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Die Welt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 JfbiC & W^lt" Seite 5 derndes sein, aber diese Erneuerung darf nicht sprunghaft geschehen, sondern allmählich. Unersetzliche Menschen gibt es und darf es in unserer Organisation nicht geben. Wir müssen blos aktive, bewusste Arbeiter haben, denn wenn unsere Organisation sich nur auf Unersetzliche stützen wird, so wird sie stark ins Schwanken geraten beim Tode oder beim Verrate dieses oder jenes unersetzlichen Mannes. Diesem muss einfür allemal ein Ende gemacht werden. (Fortsetzung folgt.) Alliancppolhik und Zionismus. Von D. Elias (Mülhausen). Die jetzige Allianceleitung vertritt als Idee, dass nur auf dem Wege der Assimilation die Judennot gehoben werden könne. Man braucht nicht in besonderer Weise seine Geisteskräfte anzustrengen, um ihren Gedankengang zu verstehen: die Assimilation sorgt ciafür, dass das Judentum verschwindet; mit dem Juden turne verschwindet die Judennot. Nun aber gibt es Orte, in denen die Assimilation zu stände gekommen ist und in denen trotzdem die Alliance tätig ist. Im Bericht des Jahres 1900 wird z. B. mitgeteilt, dass in Marrakesch (Marokko) die Juden sieh die Sitten, die Fehler und den Aberglauben der Mohammedaner angeeignet hätten, unter denen sie wohnten; auch der Uebertritt zum Mohammedanisnius käme dort sehr häufig vor. Das Ziel, das die Assimilanten sich gesetzt haben, wird also in Marrakesch in absehbarer Zeit erreicht werden, das Judentum wird, dort verschwinden und die Judennot, und zwar ohne dass Aussenstehende einzugreifen hätten. Trotzdem wurde in Marrakesch eine Allianceschule gegründet. Was mag die.se Schule für einen Zweck haben? Im nationalen Sinne darf sie nicht, für die Assimilation braucht sie nicht zu arbeiten. Die Annahme ist deshalb sehr wohl berechtigt, dass sie Ziele verfolgt, die nur lose mit der Hebung der Judennot zusammenhängen. Diese Schule hat tatsächlich, wie alle ihre Schwesterschulen im Orient den Zweck — oder wie die Wortführer der Allianceleitung sich ausdrücken: den Nebenzweck — die französische Kultur und die französische Sprache zu verbreiten. Dass sie die französische Propaganda als eine ihrer Aufgaben betrachtet, gibt die Allianceleitung in offiziellen und offiziösen Auslassungen zu; ich erinnere nur an die Bede, die der Ehrenpräsident der Alliance, Herr Jakob Kahn, am Grabe Goldschmidts hielt, und an die Broschüre, die vor wenigen Jahren der Sekretär der Alliance herausgab. Dass die Alliance die französische Propaganda mit Erfolg betreibt, wird von der französischen Presse und von französischen Politikern unumwunden bescheinigt. Ich verweise auf Eeiseberichte, die vor 2 Jahren der „Monde illustre" publizierte, in denen die Bedeutung der Allianceschulen in Palästina für die französische Politik beleuchtet wird, auf Artikel des „Journal des debats", die dasselbe Thema anfangs 1903 behandelten, ferner auf eine Artikelserie im „Matin", in der die Dienste betont werden, die die Alliance in Marokko Frankreich erweist, erinnere noch an die Bede, die der Senator Graf Annay anlässlich der Budgetdebatte im Jahre 1903 hielt. Es ist wohl sicher, dass die Allianceleitung ihren Lehrern nie den bestimmten Auftrag gegeben hat, für eine Politik einzutreten, die nicht jüdisch ist. Aber Lehrer, die in Paris nach französischen Methoden gebildet werden, werden automatisch politische i^genten Prankreichs; Schulen, in denen das Französische die Unterrichtssprache ist, müssen Stätten französischen Wesens sein. Es ist selbstverständlich, dass Schüler, die von diesen Lehrern und in diesen Schulen erzogen werden, nicht Vorkämpfer für das Judentum, sondern Pionniere des französischen Geistes und des französischen Wesens sein werden. Die französischen Juden, die im In- und Auslande für ihr Vaterland eintreten, erfüllen ihre Bürgerpflicht. Ein .Narr wäre, wer es ihnen verübelte. Wie die Nichtjuden haben sie ihren Patriotismus zu betätigen. Doch haben sie ihrem Vaterland nur mit ihrer Person und ihrem Vermögen zu dienen; sie haben nicht das Hecht, Juden, die dem französischen Staatsverband nicht angehören, französischen Zwecken dienstbar zu machen, und mit Geklern, die nicht aus ihrer Tasche stammen, französische Propaganda zu treiben. Tatsächlich sind die meisten Orte, in denen Allianeesohulen existieren, ausserhalb der französischen Macht- und Interessensphäre, die französischen Juden bilden in der Alliance nur eine winzige Minorität und die Einkünfte der Alliance sind znmeist nichtfranzösischen Ursprungs. Das relativ grösste Kontingent der Alliancemitgiieder stellt beispielsweise Deutschland, beinahe 41 Prozent, und das Grundvermögen der Gesellschaft stammt grösstenteils vom österreichischen Baron Hirsch. Die Idee, dass das Judentum nicht für die äussere Politik eines fremden Staates einzutreten hat, ist auch dem Präsidenten der Alliance, Herrn Leven, geläufig. Mit grosser Schärfe wendet er sich im Bulletin des Jahres 1901 gegen den Hilfsverein deutscher Juden, der, nach seineu Satzungen, die deutsche Kultur im Orient verbreiten soll. Was aber Herr Leven beim Hilfsverein tadelnswert findet, findet er bei der Alliance selbstverständlich. Die Juden, die der Ansicht sind, dass die Alliance ausschliesslich jüdischen Interessen zu dienen hat, müssen gegen die jetzige Leitung und die jetzige Politik der x^lliance Front machen, aber auch diejenigen, denen ihre zionsfeindlichen Tendenzen nicht passen. Der Zionismus möge nicht vergessen, dass das jetzige Zentralkomitee der Alliance eine Hochburg der Assimilation ist. Es wirkt im assimilatorischen Sinn auf alle Schulen, die es leitet, auf die meisten jüdischen Gemeinden im Orient und auf die „Ica£\ Mit Recht hat man einst an uns die Aufforderung gerichtet, die Gemeinden zu erobern. Die Eroberung der Allianceleitung ist aber für uns viel bedeutungsvoller. Eine Gemeinde wird die allgemeine Judenfrage nie lösen, durch die Alliance kann sie gelöst werden. Man verlangt von uns, dass wir arbeiten. Welche Arbeit ist wichtiger als diejenige, Avelche die Alliance und mit ihr die „Ica" zionisiert? Die „Ica" und die Alliauce verwalten Fonds, die einen jüdischen Nationalfonds darstellen. Ist die Arbeit, diesen Fonds dem jüdischen Volke dienstbar zu machen, nicht ebenso wichtig oder noch wichtiger, als die, einen neuen zu schaffen? Dass der Kampf gegen die Allianceleitung seitens des Zionismus bis jetzt so lässig oder so gut wie nicht aufgenommen wurde, hat seinen Grund darin, dass viele Zionisten hofften, im „entscheidenden Moment" auf die Alliance zählen zu können. Diese Hoffnung ist eine trügerische. Die wenigen nationaljüdischen Elemente, die dem Allianeevorstancl angehören, haben auf die Leitung der Geschäfte keinen Einfluss. In der Alliance regiert als absoluter Herrscher Herr Leven. Und er hat seinen Hass gegen die zionistische Bewegung nie verheimlicht; er hat aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. In aller Erinnerung ist wohl noch die Absage, die Dr. Herzl von ihm erhielt, als er ihn aufforderte, an der Expedition nach Ostafrika teilzunehmen. Becht interessant ist z. B. auch zu wissen, was sich Herr Leven unter Zionismus vorstellt. Es ist, nach seinen x\usführungen im Bulletin von 1901, eine. Bewegung ,die von ihren Jüngern verlangt, „sich abseits von den übrigen Völkern zu stellen und von der

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