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Die Welt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bi$ # weit" Nr. 4 von der Schule Mendelssohns und bin mir dessen bewusst, dass ich mich einem Vorwurf seitens der national denkenden Juden aussetze, die die Mendelssohnsche Richtung verpönen. Aber es ist dennoch so. Die eigentlichen Idealisten, die Träumer im wahren Sinne des Wortes waren eigentlich die Mendelssohnianer. Die Männer glaubten an das Wort Menschheit und deshalb gab es für sie keine Nation. Sie träumten, wie Saint-Simon träumte, wie Gomte, wie alle grosse Denker und Träumer der Zeiten. Mendelssohn war der Sohn der Aufklärungsperiode. Politische Knechtschaft einerseits und in der Ferne das dämmernde Aufgehen der Sonne der Aufklärung, der „ Humanitättf! Konnte Mendelssohn zu einer nationaljüdischen Theorie gelangen? Er konnte es nicht kraft der Umstände, kraft der dialektischen Entwicklung der Geschichte, die in Gegensätzen besteht. Nationalismus kann in einem Nationalstaate, in einem grossen, starken Lande entstehen, Wie konnte er unter den deutschen Juden entstehen, wenn er noch unter den Deutschen selbst nicht wach war? Ein antireligiöser Mensch hätte das Judentum überhaupt abgestreift. Mendelssohn war eine religiöse Natur und er suchte sein Judentum mit dem Zeitgeist in Harmonie zu bringen. Hatte nun Smolensky recht in seinen Angriffen gegen Mendelssohn? War seine Polemik gegen denselben stichhaltig? Ja und nein. Ja insofern, als er — Smolensky — den neuen Gedanken, der im Judentum keimte, zum Ausdruck brachte, wenn auch auf diese kritische Weise. Nein, da Smolensky nur die fertigen Ideen sah, nur die gewordenen Tatsachen und nicht ihre Ursachen, die Begleiterscheinungen. Er sah den Abfall der westlichen Juden vom Judentum. Und er fragte sich: „Woher diese Erscheinung?" Und er antwortete: „Mendelsohn ist schuld daran." Aber er irrte sich. Die Ursachen waren tiefer. Das Leben ist stärker als die Ideen. Wenn die deutschen, die französischen Juden, dem Judentum entfremdet wurden, war es aus dem Grunde, weil es ihnen nichts mehr zu bieten hatte. Ihm — Smolensky — dem Ideologen des neuen Judentums, das er auf dem alten weiterbaute, war es unbegreiflich, dass eine europäische Kultur so stark und mächtig wirken könne. Und er konnte ja dennoch den Juden nicht viel bieten.Weder einen reifen Flan für ihre materielle Not noch eine tiefe geistige Theorie über die Frage der Fragen, »die Frage nach dem „Was" und „Warum". Nationalismus ohne Nationaiphilosophie oder ohne Philosophie der Nation ist nicht für die Intellektuellen, Nationalismus ohne Nationalexistenz nicht für die Massen. Beides ahnte Smolensky, führte nicht aus. Er begriff intensiv die Notwendigkeit dieser beiden Aggredentien der Volksidee, aber er hatte nicht schöpferische Kraft genug, an sie heranzutreten, das Rätsel zu entziffern. Viele und grosse Fragen berührte Smolensky in seinen Aulsätzen: „Am Olom", „Ejs Ptaas" u. s. w., die Frage nach dem Wesen der jüdischen Moral, der jüdischen Religion. Aber man kann sagen, dass sein Denken im Vergleich mit den Gedanken eines Krochmal, ja eines Michael Beer Levinsohn kein Schritt nach vorwärts war. Aber eine Eigenschaft zeichnete Smolensky aus und das machte aus ihm den glänzendsten Agitator: die Schärfe der Sprache und der Mut, alles zu sagen. Daran liegt es ja. Nicht jedem ist es gegeben, Neues zu sagen, Grosses zu schaffen* Aber alles zu sagen, mit Offenheit, Mut, Innigkeit und Wärme der Empfindung zu sagen — das ist ein grosses Verdienst. Smolensky gebührt dieses Verdienst und deshalb ist er vielleicht der sympathischeste unter den hebräischen Schriftstellern. Eine jugendliche Seele, immer begeistert, aufrichtig, mit Liebe an seiner Idee hängend, enthusiasmiert und enthusiasmierend. Auch sein Stil ist so: temperamentvoll. Er war eben eine Künstlernatur, wenn auch kein Künstler. Wir berühren hiermit eine Seite im Schaffen und Wirken Smolenskys, die keine geringe Rolle in seiner Lebensarbeit spielte, d. i. seine Kunst, seine belletristischen Schöpfungen. Ichhabe gesagt, Smolensky war kein Künstler. Weil er kein Gefühl für Mass, für Feinheit, für Nuancen hatte. Man findet bei ihm keine packenden Schilderungen, Momentaufnahmen, keine psychologische Vertiefung des Problems. Aüch seine Sprache entspricht nicht ganz dem Inhalte. Manche Sujets sind naiv und unserer Vorstellung nach psychologisch unmöglich. Im Roman „Kwurat Chmor", um ein Beispiel zu wählen, wird ein menschliches Drama geschildert, Verfolgung eines liebenden Paares durch Fanatiker u. s. w. Und warum die ganze Tragödie? Weil der Held der Erzählung einen Jugendstreich begangen und der ehrenwerten Gesellschaft der „Chewra Kädischa" ihre Nudeln, die sie sich zu einem Zechgelage kommen liess, entwendet hat Eine solche psychologische Erklärung eines Romans, eine derartige künstlerische Deutung des Lebens ist eben unkünstlerisch. Wenn man Smolensky als Erzähler mit Mendele Moches-Sforim oder gar mit Dii minorum gentium, mit seinen engeren Mitarbeitern und Freunden, wie Brandstätter, Braudes u. s. w., vergleicht, so muss man ihre Ueberlegenheit anerkennen. Aber eines hatte Smolensky diesen Schriftstellern voraus: Die Schaffenslust und eine grosse Phantasie, Er war der phantasiereichste unter allen jüdischen Belletristen, mit einer Phantasie, die auf das äussere Leben gewendet war. Und nicht bloss das — er hatte auch mehr Wärme im Herzen, mehr Seelengrösse als seine Zeitgenossen oder Vorgänger. Kaiman Schulmann schrieb und übersetzte Romane, aber wenn er die Liebe beschrieb, — da rochen seine Beschreibungen nach dem Wilnaer Ghetto. Mapus* poetische Rekonstruktionen des altjüdischen palästinensischen Lebens haucht den Geist Kownos, des litthauischen Judentums, der — wie soll ich sagen — der „vormärzlichen" Zeit. Smolensky beschrieb und schilderte eben dieses Ghettoleben, eben diese alten, überholten, archaischen Zustände. Aber seine Beschreibungen sind trotz ihrer Mängel frisch, europäisch, modern. Wie ich schon betont habe — das Verdienst Smolenskys um die jüdische Literatur besteht darin, dass er der erste Europäer in ihr war oder sich zu sein bestrebte. Und das ist kein geringes Verdienst. c. Lesefrucht. „Ich sehe darin, dass jemand ein Jude ist seiner Abstammung nach, nicht das mindeste Unwürdige; im Gegenteil, wenn ich von Abrahams Samen wäre, würde ich in grosse Gefahr des Stolzes geraten, von so hochfürstlichem Geschlechte zu sein, wie das der Erzvater war, von so welthistorisch adeligem Geblüt, wie das Blut Israels. Wäre ich ein getaufter Jude, ich würde selbst als Christ auf die Verbindung mit altjüdischem Geschlechte halten." Der Historiker Heinrich Leo in der Nachschrift zu den „Hegelingen* 1839. Grossschlächterei und Schlächterei. Wir wissen, das der Jude für Leute, die sich in politischen Verlegenheiten befinden, eine sehr wertvolle Person ist Parteien oder Parteiführer, die sich irgend einer Schuld bewusst sind und ein Objekt suchen, auf das sich diese Schuld über-

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