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Die Welt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bi* # W^lt" Nr. 4 ^Oelt'Qbi'ODik' Wiener Kultusgemeinde. In der letzten Sitzung des Wiener Kultusvorstandes, welche Sonntag den 22. ds. stattfand, gab Kultusvorstand Architekt Marmorek folgende Erklärung ab: „Der verehrte Herr Präsident hat die neue Session unserer Körperschaft mit einer Programmrede eingeleitet, in welcher er uns einen Ausblick auf grosse und tief eingreifende Aufgaben eröffnete, welche dem Kultusvorstande bevorstehen. Er hat aber hierbei gerade jene Wünsche unerwähnt gelassen, welche die Platform der letzten Wählten gebildet haben und von allen Kandidaten angenommen wurden. Als'auf dieser Basis Gewählter sehe ich mich veranlasst, zu erklären, dass ich aus Ucberzeugung und Verpflichtung die Durchführung des Wahlprogrammes mit allem Nachdruck anstreben und urgieren werde, und hoffe ich, bei der Majorität des Vorstandes um so> weniger Widerstand hierbei zu finden, als dieses Programm nur ein Minimum der Wünsche der Wählerschaft darstellt, und gewiss zum Wohle der Gemeinde und zur Förderung des jüdischen Geistes, zur Hebung des Gemeinsinnes und Beseitigung vieler Uebelstände beizutragen geeignet ist." Apostaten im Staatsdienste. Ein hervorragendes klerikales Organ, das „Linzer Volksblatt4'', äusserte jüngst anlässlich der Aufnahme, der „Los von Rom"-Bewegung in das Programm der deutschnationalen Studenten, für den nächsten Hochschultag, das katholische Volk könne und Wierde nicht dulden, dass es von apostasierten Beamten regiert werde, darum müsse mit allem Nachdruck die Forderung erhoben werden, dass Apostaten im Staatsdienste nicht mehr angestellt werden. Soll dies Prinzip nicht auch auf die apostatischen Juden Anwendung finden? Literatur. Der Verein tschechisch-jüdischer Akademiker in Prag gibt in der allernächsten Zeit den zweiten Band seiner nichtperiodischen Edition heraus, u. zw. die Gedichte Morris R o s e n f e l d s in der Uebersetzung von Jaroslav Vrchlicky. Das Buch wird ein Porträt Rosenfelds zieren. Die Einleitungsstudie schreibt Vrchlicky. Konfessionelle Schulen. In Mähren gibt es dem „Hlasy z haue" zufolge 37 konfessionelle Schulen; in den einzelnen Klassen ist das Schülerverhältnis 5—60. Alle diese Schulen haben deutsche Unterrichtssprache. Abfertigung. Der „Rczvoj4 regt sich üler unseren Artikel, den tschechisch-jüdischen Kongress tetreffend, auf, ohne auch rur eine Tatsache seiner statistiklosen Schildbürgerpolitik entkräftigen zu können. In seiner sachlichen Ohnmacht wird er persönlich grot. Im übrigen Messe es mit Kanonen inch Spatzen schiessen, wollten wir über den famosen Assimilantenkongress mit dem „Rozvoj" eine Polemik führen. Das Treiben der Missionäre macht sich, wie der „Zsidö Neplap"' meldet, in letzter Zeit unter den Juden Budapests in sehr unangenehmer Weise bemerkbar. Besonders in der letzten Zeit sind viele galizische und russische Juden eingewandert Unter diese mengen sich nun die Missionäre, grösstenteils selbst getaufte Juden, verbreiten unter ihnen deutsch und hebräisch geschriebene Flugblätter und laden sie zu den jeden Samstag und Sonntag stattfindenden sogenannten „Biblischen Vorträgen" ein. Dabei geben sich die Missionäre für Juden aus, tragen einen langen Bart, sprechen fortwährend von Thora und Gemarah und zwar reden sie im Jargon, was ihnen dabei sehr zu statten kommt und das Zutrauen für sie erweckt. Bei den Vorträgen wird von diesem und jenem gesprochen und erst nach langem Hin- und Herreden gelangen sie stets zu dem Schlüsse: „Die ,]iKlcn mögen den einzig wahren Glauben anerkennen.'' In den meisten Fällen hat das Treiben der glattzüngigen Bekehrer wenig Erfolg, wenn sie auch durch ihr letztes Mittel, das Geld, leider unter den armen, hungernden Juden Anhänger finden. Immerhin würde diesem unwürdigen Treiben sicherlich eine Grenze gesetzt werden, wenn man. wie das Blatt richtig bemerkt, auch in Budapest an die Errichtung einer Toynbeehalle schreiten würde. Mischehen und Magyarisierungenu Das königlich ungarische Zentralstatistische Amt veröffentlicht in dem jetzt erschienenen Novemberhefte der Monatspub!ikationen unter anderem auch folgende Daten über die im November 1904 geschlossenen Mischehen; und zwar wurden in den Ländern der ungarischen Krone 36 Mischehen in diesem Monat geschlossen. In 20 Fällen gehörte die Braut in 16 der Bräutigam der mosaischen Konfession an. In bezug auf den Glauben der Kinder kam in sechs Fällen zwischen den beiden Teilen eine Verständigung zustande. In allen diesen sechs Fällen werden nämlich die Kinder der christlichen Religion, angehören. Nur zu deutlich sieht man schon an dieser kleinen Statistik, welche traurigen Folgen die unerfreuliche Erscheinung der Mischehen zeitigt. — Im ersten Halbjahre 1904 wurden in Ungarn 1874 Nameiismagyar isierungen bewilligt, davon 1079 an Juden, 662 an Katholiken und nur 43 an Protestanten. Die Beschäftigung ist bei-519 Personen nicht angegeben, 294 sind Studierende, 90 Staatsbeamte, 67; Lehrer, 38 Eisenbahnbeamte, 40 Kommunalibeamte, 689 Personen waren minorenn. Ein Assimilant. Herr Professor Aladär Ballagi, ehemals Bloch, getauft, hielt, wie wir seinerzeit berichteten, in der ungarischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag über die Inquisition, in dem er sie ganz neu beleuchtete und dieselbe als eine „gerechtfertigte, gegen die sich in die spanische Gesellschaft hineindrängenden Juden gerichtete, höchst nützliche Massreger priess. Der getaufte Herr Bloch, besser gesagt, Ballagi, hat nun die Kandidatur der 1848er Unabhängigkeitspartei im 9. Bezirke Budapests angenommen. Wenn das so weiter geht, so muss nach Baliagis Rezept bald die Inquisition in Ungarn eingeführt werden. Herr Ballagi hat eben noch nicht genug an Taufe und Namensänderung! Die jüdische Bibliothek „Esra" in Krakau versendet ihren Bericht von den letzten zwei Jahren, der nicht allein eine günstige Bereicherung des Bücherschatzes, sondern auch eine erfreuliche Zunahme der Frequenz und ein stetes Wachsen des Interesses für diese Anstalt seitens der Bevölkerung beweist. Die Bibliothek ist während ihres fünfjährigen Bestandes ein wichtiger Faktor in der jüdischen Volksbildung geworden und deren Leitung erfüllt ihre Aufgabe in glänzender Weise. Im Jahre 1903 weist die Statistik der Besucher 16.850, im Jahre 1904 bereits 17.768 Besucher aus allen Ständen auf. Der Bücherschatz, der 1901 gegen 1700 Bände betrug, ist auf 2857 angewachsen. Davon sind 1593 in hebräischer und 1246 in anderen Sprachen. g Vom Kischenewer Hilfskomitee. Wie erinnerlich, wurde von dem in Kischenew zur Verteilung der Unterstützungsgelder eingesetzten Komitee beschlossen, 50.000 Rubel dem Odessaer Komitee zur Ansiedlung von mehreren Familien in Palästina zur Verfügung zu stellen. Das Hilfskomitee weigert sich nun, Zeitungsberichten zufolge, diesen Betrag auszuzahlen und das Odessaer Komitee ist entschlossen, eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen. Herr So k o 1 o w, der bei der Sitzung, in welcher obiger Beschluss gefasst wurde, mitwirkte, tritt nun in seiner „Hazefirah" in scharfen Worten dem Gebaren des Hilfskomitees entgegen; er ruft alle jene, die sich an den seinerzeitigen Beratungen beteiligten, als Zeugen an und hofft, dass es den Herren des Hilfskomitees nicht gerade darum zu tun sein wird, die Sache vor Gericht auszutragen. Ueber das jüdische Frauenstudium brachte jungst eine Warschauer hebräische Tageszeitung sehr interessante Daten. Darnach studieren in derSchweiz,Frankreich undBelgien 2000 jüdische Studentinnen. Den Grund für die grosse Beteiligung der Jüdinnen am Studium sieht das hebräische Blatt teils in dem Wissensdurst der Juden, teils in ihrer ungefestigten ökonomischen Lage, die starke Vorurteile nicht -aufkommen lässt. Dass der jüdischen) Frauenbewegung eher Motive ökonomischer als ideeller Natur zugrunde liegen, zeigt die grosse Zahl der weiblichen stud. med. In Bern studieren 2 Schweizerinnen, aber 346 russische Jüdinnen Medizin. Die Hörerinnen der philosophischen Fakultät studieren Chemie und Sozialwissenschaften. Ein jüdisches Gymnasium in Jerusalem. Eine Versammlung von zionistischen Vertrauensmännern in Wilna, an der sich auch mehrere Mitglieder des A. C. mit Herrn Ussischkin beteiligten, fasste unter anderen wichtigen Beschlüssen, die noch nicht veröffentlicht wurden, auch den. Beschluss, an die soifortige Gründung eines G y m n a s i u m s i n Jerusalem zu schreiten. Eine Kommission wurde mit der Ausarbeitung des Programmes betraut und diese nimmt auch die Aeuserungen derjenigen, die sich für diese Institution interessieren, zu Händen des Sekretärs H. Z 1 a t o p o 1 s k i in Kiew entgegen. Aus Serajewo. Die „Chevra Kadischa" der hiesigen aschkenasischen Gemeinde hat beschlossen, den Namen des verewigten Dr. Theodor Herl für ewige Zeiten in die Haskarah aufzunehmen und alljährlich Jahrzeit für ihn anzuzünden. Perscnalnachrichten. Unser geschätzter Gg. Dr. Hugo Benedikt-Wien, Kommissär des Nationalionds für Oesterreich, schliesst am 2. Februar eine Ehe mit Frl. Sylvia Einstein in München. Die zahlreichen Freunde, die der Bräutigam durch seine Verdienste um unsere Sache und durch persönliche Liebenswürdigkeit erworben hat, begrüssen dieses Ereignis mit aufrichtiger Freude und das Echo davon wird sich gewiss in den Ausweisen des Nationalfonds finden, eine doppelte Genugtuung für dessen eifrigen Förderer. Wir gratulieren! — Unser geschätzter Gg. Nath. Salzberger-Marmarossiget hat sich mit Fräulein Gisella Brandl-Budapest verlobt.

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