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Die Welt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „hl* & W$ltÄß Nr. 5 könnte sein. Wie es auch werden mag., wir wollen wachsam sein und immer wieder zeigen, wie Viel die armen Brüder tragen müssen, denen wir so gern ein besseres L03 Geschieden wüssten. Ein Ansporn muss uns aber das Bewusstsein seiiy dass wir. wonn wir .mit ihiien eine ungeheure Kraitdnstrengung *-'wagen/ vielleicht das Ziel erreichen, das unserem -Volke solche Leiden ersparen könnte. Die Heimstätte, die Heimstätte in unserem Lande! Sie un ü s s e n wir erreichen. Genug und übergenug der Leiden! Und wenn die Satton und Kalten nicht wollen,, wir alle, deren Herz und Geist nicht von Eigensucht erstarrt ist, die wir an eine Zukunft unseres Volkes glauben, denen weder sophistischer Gelehrtendünkel, der fest in Bequemlichkeit und. wohlbedachtem Schutze seines Vorteiles verankert ist, noch die Vertröstungen frömmelnder Salbungsvoller ihre Hoffnungen rauben sollen, wir alle wollen dreifach, zehnfach arbeiten, um unserem Zio3le näherzukommen. „Begeisterung und Glauben und Vertraun, und was herabträuft von den seFgen Göttern" soll uns erheben, soll unsere Arbeit segnen. Unsere Arbeit — nicht fruchtloses Reden und Grosstun! W. Aus Russland. Petersburg. Der Ausbruch der Arberterunruhen in Petersburg hat unter der jüdischen Bevölkerung in Russland grosse Beunruhigung hervorgerufen. Man weiss aus Erfahrung ganz gut, dass derartige Volksbewegungen in Russsland gewöhnlich mit Exzessen giegen die Juden ihren Ausgang nehmen . . . Die Juden werden immer als Sündenbock verwendet, um der angesammelten Erbitterung' der Volksmassen ein Objekt zu verschaffen. Ein hervorragender russischer Staatsmann sagte einem deutschen Journalisten in Blerlin ganz offen, dass nunmehr Ausschreitungen gegen die Juden zu erwarten seien . . . Tatsächlich hat sich der Juden im Nordwestgebiete bereits eine tiefgehende Aufregung bemächtigt. Der Gouverneur von Wilna hat zwar die umfassendsten Massnahmen getroffen, um den Ausbruch der Unruhen gegen die Juden zu verhüten, aber aus Erfahrung weiss man in Russland ganz genau, dass diese Massnahmen beim Ausbruch von Exzessen gegen die Juden sich als unzulänglich erweisen., Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass die ökonomische Lage in den grössten Handelszentren eine äusserst triste ist und ganzle Schichten der jüdischen Bevölkerung buchstäblich dem Hunger preisgegeben sind ... Petersburg. Die nächste Sitzung des Ministerkomitees wird die Punkte 6 und 7 des Reformier lasses des Zar ein vom 25. Dezember in Beratung ziehen, welche die Durchsicht der geltenden Beschränkungen der Rechte der Nichtrussen vorschreiben. Da unter den Nichtrussen, deren Rechte beschränkt sind, den-hervorragendsten Platz die luden einnehmen, so sieht die jüdische Bevölkerung Russlands den Ergebnissen dieser Sitzung mit begreiflichem Interesse -entgegen. Doch die Hoffnungen gewisser jüdischer Kreise auf eine radikalle Aenderung der Gesetzgebung über die Juden in Riissland dürften kaum in Erfüllung gehen. Das geht schon aus dem Benicht der gutunterrichteten Zeitschrift „Russj" über die Privatansichten der Mitglieder des Ministerkomitees über diese Frage deutlich hervor. Fast alle Mitglieder des Ministerkomitees sprachen sich bloss dahin aus, die Erweiterung der Rechte der niederen Schichten der rechtlosen Klassen -der nichtorthodoxen Bevölkerung vorzunehmen. Nur ein Mitglied sprach sich gegen halbe Massnahmen und für die Gleichstellung der Nicht orthodoxen vor dem Gesetze aus. Aus den Aeus.serungen jedoch, welche Senator Gerhard, einer der massgebendsten Mitglieder des Miniisterkomitees, über die Judenfrage tat, kann man schon jetzt ersehen, welche Anschauung im Ministerkomitee obsiegen werde, Senator Gerhard sagte nämlich', dass die Judenfrage in Russland die grössten Schwierigkeiten' biete, dass ein Teil der Juden Anlass zu Klagen gebe. Diese Ansicht beweist, dass schon jetzt Anschauungen! vorbereitet werden, um die nichtssagenden Reformen auf 4$*n Gebiete der Verbesserung der Lage der Juden in Russlandi,' welche geplant wierdein, einigermassen zu rechtfertigen. In nüchternen jüdischen' Kreisen in Petersburg gibt man sieh daher gar keinen überschwängMchen Hoffnungen hin . . . Moskau. Eine Illustration-der Lage unserer Volksgenossen in Russland bietet folgende in den Moskauer Blättern mitgeteilte Tatsache. Im Jahre 1891 hat die Moskauer Polizei auf Befehl des Generalgouverneurs von Moskau, Grossfürsten Se'rtgei, die jüdische Synagoge in der Kremlstadt gesperrt. Die jüdische Gemeinde in Moskau hat seit damals nicht weniger als zehn Petitionen um Freigabe, des Gotteshauses mach Petersburg geschickt, die jedoch sämtlich abgewiesen wurden. Nunmehr, da Grossfürst Sergteü nicht mehr Gemerallgoiuverneiur von Moskau ist* hat die jüdische Gemeinde der Kremlstadt neuerdings eine Petition nach Petersburg geschickt, und. man darf mit Recht begierig sein, welche Erledigung die Petition diesmal erfahren wird. Dünaburg. Die Stadt war unlängst der Schauplatz von Exzessen gegen die Juden, welche abler rechtzeitig unterdrückt werden, konnten. Eine Schar von Bauern stürzte sich auf die jüdischen Geschäftsläden und begann die Waren zu plündern. Der Bauer Feodor Bobrow rief: „Schlagt die Juden und nehmt das Judengut hin, dafür wird man nicht bestraft!" Und so begannen die Exzesse. Es wurden viele Gesohäftsläden ausgeplündert, viele Juden misshandelt und viele Fensterscheiben zertrümmert. Rasch herbeigehollte Kosaken stellten die Ruhe wieder her, nahmen jedoch auch die Juden Ephraim Munitz und Benjamin Serigsoihm fest, welche den Versuch machten, ihr Heim vor den Plünderern zu schützen . . . Der verhaftete Führer der Exzedenten, Sowel jun., rief angesichts der Kosaken: Gleich gelang es uns nicht, die Juden totzuschlagen, doch das wird nicht ausbleiben!" Die Kosaken applaudierten dabei lebhaft . . . Lodz. Die jüdische Bevölkerung von Lodz ist durch einen geheimnisvollen Mord in Aufregung versetzt worden, welcher an dem jüdischen Kaufmann und Wohltäter Leon Edel begangen worden ist. Gegen 10 Uhr nachts trat jüngst in das Geschäft des Leon Edel1 ein Jude ein, welcher am Halse und am Kopfe blutete. Er bat flehentlich, ihn zu retten, ohne ein Wort über die Ursache seiner Verwundung zu veiiierfen. Der im Geschäft anwesende Bruder Edels, Baruch Edel, nahm sich des Mannes an. Er und der Hausmeister führten den Verwundeten in das naheliegende Spital und brachte ihn dort unter. Als Baruch Edel zurückkehrte, fand er seinen Bruder Leon auf dem Boden in einer Blutlache mit durchschnittener Kehle tot liegen. Auch der unbekanntie Verwundete starb inzwischen nu Spital. Die Untersuchung hat bis jetzt, wie der „Lodzinskij Listok" meldet, in dieses dunkle Verbrechen kein Licht gebracht. Kiew. Die Zeitschrift „Kiewskije Otkliki" lenkt die Aufmerksamkeit der kompetenten Kreise auf die ungeheure Ausbeutung, welcher jüdische Auswanderer aus RussHand durch gewissenlose Agenten unterzogen werden. In vielen Städten Russlands, erzählt das Blatt, haben sich Agenturen! gebildet, weichedie jüdischen Auswanderer exploitieren und sie sogar dem Unglück zuführen. Eine Partie von Emigranten ist unlängst von diesen gewissenlosen Agenten der russischen Finanzwache übergeben worden, eine andere Partie wurde von diesen Ausbeutern betrogen und in die grösste Not gestürzt. Das Blatt fordert die Regierung auf, die armen jüdischen Auswanderer wenigstens auf russischem Gebiete zu schützen. Gt.

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