Wiener Organisation sei Beispiel und Führer und die Gedanken ihrer Gründung seien Keime weltbedeutender Taten. Sei jeder einzelne Herr und Meister grosser Kräfte und williger Diener einer Idee, welche die grössten Geister Europas anstaunen! Es ist Heldentum, das der Zionismus von den Studenten erwartet, mit sicherster Hoffnung. Nicht nur Genie ist Arbeit, meist auch das Glück. Wir haben für den Verband einen herzlichen Glückwunsch in jedem Sinne. Natürlich konnte nur weniges und nur andeutungsweise gesagt werden. Im Kreise der Berufenen wird das Zweckdienliche näher erörtert und fleissig durchgesetzt werden. Die Anfänge werden langsamer sein und Direktiven voqu Kongress werden vor dem energischen Eingreifen notwendig werden. Bis dahin möge der Verband einen zionistischen Befähigungsnachweis führen. Der Nationalfonds ist zu versorgen. Man braue!lt doch einem Akademiker nicht zu sagen, was uns die Erde unseres Landes vom Standpunkte des Gefühls und der Vernunft ist. Auch soll nicht wiederholt werden, dass der Fonds noch immer kein sicheres Einkommen hat. Das sollen ihm die Studenten schaffen. Jeder von ihnen hat wenigstens einen Kaffechaustisch, wo er mit Nichtzionisten zusammenkommt. Hier erfülle er seine Ehrenpflicht und sammle für unser Land. Es ist merkwürdig leicht, eine Monatsliste mit 3—4 feststehenden Zahlern zu haben, die für den Nationalfonds noch so wenig, aber zum bestimmten Termin zahlen. Man muss sich wirklich nur selbst dazu überreden. Die Juden sind in öffentlichen Versammlungen nur betäubt von den liberalen Phrasen, aber von Mann zu Mann zeigt sich schnell das jüdische Herz. „Selbstbesteuerung" jedes Juden mit einem fixen Minimum ist die anstrebenswerte Form für unser heiliges Volkswerk. Schaut euch die Listen auf der letzten Seite an, die in der Rubrik „Selbstbesteuerung" stehen. Nichts leichter, als diese Rubrik zu vervielfachen. Der Nationalfonds hätte Zahler übergenug, wenn er Sammler hätte. Genug Worte — Pflichten gibt's mit unentschuldbarer Versäumnis. Wir oitten anzufangen. —y. Politikaster.*) Politik unä Poesie vertragen sich nur in den seltensten Fällen. Der Erfahrungssatz „Inter arma silent musae" behält seine Gültigkeit auch für das Gebiet der publizistischeil Fehde. Freilich gibt es auch da Ausnahmen. Dann müssen aber zwei günstige Bedingungen zusammentreffen: eine ungewöhnliche Lage unid — was das wichtigere ist — ein ungewöhnliches Talent. Die Lage des jüdischen Volkes ist zwar ungewöhnlich genug, dem Herausgeber der „neuen" Jargonwochenschrift „Das jüdische Wort" können wir unmöglich die zweite der oberwähnten Bedingungen ohne weiteres zugestehen. Nicht *) Dem [Wunsche der Krakauer Gesinnungsgenossen entsprechend" veröffentlichen wir diese Ausführungen, ohne dass wir die Ansicht der Gesinnungsgenossen rücksichtlich der Bedeutung der Angriffe ml der Angreifer teilen. jedes schöne Talent ist zugleich ungewöhnlich. Herr E eisen hätte es sich also zur M'axime machen sollen: Fern von jeder Politik. Wir haben und können nichts dagegen haben, wenn er in dem Leitartikel seiner Wochenschrift eine Lanze für den jüdischen Jargon bricht — das ist und soll ja der eigentliche Zweck der Zeitschrift sein, der jüdischen Sprache das Bürgerrecht unter den Sprachen zu erkämpfen. Wir müssen uns aber energisch dagegen verwahren, dass eine Zeitschrift, die sich in der zionistischen Presse annoncieren lässt, ja, der man sogar gewisse „Beziehungen" zum. Wiener Verlag „Zion", einem Unternehmen der zionistischen Landesorganisation Oesterreichs, nachsagt, dass diese Zeitschrift ein Sprungbrett abgibt für gewisse gehässige Angriffe gegen den Zionismus. In Nr. 3 des in Krakau erscheinenden „jüdischen Wortes" debütiert ein Schriftsetzer — Verzeihung (beinahe hätte ich das Richtige getroffen) — ein Schriftsteller mit einem Artikel: „Was lehrt uns der VI. Zionistenkongress?" Der Artikel erschien an der Spitze der Nummer ohne, jeden redaktionellen "Vorbehalt, daher die Annahme, der Herausgeber teile die Ansichten des Verfassers, vollauf gerechtfertigt erscheint. Ja diese Annahme wird zur Gewissheit in dein Augenblicke, wo uns Herr Reisen persönlich erklärt, er habe den Artikel angenommen, da „etwas" daran sei. Liese Bemerkung diene nur als Beitrag zur Ehrlichkeit gewisser Herausgeber, die mit ihrem Namen eine Kritik des Zionismus decken, welche nicht etwa von jüdischnjationalen Gegnern dfes Zionismus, sondern von einem notorischen Anhänger der polnischnationalen Sozialistcnpartei herrührt, eine Kritik, deren — verschwiegenes — Endziel es nur sein kann, auf den Trümmern' der Judenstaatsidee die Fahne des polnisch-sozialistischen Zukunftsstaates aufzupflanzen. Dies vorausgeschickt, wollen wir einen Augenblick dem Gedankengange des Artikelschreibers — dessen Name uns übrigens nicht erwähnenswert scheint — kritischen Auges folgen. An der Hand der Ugandafrage beschloss der Artikelschreiber, die Unzulänglichkeit des zionistischen Programmes nachzuweisen; er wollte justament zur Konklusion kommen, dass eine Partei, die alle Klassen umfasst, Bankbruch erleiden müsse. Diese Konklusion war die Voraussetzung, die ihr vorausgehende- Argumentation ist nachträglich bei den Haaren herbeigeschlepptes Machwerk. „Und je mehr wir die Ugandafrage betrachten, umso weniger können wir es begreifen, wie es denn möglich sei" — dass eine grosse Partei darüber zu Falle komme! Wenn er diesen letzten Satz so einfach hingeschrieben hätte, er hätte vielleicht nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Da geht nun der gute Mann ganz anders zu Werke. Er weiss, was ihm nützt: Die zu Falle gekommene Partei muss gross, sehr groiss, die Ursache des Falles muss klein, sehr klein sein. Wider seinen Willen und Wunsch wird nun die zionistische Partei eine Partei, „die das ganze jüdische Volk umfasst, die solche fünf riesige Kongresse gehabt hat, die eine so riesige Literatur in alle n europäischen Sprachen geschaffen hat, die so viel Sympathie in einein gewissen Teile der christlichen Presse gewonnen hat"*, „eine Partei mit so genialen Führern". Wider sein besseres Wissen wird ihm Uganda, zu einer „Kleinigkeit". Wer's glaubt, wer ihm auf den Leim geht, der wird nun erstaunt nach dem Grunde dieser Erscheinung fragen und da ist er auch gleich mit der Antwort: „Das- Programm, das Baseler Programm, ist schuld daran. Es ist kein Klassen* programm, es umfasst das ganze Volk, daher musste es bei der ersten praktischen Frage, die es zu lösen hatte, in die Brüche gehen." Quod erat demonstrandum.