Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316138--46576-3341429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Die $ weit'1 denken darf. Man muss vielmehr in den Kernpunkt der Organisation hineingehen und alle ihre Formen im Leben studieren. Das habe ich gemacht und diese Vorlage hat mir das Leben diktiert, Brief an die Hochschlier Der Zioirist fühlt sich von der Schweiz auch deswegen so angezogen, weil er hier eine körperlich zähe Bevölkerung sieht, der man es anmerkt, dass sie mit nüchternen und klugen Gedanken ebenso wie mit leidenschaftlichem Gefühl der Wohlfahrt ihres geliebten Vaterlandes kraftvoll zu dienen bereit ist. Die ganze Schweiz atmet die würdevolle Ruhe gereifter Männer, die grosse Ziele vor Augen haben und ohne Lärm, aber mit stiller Beharrlichkeit, ihres Weges ziehen. p Man braucht das Gegenteil nicht erst zu nennen. Die blutigen Katastrophen, die uns Juden das Schicksal gebracht hat, sind immerhin erst Unfälle; der Sklavensinn, den man in uns geknetet hat, ist erst das wahre Unglück. >Tun kam in rasender Eile die zionistische Agitation und suchte den Staub von Jahrhunderten aus unseren Hallen zu fegen. Es ging rascher, als man hoffen konnte, aber der Typus des hochherzigen und leidenschaftlichen jüdischen Patrioten ist erst spärlich gesät. Jftin haben wir aber das Holz, aus dem man solche Leute schnitzt. Es war geradezu ein Beweis für die Notwendigkeit des Zionismus, dass ihm die Jugend zuflog, die Jugend, deren akademische Bildung sie das Denken gelehrt hatte. Die Verhältnisse und die Zeit haben aber noch keine rechte Entwicklung ermöglicht, welcher bei unseren zio^- n istischen Akademikern die Gruppen und Individuen noch bedürfen. Es liegt auf der Hand, dass unser Weg noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, und unsere Studentenschaft muss sich rüsten, dabei eine wichtigere Rolle zu spielen als bisher. Wir können von unserem Bürger, der seinen Idealismus gegen die Not des Lebens zu verteidigen hat, wenig mehr verlangen als seine Gefolgschaft. Der akademische Bürger aber ist uns mehr schuldig und kann mehr tun, wie die Geschichte aller kämpfenden Völker beweist. Wir haben auch schon einen Schritt nach vorwärts zu verzeichnen, von mehr Bedeutung als es scheint, weil er ein Zeichen ist. Die Gruppen der Wiener Studentenschaft, welche unsere zahlreichsten an einem Orte sind, waren lange zu keiner Einigung zu bringen. Unter der Aegidc des Gg. Dr. Piekarski wurde aber eine vernünftige Verständigung über die Teilung der Arbeitsgebiete getroffen, und nun ist die unvermeidliche, hitzige Toren twicklung überstanden und die Gruppen, haben ihre natürlichen Plätze gefunden. Daraus entsprang mühelos vollste Einigkeit für jedes geeinte Vorgehen in der Oeffentlichkeit. Miit den prinzipiellen Firklärungen ist es aber noch nicht abgetan. Es nützt nichts, die Lippen zu spitzen, es will auch gepfiffen sein. Die geschaffene Obmännerkonferenz hat unbegrenzte Möglichkeiten und ein in jeder Beziehung endloses Arbeitsfeld, das weit über Lokalgebiete hinausgeht. Vor allem Achtung auf die Zahl! Sie lässt sich auch in Wien noch vielfach vergrössern und das ist eine unbedingte Notwendigkeit. Denn die Promovierten sind die Wortführer der öffentlichen Meinung und möglichst viel zionistische darunter zu haben, ist ein Gebot, Auch ist die politische Lebensfreude in einer Masse grösser, ganz abgesehen von dem Gewicht der Aktionen, welche durch die Zahl der Teilnehmer wächst. Es muss also der Erwerbstätigkeit für Material die allergrösste Sorgfalt gewidmet werden: der Semesterbeginn muss jede Gruppe in fieberhafter Tätigkeit finden und eigene Kommissionen, müssen Dienst auf der Universität führen. Diese können natürlich nur Bormalitäten erledigen. Sache der Gruppen aber ist es, ihren Mitgliedern nicht nur moralische, sondern auch materielle Anziehungspunkte zu bieten. Um nicht weitschweifig zu werden, kann nur angedeutet werden: Plan und Energie in der Stellenvermittlung. Ueber das Wie und Was werden die neu einzusetzenden Arbeitskommissionem schlüssig werden. In solche Kommissionen mit verschiedenen Zwecken denken wir uns jede Gruppe geteilt, wobei durch Heranziehung der Alten Herren, die für positive Arbeit zu haben sind, eine wichtige Frage erledigt werden dürfte. Ihre freie Zeit haben die Mitglieder für ihre zionistische Ausbildung zu verwenden. Den Graetz4 ordentlich zu kennen, ist ein anzustrebendes Minimum. Weitere Torschriften sind Sache der Präsidien. Die Torträge (geschichtliche Eeferate) müssen häufiger sein, nicht nur zur Belehrung der Zuhörer, sondern auch zur Fortbildung im Sprechen. Dazu müssen gerade die Jüngeren heran. Die Torschriften der Terbindungen in bezug auf Disziplin sollten allgemein angenommen werden, um den Terband straffer zu gestalten. Diese Disziplin wird vor allem dazu benützt werden müssen, um den Anfang und das Ende alles Idealen herbeizuschaffen: Geld. Zu vielen seiner Zwecke wird der Terband Geld nötig haben. Es darf nicht mehr vorkommen, dass vor dem Antisemitismus Gefallene verlassen und verloren sind. Aber auch viele weitere Gesichtspunkte sind massgebend. Eine Stärkung des zionistischen Elementes ist an anderen Universitäten oft eine Notwendigkeit und wäre leicht durchzuführen, wenn die delegierten Studenten wenigstens so lange gehalten werden könnten, bis sie sich eingelebt haben. Wir wissen sehr wohl, dass wir da an den schwierigsten Punkt rühren. Denn der jüdische Student ist alles eher als auf Rosen gebettet und ist mit Recht schwerhörig gegen das Ansinnen, neben aller Arbeit für das Judentum diese Arbeit auch noch zu bezahlen, statt dass das die Juden tun. Hier muss er seine Ueberzeugung auf die härteste Probe stellen und im Namen der Moral sich zum jüdischen Spartaner machen. Es geht; das können Erfahrene sagen. Es muss gehen; kleine Bruchteile, aber viele. Es sind also in jeder Universitätsstadt viele Leute nötig, um sie für geschlossene Aktionen in einer Masse zu sammeln, über die weder ein jüdischer, noch ein antisemitischer Machtfaktor zur Tagesordnung übergehen kann; viele Leute, um sie in alle jüdischen Tereine zu zerstreuen, um das jüdische Leben mit zionistischen Tendenzen zu tränken. Diese Leute müssen zionistisch, rednerisch, gesellschaftlich ausgebildet sein. Je mehr die Gruppen Mitglieder haben werden, umso mächtiger werden sie wirken und ihre Leute umso günstiger für die Studienzeit versorgen können. Noch ein Schlusswort über die lokalen Terbändo. (Solche anzuregen, wo ihre Schaffung notwendig erscheint, werden die Wiener wohl besorgen.) Ein Gedanke, der Erwägung wert, wären Rednerschulen. Mögen Sachverständige Tersuche machen, die zu einem brauchbaren Ergebnis führen. Die Fühlung der Einzelv'erbände untereinander wird den Zweck haben, den Alustausch von Kräften zu ermöglichen und die Ferialagitation auf dem flachen Lande in ein System zu bringen. Auch hier wird die Massenwirkung ungeahnte Erfolge bringen, wenn es sich z. B. darum handelt, Kultusgemeinden zu irgend einem Zwecke herbeizuziehen. Weitere Terbindungen sind mit den Kommilitonen in den einzelnen Staaten zu suchen. Eine festgefügte Weltorganisation der zionistischen Akademiker — ein feine