Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 n&k; Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Gegen den Territorialismus nimmt nun auch die „Hazefirah" Stellung in einem Leitartikel S o k o 1 o w s vom 11. d. M. unter dem Titel: „Rückkehr zum Zionismus44. In gewohnter treffender Weise führt er den Nachweis, dass „Zion * und „Zionismus" etwas Bekanntes, allen Verständliches, ein Programm der Wirklichkeit seien, während der „Territorialismus" als das Gegenteil von allem dem betrachtet werden müsse. Er sei der „Golus" und insofern schlimmer als dieser, da wir ja im Golus doch Boden, wenn auch fremden, unter den Füssen haben, während der Territorialismus einfach in der Luft schwebe. Die Zionisten wollen in ihrer alten Heimat auferstehen, gleich anderen Völkern, die dasselbe Ziel anstrebten und mehr oder weniger erreicht haben. Das sei verständlich, diese zionistische Politik habe ihre Analogien in der Geschichte. Die Iren opfern sich für Irland, die Tschechen wollen Böhmen erhalten, die Juden Judäa wieder erlangen. Völker können Ansprüche erheben auf ihre Länder, aber nicht auf irgendein Land. Wohl bilden wir eine Ausnahme, aber der Zionismus strebt, diese Ausnahme abzuschaffen; wir steilen uns der Welt als Volk und wollen als solches anerkannt und behandelt werden. Die „Politik" der Territorialisten finde kein Analogon in der Geschichte. Vor einem Weltkongress etwa könnten die Zionisten. mit einer Forderung auftreten, dife Territoriallisten würden als Bittsteller erscheinen, die selbst nicht wissen, was sie betteln. Wir Zionisten haben uns so bemüht, dass uns alle verstehen, dass wir aufhören als Bettler zu erscheinen und als Volk auftreten, das sein Land verlangt; die Territorialisten beginnen die Bettelei von vorne und bilden sich ein, „politische Zionisten" zu sein. Sokolow wendet sich zum Schlüsse mit scharfen Worten an die Territorialisten, die aus dem Zwischenfalle Uganda ein politisches System bauen wollen und so das zionistische Ideal gefährden, das nicht unser letztes, zukünftiges Ideal, sondern das einzige aller Zeiten, auch der Gegenwart, ist und bleiben muss. Der „politische Zionismus" ist ein nützliches schönes Instrument, das vorläufig eines Mannes harrt,' der sich seiner wird bedienen können. Der uns fierzl beschert hat, wird uns auch diesen Mann bescheren; bis dahin wollen wir tun, was wir können — aber, um alles was uns teirsr und heilig ist, nichts verderben! Der Warschauer „Izraelita" berichtet über einen Vortrag des Professors Pogodin an der dortigen Universität unter dem Titel: „Das jüdische Volkslied". Der Vortragende stützte sich auf die vor einigen Jahren von dem „Woschod" herausgegebene Sammlung jüdischer Volkslieder und führte ungefähr folgendes aus: Die jüdische Volksseele ist voll der Sorgen um das tägliche Leben; von den kleinlichen Lebenskämpfen in Anspruch genommen, erhebt sie sich in höhere Regionen nur dort, wo es sich um religiöse Fragen handelt. Da findet sie Trost in messianischen Hoffnungen. Es ist bewundernswürdig, dass die unglücklichen Daseinsbedingungen, unter denen die Juden Lebten, im Volke die Poesie nicht erstickten. Die Phantasie des jüdischen Volksliedes ist eine überaus lebhafte. Wir sehen hierin eine Bestätigung des allgemeinen Grundsatzes, dass, je armseliger das tägliche reale Leben ist, desto reicher ist es an Hoffnungen für die Zukunft. Darin steckt eigentlich das Geheimnis der jüdischen Energie, jener Energie, die es bewirkt, dass die Juden nicht zusammenbrechen unter der Macht der Unglücksschläge. Manches Lied, das die Abneigung gegen den Militärdienst verrät, lässt sich durch den Umstand erklären, dass dieser sie in ein ungewohntes, fremdes Leben versetzt, das von dem ihrigen so grundverschieden ist. Mit grosser Anerkennung äusserte sich der Vortragende über das Liebeslied, in welchem er tiefe Gefühle findet, die in unendlicher Aufrichtigkeit und ungekünstelter Form zum Ausdruck gelangen. Der Liebhaber wünscht häufig seine Erwählte ohne jede „Mitgift" heimzuführen, ist bereit, mit ihr Hunger und Kälte zu erdulden, um nur ihre Liebe zu besitzen. Bezeichnend ist auch das Familienleben. „Die Juden," sagte der Vortragende, „haben, da sie von ihrem Vaterlande nicht anerkannt werden, einen stark entwickelten Familiensinn." Hebraeu s. „Unsere Hoffnung", Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend, Wien HI/2, Unt. Viaduktg. 25. Die Februarnummer dieses Blattes wird anlässlich des 20. Todestages von Perez Smolenski fast ausschliesslich seiner Bedeutung' in der hebräischen Literatur gewidmet sein. Das lieft wird eine grosse Zahl von Bildern der Mitarbeiter« des „Haschacharu enthalten, die gewissennassen die Entwicklung dieser hebräischen Zeitschrift illustrieren. W^ltfÄ Seite 13 Ein Palästha-Panorama. Drei bestbekannte jüdische Künstler, die Herren S. H i r s z e n b e r g, Jehudo Epstein und Abraham Neum a n n, haben den Entschluss gefasst, eine Studienreise nach Palästina zu unternehmen, um ein grosses Kunstwerk auszuführen, und zwar ein Pal ästina-Rundgem aide. Das Gemälde soll eine äusserst interessante Szene darstellen und zwar den Zug der Juden zum Pessachfeste nach Jerusalem (Ole Regel) zur Zeit Hemdes' des Grossen. Die beiden erstgenannten Künstler sind Kompositionsmaler, Herr Neumann Landschaftsmaler. Die Herren weilen gegenwärtig in Wien, um die Erlangung der für diesen Zweck nötigen Kredite zu betreiben. Wie wir vernehmen, hat sich Herr Baurat Stiassny des Projektes sehr warm angenommen und die Räume des von ihm geleiteten Jüdischen Museums bereitwilligst für die Propaganda dieses Unternehmens zur Verfügung gestellt. In der Tat wurde dort eine Ausstellung von Hirszenbergs neuestem Gemälde „G ol usu (die Auswanderer) und von Neumanns Palästinalandschaften veranstaltet, um den Personen, die sich für dieses grossartige Unternehmen interessieren, die Schatfensart der Künstler näherzubringen. Die Ausstellung war Samstag und Sonntag s e Ii r stark besucht. Eine fachmännische Besprechung der Ausstellung bringen wir in nächster Nummer. Herr Baurat Stiassny macht seinen ganzen Eiufluss geltend, um die finanzielle Fundierung des Unternehmens hier in Wien zu sichern. Sollte es jedoch nicht gelingen, sind die Künstler entschlossen, auch anderwärts jüdische Kunstmäcene für die Sache zu gewinnen. Mehrere angesehene Mitglieder des A.-C unter anderen Dr. Alex. Marmorek, haben ihre warme Unterstützung zugesagt. V... Feuilleton. Gestalten und Gedanken. i. Perez Smolensky. *) Die Frage: Was heisst ein Volk und welches sind die Attribute eines Volkes? ist zwar in ihrer neuen Fassung von ziemlich kurzem Datum, ist aber dennoch nicht so neu. Auch in den früheren Perioden des Denkens und Schaffens haben sich verschiedene Denker diese Frage gestellt. Wie antworten die Neuen auf diese Frage: Was heisst ein Volk? Sie Treben psychologische, anthropologische, schliesslich historische Erklärungen. Bald erklären sie die Nation vom Rassenstandpunkte, bald vom Gesichtspunkte der psychischen Kontinuität. Wie deuteten sie die früheren Forscher? Wir haben eine Antwort Renans auf diese Frage: „Ce qui fait que les hommes forment un peuple, c'est le Souvenir des grandes choses qu'ils ont faites ensemble et la volonte d'en aecomplir des nouveiles." (Was die Menschen zu einem Volke bildet, ist die Erinnerung an die grossen Täten, die sie zusammen vollbracht haben, und der Wunsch^ neue zu vollbringen.) Eine Definition, die durch und durch spiritualistisch ist. Hier wird der Begriff Volk in seiner geistigen Abstraktion gefasst; nicht der Wohnort ist massgebend, nicht die verschiedenen politischen Umstände, sondern der Wille. Sagt es nicht Lazarus ebenso? Nicht weil du ein Deutscher geboren bist, bist du ein Deutscher, sondern du bist es, wenn du es willst, wenn du dich als solchen anerkennst. Und Lazarus war in dieser Beziehung der Schüler der alten jüdischen Idealisten von der Schule Mendelssohns. Feh sage Jdealisfpn ~ *) Siehe „Welt" Nr. 3.