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Die Welt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr/ 5 „bf* # Welt" Seite 13 Der Anteil der Juden an der Feuerbestattung im Deutschen Reiche ergibt für das Jahr 1904 eine weitere Zunahme. D:e Gesamtzahl der Einäscherungen betrug 1381; das sind 307 oder 28 Prozent mehr als im Jahre zuvor und doppelt soviel als im Jahre 1901. Voran geht noch immer Gotha (361); es folgen Hamburg (281), Jena (189), M.aiinz(156),Heideiberg (155)_, Offenbach (123), Mannheim (74), Eisennaeh (56), Karlsruhe (46). Von den eingeäschertem Personen waren 908 männlichen, 473 weiblichen Geschlechtes. Der Konfession nach waren 1050 evangelisch, 142 katholisch, 108 jüdisch, 44 freireligiös, 37 unbestimmt. Jüdische Siimiltanschulen, d. h. solche, welche nicht bloss von jüdischen Schülern besucht werden, sondern an welchen auch jüdische Lehrkräfte als Klassenlehrer angestellt sind, befinden sich in Oberschlesien (Preussen) in Gleiwitz, Kattowitz, Lublinitz, Loslau, Myslowitz und Tarnowitz. Zur Landflucht der Juden. Bei der Versteigerung der Synagoge in Friedland (Deutschland) wurde diese um 250 Mark auf Abbruch verkauft. Sie stand 150 Jahrie und tüchtige Rabbiner wirkten darin. Die schwindende Gemeinde konnte schliesslich keimen Funktionär mehr zahlen. Die innere E'nrichtung übernahm der Synagogemvorstand in Lübben. Internationale Förderung des Sprachstudiums, im Anschlüsse c,n die Kölner Tagung des Deutschen N eu philo logen- Verbandes kam eine internationale Vereinigung neoisprachlicher Lehrer zur Förder<ung ihrer Fach- und Berufsinteressen zustande. Inzwischen ist auch für die Schüler der verschieden so Länder fein neuer Weg gefunden und gangbar geworden, der in der „Welt" wiederholt besprochen und empfohlen wurde und auf dem sie in unmittelbare Berührung mit dem Leben der fremden Sprachen kommen können. Ein Versuch dieser Art war der bekanntlich vor mehreren Jahren eingerichtete internationale Sehülerbriefwechsd, der seitdem nach Ueberwindung einiger Kinder kr ar kheiten zusehends gedeiht und in Deutschland, Frankreich, England und Amerika gepflegt wird. Für Deutschland entstand in Leipzig eine Zentralstelle, bei der in den ersten vier Jahren über 7400 Meldungen zur Teilnahme an dem Briefwechsel einliefen, während in demselben Zeiträume die Londoner Zentralstellte 13.000 Anmeldungen hatte, die Pariser sogar ungefähr 17.500, darunter etwa 12.000 für französisch-englische, 4500 für französisch-deutsche Korrespondenz. Auffallend ist an den mitgieteilten Zahlen die starke Beteiligung aus Frankreich. Hier hat man den. internationalen Briefwechsel mit Eifer aufgenommeiii, ja die neue französische Lehrordnuiig vom 31. Mai 1902 nennt ihn ausdrücklich unter dem pädagogischer; Mitteln, deren der Unter nicht sich mit Erfolg bedienen komme. Aus Frankreich kam denn auch die Anregung zu einem neuen beachtenswerten Versuche auf diesem Gebiete. In Paris hat sich ein Verein angesehener Männer der Wissenschaft und des Handels gebildet, der sich die Aufgabe stellt, zwischen französischen, und ausländischen Familien für eine kürzere Zeit, etwa für die Dauer der grossen Ferien, den Austausch erwachsener Kinder zu vermittein. (Societe d'echange international des enfants et des jeunes gens pour letude des langues etrangeres). Im ersten Jahre gingen nach dem uns vorliegenden Berichte 65 Meldungen aus Frankreich, 70 aus England und Deutschland ein, wovon 50 zu einem Austausch der Kinder geführt haben. Könnten wir .nicht etwas ähnliches mit unseren Kindern behufs Erlernung der hebräischen Sprache versuchen? Eine zionistische Stimme aus dem 18. Jahrhundert. Vor kurzem bat Herr Artur Wolf in einer Sitzung der Zionistischem Vereinigung Basel einen Vortrag gehalten über ein von ihm fast zufällig aufgefundenes'Werk, in dem wohl einer der ersten, wenn nicht der erste zionistische Vorschlag, wenigstens von christlicher Seite gemacht wird. Es handelt sich um das im Jahre 1809 in Genf bei J. J. Paschoud erschienene Buch „Ausgewählte Werke über Literatur, Geschichte und Militarismus" von Marechal Prince de Ligne. Ueber die Person des Prince de Ligne gibt der „Kl'eine Larousse" folgende Auskunft: „Ligne, Prince de, belgischer General im Dienste Oesterreichs, hervorragender Schriftsteller, berühmt durch seinen Geistes reichturn, 1735—1814.'* Die zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten des Prince de Ligne füllen 31 Bände und sind seinerzeit in Dresden erschienen. In dem bereits genannten Buche, das neben den von Baronin Staed-Holstein veröffentlichten „Briefen und Gedanken des Marechal Prince de Ligne" einen Auszug aus den Gesamtwerken darstellt, findet sich nun ein Kapitell über die Juden. Aus diesem Abschnitt sind einige Sätze, die ich in wortgetreuer Uebersetzung wiedergebe, gewiss für die Juden im allgemeinen, für die Zionisten im spezieillen von Interesse. Pr-ince de Ligne schreibt: „Sie (die Juden) sind nie mehr beliebt gewesen, seitdem Gott sie verlassen hat. Die Christen haben sich denn auch nie ihrer angenommen, und die Philosophen haben nicht an sie gedacht, weil ihr Aussehen' ihnen wenig behagte. Es gibt wenige Juden in Frankreich und England, den beiden Ländern der Philosophie. Die Holländer haben es für etitnfacher gefunden, sie zum Zahlen zu zwingen; die Italiener, sie zu foltern; die Spanier und Portugiesen, sie zu verbrennen. Ich komme auf die Juden unserer Zeit zurück. Wenn die Christen weder die Fähigkeiten noch den guten Willen haben, sie aus ihrer jetzigen Lage zu befreien, so wünschte ich zu ihrem Wohlergehen, dass jemand der unsrigen in der Türkei geschickt genug wäre, mit dem Grossherrscher zu unterhandeln, dass er ihnen Palästina (le royaume de Judee) zurückgäbe, wo sie sich sicher besser hailt'ein würden als früher. Die Juden, welche ihr Vaterland wieder gefunden haben würden, würden dort die Kunst, die Industrie, die Landwirtschaft und den Handel nach europäischem Vorbilde zu hoher Blüte bringen. Jerusalem, jetzt ein kleines, abscheuilichies Nest, das dien arme'n Teufeln, von Pilgern, welche von Zeit zu Zeit dorthin wallfahren, das Herz bluten macht, würde wieder zur prächtigen Weltstadt erstehen. Der Tempel Salomes würde auf den Ruinen, nach den zu findenden Spuren und nach den vorhandenen Beschreibungen in neuer Herrlichkeit aufgebaut werden. Die Wasser des KidronstrOmes würden zu Verkehrsadern werden. Der Garten Eden würde wieder gefunden, nebst den vier Flüssen, die ihn zum schönstein englischen Garten der Welt machen würden. Die Wüsten würden urbar gemacht und bewohnt werden. Es würden dort keine Räuberbanden mehr ihr Unwesen treiben und die heiligsten Stätten verwüsten. Und den Türken rate ich, um sie gegiem ihre jetzigen Feinde widerstandsfähiger zu machen: Wenn ihr die Juden zu euch heranzieht, so bedient euch ihrer, wie sich die Römer der Griechen bedienten: als Aerzte. Die Juden können eurem Lande als Reformatorien dienen." Was Prince de Ligne über den Charakter, das Aussehen und die Beschäftigungen der Juden sowie über ihr Verhältnis zu den Christen sagt, kann hier übergangen werden. Es beweist zwar, ein« wie guter Beobachter der Verfasser war und wie die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden in Osteuropa heute genau die gleichen sind, wie diejenigen in Westeuropa vor zwei Jahrhunderten es waren. Der Judenhass dagegen ist auch in Westeuropa der gleiche geblieben, höchstens, dass er Form und Farbe etwas geändert hat. Sein Kapitel über die Juden schiliesst der Prince de Ligne mit folgenden Worten: „Ich begreife den Ursprung des Hasses, den die Juden einflössen; aber es ist höchste Zeit, dass das ein Ende nehme. Eine Unterdrückung von 1800 Jahren scheint mir lange genug gedauert zu haben." Fast 100 Jahre siind noch dazu gekommen. Hoffen wir, dass der Wunsch des Prince de Ligne bald in Erfüllung gehe! Moritz Levy, Basel. Die Juden in Grossbritannien. Von der Londoner „Jüdischen Gesellschaft" angestellte Erhebungen haben ergeben, d'ass sich die jüdische Bevölkerung Grossbiitanniens auf 184.000 beziffert, von denen 128.000 in London, die restlichen 56.000 in anderen 'englischen Grossstädten lebein. Bemerkenswert niedrig ist die jüdische Todesrate im Vergleich zu der eingeborenen Bevölkerung, denn sie stellte sich im verflossenen Jahre in Manchester auf 55,88 gegen 72,50 im Tausend. In. anderen Städten beträgt si'e durchschnittlich 16,99 gegen 21,78. Der Bericht hebt noch den grossen Kinderreichtum der in England angesiedelten jüdischen Familien hervor. Ein Run auf die New-Yorker Staatssparkasse. Am 11. Jänner herrschte unter den jüdischen Einwohnern von New- York eine Panik, hervorgerufen durch Zweifel an der Sicherheit der Staatssparkasse. Die Panik ist auf viele Pressangriffe, welche New-Yorker Zeitungen gegen die Sparkasse losgelassen hatten, zurückzuführen. Die Blätter schrieben, dass amerikanische Banken schwindelhaft geleitet werden und dass die Einwanderer immer wieder die Opfer ihrer gewissenlosen Treibereiien wären. Beinahe 10.000 Juden und Jüdinnen versammelten sich vor der Staatssparkasse und verlangten die sofortige Rückzahlung ihrer Einlagen. Es war unmöglich, mehr als einen kleinen Teil der Menge in das Gebäude hereinzulassen, die übrigen mussten von der Polizei vertrieben werden. Diese notwendige Massregel veranlasste den Glauben unter der Menge, dass die Staatssparkasse die Zahlung eingestellt habe. Strassenexzesse im grossen Stil folgten und tausende Juden warfen sich gegen das Tor des Bankgebäudes. Ein Geländer, welches eine in der Nähe tieferliegende Strasse von dem Schauplatz der Panik trennte, brach und fünfzig Personen, meistens Frauen, wurden drei Meter h.inuntergeschleudert. Alle wurden verletzt, einige tödlich und viele sehr schwer. Die Polizisten benützten die Totschläger, womit sie die Köpfe der herandrängenden Menge bearbeiteten. Die Ankunft eines Wagens vo<n der Staatsschatzkammer, mit barem Gelde beladen und von M'-itär bewacht, übte keinen Einfhiss auf die empörte Menge aus. Der Auflauf dauerte zwölf Stunden und die Bank wurde bis spät in die Nacht hinein offengehalten, um alle verlangten Summen auszuzahlen.

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