Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „bie # weit" Seite 7 Die Auswanderung nach Argentinien. Angesichts der Unmöglichkeit einer» weiteren Emigration nach England und der strengen Handhabung der Einwanderungsgesetze in den Vereinigten Staaten, und Canada wird sich von selbst der Blick auf Argentinien als Ziel der Auswanderer richten. Hier bestehen allerdings keinerlei erschwerende Einwanderungsgesetze. Im Gegenteil, die argentinische Regierung ist bemüht, die Einwanderung zu fördern. Trotzdem muss aufs dringendste davor gewarnt werden, unseren mittellosen jüdischen Glaubensgenossen die Auswanderung nach Argentinien anzuraten. Handwerker finden dort nicht so leicht wie in den Vereinigten Staaten und Canada Beschäftigung. Eine allgemeine Klage ist es, dass in Argentinien die Lebensmittel und die Wohnungen sehr teuer sind. Ausserdem kann man ohne Kenntnis der spanischen Sprache dort schwer fortkommen. 'Für Landwirte stehen allerdings grosse Strecken jungfräulichen Bodens billig zur Verfügung, jedoch, um als Landwirt irgendwelche Erfolge zu haben, muss man mit Mitteln ausgerüstet sein, um ein Jahr lang und mehr auf eigene Kosten leben zu können und sich mit allen Verhältnissen, die sich auf die Landwirtschaft beziehen, vertraut zu machen. * * * Südafrika, Natal, Transvaal, O r a n j e- Freistaat. Verboten ist die Einwanderung einer jeden Person, die nicht im Besitze von 400 Mark ist oder von der angenommen werden kann, dass sie der staatlichen Fürsorge zur Last fällt. Frkft. Isr. Fmbl. * * * Ueber die russischen Flüchtlinge in Dänemark schreit)t man: Von den vielen tausenden Juden, die während der letzten Monate aus Russland geflohen sind, ist ein nicht geringer Teil hierher gekommen. Sie verlassen jetzt Russland auf immer und werden von ihren nächsten Verwandten begleitet. Die jüdische Gemeinde in Kopenhagen hat zur Unterstützung dieser Unglück- Ichen etwa 20.000 K. eingesammelt. Der grössere Teil dieser Emigranten reist von hier nach Nord- oder Südamerika, aber nicht wenige vo-n ihnen, tüchtige Handwerker, haben den Wunsch geäussert, sich hier niederzulassen, und es ist ihnen schon gelungen, gut bezahlte Arbeit und feste Stellung zu erhalten. * * *• Den neuesten Beitrag zur Frage der Einwanderung in England liefert das Handeüsamt in einem Blaubuche, das entschieden in dem Sinne abgefasst ist, um der Regierungspartei, die sich diese Frage erkoren hat, um sie bei den kommenden Neuwahlen für ihre Zwecke zu benützen, in die Hände zu spielen'. Man kann auch aus der Haltung des Blaubuches weiter entnehmen, dass das Kabinett bei der Abstimmung entschlossen ist, ein neues und scharfes Fremdengesetz in der nächsten Sitzung des Parlamentes einzubringen, das so abgefasst sein, dürfte, um wieder die Liberalen und Radikalen zu veranlassen, gegen die Bestimmungen desselben in Opposition zu treten und so die Uni'onisten als die Anwälte der Fremdengesetzgebung erscheinen zu Hassen, für die jetzt die öffentliche Meinung, dank der ins Werk gesetzten Agitation, gewonnen worden ist. Da die Zollreform Herrn Chamberlains sich als eine schlechte Stütze für die Wahlkampagne erwiesen hat, so glaubt man nicht mit Unrecht einen vorzüglichen Ersatz in der populären Fremdenfrage gefunden zu haben, die nun auch in dem gewünschten Sinne zur Beeinflussung der Wähler von den Organen der unionistischen Partei kultiviert wird. In dem erwähnten Blaubuche wird nun unter der Aufschrift: „Die Fremdeninvasion — überraschende Zunahme derer, die im Lande bleiben.'4, angegeben, dass die Zahl der Einwanderer, die im Lande bleiben, von 82.600 im Jahre 1902 auf 95.724 gestiegen sei. Weiter wird noch bemerkt, dass von den als Passanten angegebenen 99.575 Ankömmlingen auch viele Tausende England nicht wieder verlassen, und es sei dieser Zustrom eine Warnung für alle jene, welche die Gefahr der Fremdeneinwanderung zu verkleinern trachten. Es ist selbstverständlich, dass diese Angaben von den unionistischen Blättern gründlich ausgeschlachtet werden. Die „Westminster Gazette" macht aber das Handel'samt und damit auch das Publikum darauf aufmerksam, dass dieselbe Behörde in dem Bericht an die königliche Kommission zur Untersuchung der Einwanderungsfrage noch vor zwölf Monaten erklärt habe, dass man sich von den hohen Ziffern der Einwanderer, die nicht als Passanten bezeichnet sind, n i cht erschrecken lassen dürfte, da sie die Reisenden einschliessen, die vom Kontinent und Amerika kommen, um England zu besuchen und dann wieder zurückreisen, so dass trotz der hohen Ziffer nur 7000 oder 8000 im Lande zurückbleiben, was auch durch die Zensusziffern bestätigt werde, und dass unter diesen selbstverständlich nur ein Bruchteil die eingewanderten russischen Juden sind! * * * Auch die Durchgangsländer treffen bereits dementsprechend schärfere Massregeln gegen die unglücklichen Auswanderer. So sind in Preussen folgende neue Bestimmungen ergangen: „Der Eintritt in das Staatsgebiet soll fortab nur dann gestattet wenden, wenn die Auswanderer einen mit einer iji Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgeseilschaft abgeschlossenen Passagevertrag zur Fahrt nach einem ausserdeutschen Ausschiffungshafen, eine E i s e n b a h n f a h rkarte bis zum Einschiffungshafen und ausreichende Barmittel besitzen, welche ihre Aufnahme an dem Reiseziel oder im Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleisten. Hierzu wird bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je 400 Mark, bei jüngeren Personen von je 100 Mark erforderlich gehalten. Aille ausserdeutschen Auswanderer, weiche diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Registrierstation zu passieren, wie solche zur Zeit in M y s 1 o w i t z und R a t i b o r bestehen. Insoweit in anderen deutschen Bundesstaaten Registrierstationen nach denselben Grundsätzen eingerichtet sind, genügt das Passieren dieser Stationen auch für die Durchbeförderung durch das diesseitige Staatsgebiet. Diese Bestimmungen finden aber keine Anwendung auf Auswanderer, welche die russisch-preussische Grenze und die dortigen Kontrollstationen passieren. Im übrigen gelten dieselben Bestimmungen jetzt für alle ausserdeutschen Auswanderer ohne Unterschied, ob diese von inländischen oder ausländischen Schiffahrtsgeselilschaften, befördert werden." Dass hierdurch die Auswanderung der armen Juden aus Russland erheblich erschwert, ja, soweit die Reise durch Deutschland in Frage kommt, fast unmöglich gemacht wird, ist so gut wie selbstverständlich. Allg. Ztg. d. Jd, Brief aus Budapest. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass seit dem Kongresse im Jahre 1868 das ungarische Judentum in zwei, resp. drei Lager gespalten ist. Einerseits sind es die K o n g r e s s g emeinden, welche die anno dazumal geschaffenen Kongressstatuten als Basis angenommen, andererseits die Orthodoxen, die an diesen Statuten bemängelten, dass. der Schulchan Aruch nicht einmal dem Buchstaben nach zur Geltung gelangt und die ge'gen das Landes-Rabbinerserninar als Gegensatz zu der historisch gewordenen Pozsonyer Jeschiwa protestierten. Diejenigen, welche weder diese noch die andere Richtung eingeschlagen, haben, blieben auf dem Status quo ante. Bei den gegenseitigen Reibungen, die seit diesem fatalen Kongresse fortdauern,, hätte man gar nicht daran denken können, dass zwischen Orthodoxen und Neologen, die nicht nur durch die strengere oder liberalere, eventuell hyperliberale Observanz der religiösen Gebräuche, sondern auch durch das