Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „bi$ # Welt11 Seite 9 Stellung des Kabinetts und an einem erneuten Parlament interessiert. Denn wir haben die „Fremdenfrage*, diese verfluchte Frage, die das Gespenst Englands in den letzten Jahren geworden ist. Eine Zeitlang hat es Ruhe gegeben, im Antialienistenlager. Es war aber nur Waffenstillstand, treves de dieu. Jetzt rücken sie wieder heran. Die Parlamentssession ist vor der Tür. Im Februar tritt die Kammer zusammen und nun heisst es sich sammeln. Der „Standard", die ,Daily Mail* und die übrigen fremdenfeindlichen Organe publizieren bereits täglich lange Berichte, in denen sie die Fremden zu Vogelscheuchen, Zerrbildern machen — die fremden Juden. Der „Standard* zum Beispiel, der von Chamberlain angeworben wurde und vom „Zeitungstruster* Pearson herausgegeben wird, hat vom 5. bis zum 16, Jänner ununterbrochen eine Beine von Artikeln über die Fremdeneinwanderung veröffentlicht. Ein spezieller Berichterstatter hat sich nach Hamburg und Bremen, dann nach Warschau begeben, um die Emigration kennen zu lernen. Aber wer eigens irgendwohin kommt, um Beweise für seine These zu entdecken, der sieht alles und jedes ganz anders, subjektiv. Denn was der „Standards-Korrespondent sah, war Schwarz in Schwarz, Schmutz und Elend und Verworfenheit. Ist es denn so? Sind denn wirklich die jüdischen Auswanderer, die nach England kommen, so verworfen, so minderwertig, körperlich und sittlich? Die Schilderungen der voreingenommenen Korrespondenten sind zu krass, um wahr zu sein. Er kommt nach Hamburg, er besucht die „Auswandererhallen" und bekommt nur den Eindruck des Ekels, er sieht nur degenerierte, verkommene, erblich belastete, mit unheilbaren, scheusslichen Krankheiten behaftete Individuen, die für England bestimmt sind. Und er erhebt den „cri de guerre* : England müsse diesen polnischen Juden die Türe vor der Nase zuwerfen. So gehe es nicht weiter. Er fährt nach Bremen, spricht mit Dr. Rosenak. Der Doktor ist ein Rabbiner und es ist ja nichts Ungewöhnliches daran, dass ein Rabbiner nicht am Samstag schreibt, dass er für sein Volk eintritt welches von jedem Zeitungsschmierer öffentlich besudelt und geschmäht wird. Der Korrespondent des „Standard" sieht in den „ipsissima verba" Dr. Rosenaks einen Beweis für die „Engherzigkeit und den Mangel an Altruismus der jüdischen Rasse* und empfiehlt den Londoner Steuerzahlern, daran zu denken. Wenn das nicht Antisemitismus der ärgsten Sorte ist, was ist es denn? Der Korrespondent fährt nach Warschau — und wieder derselbe Jammer. „Diese Menschen kommen nach England!" Er wirft sich in den Mantel des Soziologen und meint, England spiele der russischen Regierung in die Hände. Wäre England vor den russischen Juden verschlossen, Russland würde auch gezwungen sein, die Judengesetzgebung zu reformieren. Se non e vero, e bei trovato. Wenigstens maskiert er seine Antipathie gegen die Juden mit einer heuchlerischen Miene. Es ist ein schönes Mittel, die Judenfrage zu lösen. Hat sich der Soziologe des „Standard je die Frage gestellt: Was wird aber geschehen» wenn England vor den Juden die Tore sperren wird, Russland aber rücksichtslos weiter seine Judenpolitik verfolgen will? Was dann? Aber was kümmert denn das den „ Stand arda-Mann? Die Zeit, wo ein Gladstone die „atrocittes" derganzen Welt brandmarken konnte, ist vorüber. Jetzt heisst es eigenes Interesse und „business". Aber für diesmal genug darüber. Im Osten Europas ziehen sich Wolken zusammen. Der Sturm hat begonnen. Was kommt dann? Vielleicht wird die Alienfrage nicht in England gelöst werden. Sie wird es auch nicht. Elkan Adler meint, die Judenfrage müsse in Russland gelöst werden. Die Judenfrage? Nun — die Juden fragen. Aber die Judenfrage muss und wird nur dort gehört werden, wo die Nationalfrage gelöst werden wird? Wo, in Palästina, in Uganda?.. The rest is silence ... Ich kann nicht schliessen, ohne den Tod des bekannten Londoner Philanthropen, Mr. F. D. M o c a 11 a, der vorige Woche gestorben ist, zu erwähnen. Einer der Senioren der hiesigen portugiesischen Gemeinde. Ein Bibliophil und ein sehr guter, warmer Jude. Friede seinem Andenken. Spectator. friböne. (Ftr diese Rubrik ist dit Rcdaktioi nicht vtrantaortlich.) Marken für den Nationalfonds. Folgende Gesinnungsgenossen haben für den N.-F. Briefmarken eingesendet: Wien: Zionistische Mittelschüler Wiens o>, E. ßrod und O. Glaser, Low durch Verlag „Zion*, Th. Löbner durch Verlag „Zion", E. Weizner durch Verlag „Zion", Zipkin durch Verlag „Zion", Gymn. Sigm. Weiss, ,JordaniaÄ, „Lesehalle", Pineles. Lemberg: L. Blaustein. Ekaterinoslaw: B. Lewensohn. N a g n a j o w : D. Biegeleisen. Hamburg: Frl. G. Heimann, L. Beer. S tr y j : A. J. Stern. Mis 1 itz: A. Neumann. Kopenhagen: Gräfin Moltke, Verlag ,Zion8. Teplitz-Sch önau: Ehrlich. T ep 1 i tz : Frl. H. Knöpfelmacher. K o 1 o m e a: Fr. A. Sennen sieb. Neusohl: Durch Heller Mors Witwe: Tivadar Haasz, Ormai G£za. Delatyn: G. u. M. Bloch. Brauns ohweig: Wolf Glücksmann. Allen Spendern besten Dank. Die Philatelieabteilung der N.-F.-Kommission* * * * Mitteilung. Das österreichische L.-K. hat beschlossen, sein hochverdientes Mitglied, den Nationalfonds-Kommissär für Oesterreich, Dr. Hugo Benedikt, anlässiich seiner Vermälung ins goldene Buch des jüdischen Nationalfonds einzutragen. Durch die Institution, die Dr. Hugo Benedikt so gefördert, soll der treue und eifrige Arbeiter selbst geehrt worden. * * * Mitteilungen des sQdgalizischen Distrikttkomitees. Die Vereine und Vertrauensmänner des südgalizischen Distriktskomitees werden wiederholt aufgefordert, die ihnen eingesandten Fragebogen ausgefüllt an das südgalizische Distriktskomitee per Adresse Verein „Erez Israel*, StanislAu, unverzüglich einzusenden, da sonst die Säumigen an dieser Stelle veröffentlicht werden müssten. * * * Jüdische Toynfaee-Halle. Wien, XX., Karajangasse 20. Vortragsordnung: Sonntag, 5. Februar. Dr. Heinz Kohn: Vom Urquell des Rechtes. Montag, 6. Februar. Dr. Josef Jerusalem: Oesterreichische Verfassungsgeschichte. Dienstag, 7. Februar. Dr. Alexander Hausmann: Das Geld. Mittwoch, 8. Februar. Professor Dr. J. Po Hak: Bau und Verrichtung der Sinneswerkzeuge. Donnerstag, 9. Februar. Max N a c h e r: Gerhart Hauptmann. Freitag, 10. Februar. Bibelerklärung. Samstag, 11. Februar. Konzert. * * * Eingesendet. „Die Stimme der Wahrheit" Jahrbuch für wissenschaftlichen Zionismus nennt sich ein zionistisches Sammelwerk, dessen erster Jahrgang demnächst in der Verlagsbuchhandlung von N. Philippi in Würzburg erscheinen wird. Das umfangreiche, sorgfältig vorbereitete und in jeder Hinsicht vornehm ausgestattete Sammelwerk repräsentiert den ersten Versuch, die alle Gruppen des Judentums lebhaft interessierenden Probleme des Zionismus in wissenschaftlich vertiefter Weise vom zionistischen und nichtzionistischen' vom jüdischen und christlichen Standpunkte zu beleuchten.