Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bis & weit" Nr. 4 gänzlich abgesonderte Gemeindewesen von einander getrennt sind, von einer Annäherung oder von einer Vereinigung ge> sprochen werden könnte. 'Wir haben es dennoch erlebt. Der sechste Landesdistrikt der ungarischen Kongressjudensebaft hielt am 22. Dezember des vergangenen Jahres in Budapest sehi£ Jahresversammlung ab und wählte an Stelle des zurückgetretenen Martin Schweiger den gewesenen Reichstagsabgeordneten Moriz M e z e i zum Präsidenten und gleichzeitig zum Obmann der israelitischen Landeskanzlei. Der neugewählte Präsident wies in seiner Programmrede auf die grossen Schwierigkeiten hin, die im ungarischen Judentum durch das Fehlen einer Autonomie fühlbar sind. Da aber ein zergliedertes Judentum keine Autonomie erringen kann, müsse jeder Führer als Jude und als ungarischer Patriot (!) dahin trachten, die Vereinigung sämtlicher Juden im Lande zustande zu bringen, damit der Autonomie, von der das Aufblühen des ungarischen Judentums einzig und allein abhängig ist, nichts im Wege stehe. Selbstredend musste M e z e i in seiner Ansprache auf den Ursprung dieser Spaltung zurückgreifen. Er musste die zwei heiklen Punkte berühren und nichts wäre verständlicher gewesen, wenn der Gegenpartei entweder das Recht, den Schulchan Aruch auch in den Statuten anerkannt zu sehen oder das Rabbinerseminar zum Opfer gebracht worden wäre. Das letztere hätte man vielleicht gar nicht verlangt, da sich doch das Institut seit seinem Bestehen für „musterhaft und den weitgehendsten Forderungen entsprechen d" bewiesen hat. Aber warum deklarierte er die Aufnahme des Schulchan Aruch in die Kongressstatuten für unmöglich, da er doch selbst erklärt hat, dass auch die Kongressjuden den Schulchan Aruch anerkennen und daran nicht rütteln wollen? Ja, aber die Statuten dürfen doch nicht geändert werden! Dass sich die erste Kongressgemeinde des Landes im Sommer des vorigen Jahres im Gegensatz zu den Kongres-sstatuten ihre Statuten so umgeändert hat, dass nur diejenigen Mitglieder der Gemeinde sein können, die ausser ihrer Kultussteuer noch eine Immatrikulationsgebühr entrichten, wo doch die Kongressstatuten es vorschreiben, dass ein jeder Steuerzahlende zugleich auch Mitglied der Gemeinde ist mit allen aktiven und passiven Rechten, daran haben sie jetzt vergessen. Diesmal musste man die Gemeinde gegen die „Invasion gewisser fremder Element e" schützen und man konnte von authentischer Seite hören, dass man die Kongressstatuten nicht nur umändern könne, sondern von Fall zu Fall umändern müsse, denn sie hätten mit der Entwicklung der Pester grossen Judengemeinde nicht gerechnet und damit nicht gleichen Schritt gehalten. Also die Neologen geben nicht nach und wollen doch den Frieden haben. Die Orthodoxen wollen freilich nichts davon hören, denn sie haben nur zu verlieren und nichts zu gewinnen. Diese einseitige Friedensbewegung ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Das Kultus- und Unterrichtsministerium hat sich für die jüdischen Gemeinden überhaupt in der letzteren Zeit nicht sehr günstig gezeigt. Vom Staate haben sie nach dem G.-A. XX ex 1848 eine verhältnismässig gleiche Subvention für ihre Kultus- und Schulzwecke zu bekommen als die übrigen anerkannten Konfessionen. Dagegen ist ihnen im Jahre 1903 die lächerliche Summe von 44.800 K. zuteil geworden, wo doch die kleinste jüdische Gemeinde eine Schule erhält. Noch im Anfange des Schuljahres schränkte der Minister die Tätigkeit der Talmud Thora-Schulen ein. Aber den schwersten Hieb haben die jüdischen Gemeinden durch den Ministerialeiiass vom 23. November 1904 erlitte/n, kraft dessen die Juden bei ihren in Gemeindeangelegenheiten vorkommenden Differenzen angewiesen sind, mit Umgehung der Landeskanzlei sich direkt an die Munizipalbehörde, resp. den Verwaltungsausschuss und in höchster Instanz an das Kultusministerium zu wenden. Diesem Zustand muss abgeholfen werden durch Gewährung der Autonomie. Autonomie kann nur durch inneren Frieden errungen werden, also kommt, liebe Brüder, machen wir Frieden. Dabei muss man sich selbstverständlich auf: den Patriotismus beider Parteien berufen, von dem sie beiderseits durchdrungen sind. Den Zionismus darf man auch nicht ausser Acht lassen, der augenmerkhch in das Land hineingeschlichen ist und den Patriotismus der ungarischen Juden verdächtigen könnte. Wenn sich das Assimilantenblatt „E g y e n 1 ö s e g" auf das letztangeführte Friedensmotiv berufen hat, konnte es sich darauf berufen, dass wirklich einmal, bei dem Misrachistenkongress zu Pressburg, sich die äusserste Orthodoxie und die Vollblutassimilanten vereinigt haben. Aber diesmal wird es ihm nicht glücken. Die Orthodoxen sträuben sich gegen jede Vereinigung und wollen eine eigene Autonomie. Am 27. Februar wird in Budapest eine Versammlung sämtlicher geistlicher und weltlicher Delegierten der Gesamtorthodoxie Ungarns abgehalten werden, um vor allem den neuen Präsidenten der Durchfülirungskommission zu wählen und die Sache der Autonomie zu besprechen. Von einem bestimmten Kandidaten wird noch nicht gesprochen. In Vermutungen wollen wir uns nicht einlassen. Es würde nicht nur für uns, sondern auch für die Orthodoxie sehr vorteilhaft sein, wenn sie die chassidischen und gegen jede Aufklärung der jüdischen Massen heftig kämpfenden Elemente von der Führung ausschliessen würde, denn die ungarische Orthodoxie ist durch und durch krank und widerstandslos. Es fehlt eben an solchen Leuten, die den nationalkonservativen Sinn und die moderne Kultur zu vereinigen fähig wären. Eine Besserung der Lage kann in Ungarn nur von dem Zionismus erwartet werden. Die Bewegung ist hier zwar im Anfangsstadium, sie schreitet aber allmählich weiter. Wir haben grosse Schwierigkeiten zu bewältigen. Einerseits den eingewurzelten Chauvinismus, der in den Juden Ungarns noch grösser und krankhafter ist als in dem Kernmagyarentum, andrerseits den besonderen Bildungsstand des hiesigen traditionellen Judentums, dier heftigen Angriffe der jüdischen Assimilantenpresse und der judäOimagyarischen Zeitungen, die durch künstlich erfundene Märchen unsere Bewegung diskreditier?n wollen. In dieser ihrer Arbeit kam uns auch ein sich zionistisch nennendes Organ zur Hille. Im Jahre 1903 hatte sich endlich aus Universitätshörern die Tischgesellschaft „Makkabäa" konstituiert, die sich als ersten Programmpunkt die Reinigungsarbeit gestellt hat. Nachdem diese gelungen ist, konzentrierte man alle Arbeit daran, die zionistische Idee der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt und des Landes näher zu bringen und machte alle vorbereitenden Schritte zur Gründung eines ungarischen Organes. Das „Zsido N e p 1 a p" wurde am 1. Mai 1904 ins Leben gerufen und es gelang, dasselbe bis jetzt zu erhalten. Die Leiter des Blattes sparen keine Mühe, den Kampf weiter zu führen, nur müssen die ungarischen Zionisten — auch diejenigen, die die ungarische Sprache nicht verstehen — das Blatt fördern, denn wenn das Organ nach manchen Errungenschaften, auf die es hinweisen kann, inmitten des Kampfes seine Existenz aufgeben müsste, so hätten sie nur die Siegestrophäen des Feindes vermehrt und die Bewegung in Ungarn auf manche Jahre unmöglich gemacht. Die Landesorganisation steht jetzt in Ungarn kopflos da. Der zukünftige Mann der Leitung muss in Budapest gesucht werden und die Landeszentrale im Herzen des Landes sein. Eine zu diesem Zwecke im Anfange des kommenden Monates hierher einzuberufende Konferenz wird zu entscheiden naben, wen die ungarischenZionisten für dieseuPlatz für geeignet halten. Ein. Mann muss gesucht und gefunden werden, der nicht ruhen darf, bis die Statuten der zionistischen Vereine in Ungarn legalisiert werden. Denn es klingt vielleicht unglaublich, in Ungarn stehen weder die Landesorganisaticn noch die einzelnen Vereine auf legalem Boden. Und man soll ja nicht meinen, dass da die Regierung im Wege stünde. Wir wissen von einem Falle zu sagen, dass die Staatsbehörde gegen die Statuten eines neugegründeten Zionistenvereines nichts einzuwenden fand, sie jedoch vor Genehmigung der israelitischen Landeskanzlei zur