Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Mblt # w*lt" kehrt, freie Meinungsäusserung zu gestatten. Hatte Prof. Greiger denn nicht schon damals den Geist verspürt, der seine jungen Zuhörer durchweht, die täglich unter den rüden Beschimpfungen des „Vereines deutscher Studenten" zu leiden haben, desselben „V. d. St.", zu dessen Festkommers sogar der deutsche Kronprinz in höchsteigener Person herabstieg und sich wohlfühlte in dieser Gesellschaft? Tat es da Prof. Geiger nicht in der Seele weh? Der Redaktion der „Kölnischen Zeitung" sei eins - versichert: Der Zionismus, eine Bewegung, der Deutsch-; lands Kaiser und der Grossherzog von Baden oft unverholen ihre Sympathien ausgedrückt haben, die auch die Wortführer des Zionismus ermächtigten, dies auf den zionistischen Kongressen öffentlich zu verkünden, kann unmöglich „gegen das Deutschtum, gerichtete Verzweigungen" haben. Wir wettern keineswegs gegen das Deutschtum der Deutschen, von denen gerade wir so vieles und grosses gelernt haben, sondern unsere Gegnerschaft richtet sich ausschliesslich gegen das Deutschtümeln der Juden. Man mag wie immer über unsere Bewegung urteilen, die Achtung wird man ihr nicht versagen können und dürfen, denn die Renaissancebewegung des Judentums hat eine prächtige Erscheinung gezeitigt: Es blüht neues Leben aus den Ruinen. —n. Die Wahlen in Ungarn. Der mit der grössten Erbitterung geführte Wahlkampf ist nun entschieden. Das Urteil der ungarischen Nation, an die Graf Tisza appelliert hat, ist gesprochen. Die vereinigte Opposition hat einen glänzenden Sieg errungen, die Unabhängigkeitspartei und Volkspartei ziehen verstärkt ins ungarische Parlament. Graf Tiszas Politik ist durch das Urteil der Nation gerichtet. Ob nun seine Politik eine verfehlte gewesen ist oder nicht, darüber wollen wir hier nicht sprechen. Das eine jedoch steht fest, dass seine Haltung gegen das Judentum stets eine äusserst korrekte und dass sogar seine Politik eine judenfreundliehe war, was die Juden Ungarns z. B. unter dem klerikalen Regime S z. e 11 schmerzlichst vermissen mussten. Tisza war stets bemüht, die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung der Juden de facto durchzuführen, im Gegensatze zu Szell, der während seiner Amtsführung keinen einzigen Juden anstellte. Auszeichnungen von Juden, Ernennung derselben zu höheren Beamten waren unter Tisza nicht selten. Kein Wunder, dass er das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung besass, die in seinem Regime eine Gewähr für den Schutz und die Geltendmachung ihrer Rechte sah. Nun ist Tisza gefallen! Mit ihm nicht nur seine Pläne, sondern eine Politik, ein System, das seit Jahrzehnten in Ungarn geherrscht hat. Diese Winterwahlen bedeuten einen Wendepunkt, einen jähen Wechsel. Denn nicht nur die liberale Partei hat eine Niederlage erlitten, auch, der Liberalismus ist empfindlich getroffen. Es scheint kaum glaublich, der vielgerühmte, sprichwörtlich gewordene ungarische Liberalismus steht nun da wie ein Koloss auf tönernen Füssen! Denn dieser Kampf muss, wie der ehemalige Ministerpräsident Dr. Weckerle jüngst betont hat, als „Anfangspunkt eines grossen und langwierigen Umgestaltungsprozesses der ungarischen Verhältnisse betrachtet werden". Als die grösste Partei ist aus den Wahlen die Unabhängigkeitspartei hervorgegangen. Doch ist dies nicht mehr dieselbe Unabhängigkeitspartei, die zwar radikal national war, deren Mitglieder jedoch trotzdem zum grossen Teil als äusserst liberale Männer sich gezeigt haben. Die schon vor den Wahlen erfolgte Fusion mit der versteckt klerikalen Apponyi- und der offen * klerikalen U g r o n p a r t e i haben das Aussehen der TJnabhängigkeitspartei gründlich verändert. Bei der Wahl selbst haben manche> die unter <fer antisemitischen Marke der Volkspartei nicht durchkommen konnten, unter dem „patriotischen" Banner Kossuths gesiegt, so dass die Unabhängigkeitspartei nebst zahlreichen, deren Liberalismus über allen Zweifel erhaben ist, auch noch viele antisemitelnde und antisemitische Mitglieder hat, sogar solche, die früher der Volkspartei angehörten. Hierzu kommt noch die offen antisemitische Volkspartei, die leider auch einen Mandatszuwachs erhalten hat und die schwankende Gruppe der Dissidenten. Auch in anderer Beziehung bedeutet diese Winterwahl einen Wendepunkt. Der radikal-nationale Gedanke hat über den gemässigten den Sieg davongetragen. Die Erfahrung, die Geschichte zeigt nun, dass der nationale Chauvinismus mit dem Antisemitismus stets Hand in Hand gegangen ist. So sähen wir es in Prankreich, so in Oesterreich. Sollte dies auch in Ungarn geschehen? Die bunte Zusammensetzung der Unabhängigkeitspartei bietet jedenfalls keine Gewähr für das Gegenteil. Auch von einer anderen Seite droht die Gefahr der Reaktion. Sollten sich nämlich die Parteien auf der Basis des 1867er Ausgleiches ralliieren, und eine Majorität bilden, dann würde auch die klerikale Volkspartei der Majorität angehören. In diesem Falle ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass ein Mitglied dieser antisemitischen Partei in dem künftigen Kabinett eine Stellung haben werde. Auf jeden Fall eröffnet sieh eine trübe Aussicht. Caveant consules! Li—. Aus England. Wenn im Lande nichts vorgeht — muss auch der Berichterstatter schweigen. Und in der Juden weit in England ging schon längere Zeit nichts Bedeutendes vor. Si taeuisses ... wie heisst es weiter im lateinischen Sprichworte? Und: tacui — ich habe geschwiegen. Ob ich ein Philosoph dadurch geworden bin — weiss ich nicht. Mr. B alfour weiss es gewiss auch nicht, der doch ein Skeptiker ist. Ein Skeptiker, der an allem zweifelt, nur nicht daran, dass er der einzige Mann sei, der berufen ist, Englands Schifflein durch die Stürme der Politik zu leiten. Erst jüngst raffte sich Sir Arthur zu einer leidenschaftlichen Polemik gegen Sir John Morley auf und erklärte klipp und klar, das Ministerium werde nicht gehen, solange es eine Majorität in der Kammer haben werde. Ob das so ernst zu nehmen sei? Wird das Duell Balfour-Chamberlain zu Bode auögefochten werden und zugunsten wessen? Seit dem Tage, als ich schrieb „Chamberlain ante portas", hat sich die Situation etwas geändert, der politische Mittelpunkt verschoben und zwar zugunsten der liberalen Partei. Der alte Joe hat mit seinen imperialistischen Ideen die Sympathien Britanniens nicht erobern können. Weder das Mutterland noch weniger die Tochterländer, die Kolonien, zeigen sich geneigt, die Chamberlein'schen Pläne anzunehmen und sie zum Grundprinzip ihrer Politik zu machen. Weder Kanada, noch Australien will sich an England binden. Wer weiss, ob auch diese Kolonien dem Beispiele Nordamerikas folgen werden? Aber das ist Zukunftsmusik — und recht ferne. Zur Zeit steht England Tor einer neuen inneren Politik, vielleicht vor einer Auflösung der Kammer. Dies wäre die einzige annehmbare Lösung der jetzigen verwirrten Lage. Ein neues Programm und ein neues Kabinett. Aber nicht diese unschlüssige, energielose Schlafmützenpolitik Balfours. Wir Juden sind a*n allermeisten an einer neuen Zusammen«