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Die Welt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 „bi? * W^lt" Seite 9 Begutachtung übergeben hatte und von derselben den Rit erhielt, dem Vereine, da er „unpatriotische Tendenzen" verfolge, die Genehmigung zu versagen. Das sind die Juden, die* jahrhundertelang und auch heutzutage den Liberalismus predigen! Abraham ben David. Berliner Brief. Der endgültige Abschluss des „heftigen Wahlkampfes" zwischen „Liberalen" und „Konservativen", den wir in der Konstituierung des Repräsentantenkollegiiims. sehen können, zeigt uns am besten, welch bestimmenden Einfluss auf die Geschicke Israels der Ausgang dieses Kampfeis haben musste. Man wird das Urteil für übereilt halten, da erst die Ausübung der Herrschaft beweisen werde, wie die siegreiche Partei ihre „Richtung'4 zur Geltung bringen werde. Wollen wir aber getrost sein! Die Richtungen der heute im Judentum noch herrschenden Kreise sind gar nicht so scharf und schreckener regend. Auch die Liberalen aus. der Berliner Repräsentantenversammlung werden hoffentlieh nicht aggressiv vorgehen, um den Verlust der letzten Jahre, in denen die Konservativen am Ruder waren, wieder einzuholen, weil ihnen einfach der Mut zum Angriff fehlt und weil ihr sogenanntes Programm längst verklungen ist. Die Konservativen werden sieh nicht minder artig verhalten und sich der Majorität mannhaft fügen, da sie sich noch weniger Verwegenheit zuschulden kommen lassen, und ihr Programm ihnen durchaus gestattet, tolerant und loyal zu sein. (Ihr entschiedenes und offenes Auftreten charakterisiert senr gut der „Schiemiel" durch eine bereits nach den Gemeindewahlen von der konservativen Partei erlassene Kundgebung, die in den „nächsten Tagen schon44 die Angabe ihrer Kandidatenliste erwarten lässt.) So dürfen wir b e i den Parteien nicht das Lob versagen: Die Liberalen sind nicht zu übermütige Sieger und die Konservativen nicht zu hartnäckige Besiegte. Diesen löblichen Eigenschaften der beiden Kämpfer ist es zu verdanken, dass gleieh das erste feierliche Galaauftreten des neuen Vorstandes einen, wahrhaft würdigen, durchaus feierlichen, durch keine Dissonanz getrübten harmonischen Verlauf haben konnte. Als die Herren nämlich in Frack und weisser Binde zusammentraten, da war schon alles vorher erledigt, fix und fertig mit allen Einzelheiten für den Zuhörer auf der Galerie vorbereitet: feierliche Reden, Kandidaten, Antragsteller, debattelose einstimmige oder fast einstimmige Beschlüsse, wahrscheinlich auch das übliche Bravo. Die Liberalen nahmen für sich, entsprechend ihrem Uebergewichte (das- Verhältnis zu den Konservativen ist etwa 12:7), den Posten des ersten Vorsitzenden und entsprechend viele Stellen im Vorstande in Besitz, gewährten aber auch grossmütig den Besiegten eine ihrer Minderzahl entsprechende Vertretung im Vorstande. Der bisherige erste Vorstand aus der konservativen Partei wurde nur um eine Stufe degradiert und zum zweiten einstimmig gewählt. Die Zionisten werden daraus lernen, dass es ihnen nicht zusteht, in irgend einer Weise durch Kompromisse ihrerseits diese Lage der' Dinge zu sanktionieren. So ist denn vorderhand die fortwährende Beobachtung und Kritik der Leitung der Gemeinde, die Aufstellung eigener, aus unserem Programme hervorgehender Forderungen an die jüdischen Gemehrdespitzen, Erweckung des allgemeinen Verständnisses beim Volke für unsere Postulate weit wichtiger als das einmalige Eingreifen während der Wahlen auch um den möglichen Preis von zweifelhaftem Werte. Es ist ein zionistisches Kul'tusgeimeindeprogramm erforderlich, das man zu jeder Zeit betonen, nicht nur für die Wahlen hervorholen muss. Es wird sich uns hierbei, um nur den Hauptpunkt anzugeben., vor allem darum handeln, für die jüdische Gemeinderepräsentanz die Würde und Bedeutung einer obersten jüdischen Behörde, einer Organisation, bei der die Leitung sämtlicher Interessen des Judentums, der jüdischen Gemeine in jüdischem Sinne ruht, zu erobern, sie jene Stellung einehmen zu lassen, die ihr der geschichtlichen Entwicklung und dem gegenwärtigen Bedürfnis des jüdischen Volkes gemäss gebührt. Es geht daher noch mehr um eine Kriitik dessen, was die Gemeindevorstände tun sollen und nicht tun, als um das, was sie wirklich leisten. Wir behaupten daher nicht den Standpunkt der Opposition um der Opposition willen. Wir können das Gute in der Wohltätigkeit der jüdischen Gemeinde und die Guten mit edlem Herzen vollständig anerkennen, jedoch dartun, wie unzureichend diese Tätigkeit, wie viel mehr dem jüdischen Volke nötig ist als sogar musterhaft eingerichtete Spitäler und Siechenanstalten und weite Friedhöfe. Aus Russland, Petersburg. Die Deputation der jüdischen Ackerbaukolonisten aus Südrussland, welche, wie wir bereits gemeldet hatten, vom Minister des Innern, Fürsten Swiatopoik- Mirnky und dem Ackerbauminister Jermolow in längerer Audienz empfangen wurde, hatte den Ministern pinen ausführlichen Bericht über die Lage der jüdischen Ackerbaukolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw unterbreitet. Aus diesem Bericht erfuhren die Minister, welcher Notlage die jüdischen Kolonisten dadurch ausgeliefert wurden, dass man ihnen die Vergrösserung ihrer früheren Landparzellen verweigerte und auch die Pachtung von Grund un i Bod»n untersagte. Fürst Swiatopolk-Mirfky drückte über diese Sachlage sein Erstaunen aus und wies die Deputation an, die Angelegenheit dem Chef der allgemeinen Angelegenheiten im Ministerium des Innern, Staatsrat Gurko, zu unterbreiten. Bei der hierauf erfolgten Unterredung mit Gurko sagte dieser den Vertretern der Juden: „Die Lage der jüdischen Kolonisten wird sich durch den Uebergang der Kolonien in die Maohfcphäre des Ministeriums des Innern nicht verschlechtern. Die jüdischen Kolonien werden jetzt nach dem Muster der russischen Dorfgemeinden organisiert. Man wird alles tun, um die Lage der Kolonisten zu verbessern. Die Frage der Vergrösserung der Landparzellen, sei es durch die Zuweisung oder Pachtung von Grund und Boden, wird jedoch erst zugleich mit der allgemeinen Revision der sogenannten Judengesetze geregelt werden.* Eine momentane Verbesserung der Lage der jüdischen Ackerbaukolonisten ist also nicht erfolgt. Petersburg. Ein Redakteur der nationalrussischen Zeitschrift „Russj" hatte eine Unterrfdu^g mit Senator Gerhard, dem Mitgliede des Ministerkomiiees und dem Chef der KodifikaHoasabteilung des Reichsrates, über die Lage der Juden in Russland. Senator Gerhard erklärte kategorisch, dass die Lage der Juden in Ru<*slan1 wohl eine äusserst bedrückende ist, dass aber die Lösung dieser Frage schier unüberwindliche Hindernisse biete. Die Aeusserung des Staatsmannes, in dessen Händen die Lösung der Judenfrage de facto liegt, beweist deutlich, wie die Hoffnungen zumindest übertrieben sind, womit manche optimistische Kreise in Russland von der neuen Aera eine radikale Besserung der Lage der Juden im Reiche erwarten. Moskau. Der langjährige Generalgouverneur von Moskau, Grossfürst Sergius, wurde von seinem Amte enthoben. An Stelle des Generalguberriums wurde in Moskau eine Stadthauptmannsschaft errichtet. Unter der Aera des Generalgouvernements der Grossfürsten Sergius wurden bekanntlich alle Juden aus Moskau ausgewiesen und der Aufenthalt jüdischer Kaufleute in der Kremlstadt fast unmöglich gemacht. Aber die eingebürgerte Praxis den Juden gegenüber ist in Moskau auch jetzt beibehalten worden. Dafür spricht ein von der „Nowosti" mitgeteilter Vorfall, welcher sich in Moskau vor wenigen Tagen abgespielt hat. Die Juden Altschuler und Lasare w* letzterer ein Ehren bürg er, reisten mit Fahrkarten direkten Verkehrs von Saraisk nach Bobruisk. Zum Unglück erlitt der Zug eine Verspätung von fünf Stunden und als sie in Moskau eintrafen,- war der Smolenskpr Zug, mit dem sie Weiterreisen mussten, bereits abgegangen. Da die Eisenbahnbehörd*» ihnen untersagte, im Kasaner Bahnhofe auf den nächsten Zug zu warten, so mussten sie sich in das nahegelegene Gasthaus begeben. Beim Eingang in das Hotel hegegnete ihnen der Polizeikommissär des Bosmanny-Polizeibezirkes und forderte sie auf, ihm auf das Polizeiamt zu folgen. Das war gegen zwei Uhr nachts. Im Polizeiamt empfing die Juden der Polizeileiter des Bezirkes mit den Worten: „Wissen Sie denn nicht, wie man mit Juden verfährt? Ins Arrestlokal mit

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