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Die Welt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 flwe # weit11 Nr. 5 Jahresbericht der Anglo-Jewish Association. In der Generalversammilung der Anglo Jewish Association vorn Dezember ist der 33. Jahresbericht der Vereinigung zur Verteilung gelangt. Der Bericht beschäftigt sich ausführlich mit der Lage der Juden in Russland und Rumänien und gibt folgende Daten: Das Schulwesen der Vereinigung macht nur langsame Fortschritte, .weil die für grössere Ausdehnung erforderlichen Geldmittel nicht zur Verfügung stehen. In den zur Zeit von der Anglo-Jewish Association subventionierten Schulen werden im ganzen 9863 Kinder unterrichtet, die dafür gezahlte Subvention beträgt für das Berichtsjahr über 3300 L. St. Der Baufonds ist für den Bau des neuen Rabbinerseminars in Konstantinopel, der Moria-Schule in Bukarest und der Schulen von Mo gada r, Alexandria und Tanger in Anspruch genommen worden. Madame Otterbourg, Vorstandsmitglied des Vereines, hat privatim 500 L. St. für den Baufonds gesammelt und hat von der Alliance lsraelite 1000 L St. dafür erlangt. Die Vereinigung hat 32 Zweigviereine: 16 in England selbst, 9 in den britischen Kolonien und Ansiediungen, 3 in China und je eine in Indien, Marokko, Japan und Argentinien. Das Gesamteinkommen belief sich im Berichtsjahre auf 4776 L. St., die Ausgaben betrugen 5025 L. St. Der Vorstand der Vereinigung bittet dringend um eine grössere Anzahl der jährlichen Beiträge, damit die Fortsetzung und die Erweiterung des Erziehungswerkes ermöglicht werde. Feuilleton. Die Juden im Goetheschen „Faust". Nach Louvierscher Erklärung. Von Gustav Tuch.*) III. „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.'* Die hebräischen Buchstaben sind zweifellos schwankende Gestalten, sinnlich wahrnehmbare Figuren, die zwar iiehener landergestelit sind, über deren Auffassung aber erst dannKlarheit geschaffen ist, wenn etwas ihre Bedeutung Bestimmendes hinzutritt, sie schwanken; denn durch hinzugefügte Vokale erlangen sie verschiedenartigen Sinn; sie dienen ausserdem als Ziffer n. Solche Zeichen, die Zahlen und ausserdem Buchstaben bedeuten, nennt man heute „Chifiern". Der Blick betrachtete sie in früher Zeit „trübe", d. h. er koninte sie inhaltlich ohne Laute nicht mit Sicherheit erkennen. Versucht die Zueignung sie festzuhalte u, so zeigt sie sich hoch jenem Wahn geneigt: — noch; denn heutzutage will man von dem Wahn d e s K a b b a 1 i s m u s, der aus Buchstaben und Zahlen. Weltanschauungen und transzendentale Ideen und Mystik auferbauen will, nichts wissen. Die Chiffern drängen sich herzu aus dem Dunst und Nebel der Vergangenheit; sie steigen, empor um des Inhaltes des Rätsels willen. Der Inhalt, d. i. der „Busen", fühlt sich „erschüttert". Und nun folgt eine Angabe über das Wesen dieser Erschütterung, die scherzha f t in ihrer Deutung erscheinen mag, und derjenige, der von der in das Goethesche Werk hineingeheimnisten Chiffrierkunst unvermittelt etwas erfährt, wird sich dadurch vielleicht äusserst seltsam betroffen fühlen. Allein es ist tatsächlich der Fall, dass dieste Art des Wortspiels im „Faust' viel, viel häufiger angewendet ist als man voraussetzt. Kabbalistisch ist diese Anwendung durchaus erlaubt; sie entspricht vollkommen einer „Norm der Kabbalisten", nämlich „der Umbiegung der Buchstaben". Darunter versteht man: die Aussprache wird in eine ähnliche verwandelt, wie z. B. jugendlich und j u d e n 1 i c h ähnlich klingen. Ebenso dürfen wir an gar manchen anderen Stellen, wo von den Guten im Werke die Rede ist, die Juden herauslesen, und wiederum an anderen Stellen ist unter den Allerbesten das a u s e r w ä h 11 e Volk zu verstehen. Endlich der „Zauberhauch", der die kabbalistischen Buchstaben und Zahlen umwittert, weist auf den Hexenspruch in der Hexen- *) Dieser in Hamburg gehaltene Vortrag wurde uns, da er gerade unsere Leserkreise interessieren dürfte, vom Verfasser für den Druck überlassen. küche; denn dort ist die Reihenfolge, d. h. der Zug der Ziffern 1—10, aufgespürt, gewittert: „Du musst verstebn," sagt der Dichter. Und in der Tat; die Umdeutung des Hexeneinmaleins „Aus Eins mach Zehn Und Zwei lass gehn" etc., wie Louvier sie uns vermittelt, ist ausserordentlich* geistreich. Freilich können wir an dieser Stelle, um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, nicht näher darauf eingehen. Vom zweiten Verse der „Zueignung" sagt Louvier, dass sämtliche acht Zeilen dazu dienen, auf das Hebräische hinzuleite'n: „Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage." Die hebräischen Buchstaben sind im jüdischen Kalender auf alle Tage, sonach auch auf die frohen Tage, die Jaum tauwim, die Festtage, verteilt. „Und manche liebe Schatten steigen auf." Hier ist das kabbalistische Hilfsmittel gebraucht, ein Wort in eine fremde Sprache zu übersetzen und durch Rückübersetzung einem anderen Sinn herzustellen. Schatten sind Schemen und Schern bedeutet im Hebräischen Namen. Also mit manchen lieben Namen „Gleich einer alten, halbverklung'nen Sage, Kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf". Das Wort „Sage" ist in der allegorischen „Faust"-Sprache für „Aussprache" angewendet. H a 1 b v e r k 1 u n g e n e Sage gilt für solche hebräische liebe Namen, die nicht mehr auszusprechen sind. Das sind: der Gottesnamen und das Geschlechtsregister der Juden. Nach biblischer Redeweise ist Gott „die erste Liebe"; denn: du sollst Gott über alles lieben; und das Geschlechtsregister enthält nach der Bibelsprache: die Freundschaf t.*) „Der Schmerz wird neu". In keiner anderen Sprache als im Hebräischen werden die Worte „S c h m e r z" und „n e u" gleich gesprochen. Wir Juden kennen den sich wiederholenden Schmerz, den „Z a r". „Die Guten, die, um schöne Stunden Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden." Hier häufen sich die Wortspiele. Von den „Guten4 haben wir schon gehört, dass sie nicht nur an dieser, sondern auch an etlichen anderen Stellen sich als „Juden" dechiffrieren. Nun, die Juden sind um „schöne Stunden", ins Französische übersetzt: bonheur, zurückübersetzt ins Deutsehe: Glück, also die Juden sind, ums Glück betrogen, hinweggeschwunden. Das sind sie nicht nur bis zu Goethes Zeiten, ja bis in die heutigen Tage tatsächlich, sondern sie sind es auch sprachlich. Da beruft sich nämlich Louvier auf Calmets Biblisches Wörterbuch, worin es heisst: „Die heiligen Verfasser des alten und neuen Testamentes haben nirgend in ihren Schriften das Wort „Glück" in dem Verstände, den wir ihm gegeben haben, gebraucht. Gewiss ist, dass zur Zeit des Jesaias weder der Name des Glücks noch auch die Sache selbst, die damit angezeigt wird, unter den Hebräern bekannt gewesen." Endlich: sie sind „vor mir", das heisst in unserem Zusammenhang: vor dem Chiffern rätsei dahingeschwunden. Der dritte Vers beginnt wieder mit den hebräischen Buchstaben; denn mit ihnen, den schwankend e n Gestalte n, beschäftigten sich die ersten Verse. Daher: „Sie hören nicht die folgenden Gesänge, Die Seelen, denen ich die ersten sang." Aus welchem Grunde können aber hier die hebräischen Buchstaben „Seelen" genannt werden? Aus talmudischem: „Beim Feuer-Märtyrertode des Rabbi Chanina Ben Teradjon unter Hadrian war dieser in die Thora eingehüllt worden:" Es seien nun die Buchstaben der Thora „wie Seelen der Verstorbenen zum Himmel geschwebt". So erzählen Babylonischer und Jerusalemitischer Talmud. Dafür, dass es die hebräischen Buchstaben sind, die hier „Seelen" genannt werden, *) 1. Mos. 12, V. 1.

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