Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 ,»Wt*^lt" Seite IS;! Ahnen/als ein festes, greifbares, durchdachtes System war, so hat er jedenfalls das Verdienst des mächtigen Anregers. - Von zwei Standpunkten aus: müssen wir Smolensky betrachten, als Denker und als Künstler. Denker wäre vielleicht zu stark, -Publizist ist vielleicht das passende Wort. Denn ein tiefer Denker war Smolensky niclir, konnte es bei'seinem agitatorischen, heißblütigen, künstlerischen Temperament auch nicht sein. Aber wenn er keine eigene philosophische Weltanschauung hatte, eine eigene Anschauung in der Judenfrage hatte er jedenfalls. Und zwar betrachtete er diese von einem höheren Standpunkte, bemühte sich, sie auf theoretische Grundlagen zu stellen. Und wie,, war seine Ansicht über das Judentum geartet? In kurzen Worten könnte man sagen —- es war die Synthese der Theorie der Eevolutionäre und der Konservativen im Judentum. Und die Synthese war eine glückliche. Nicht etwa ein goldener Weg der Mittehnässigkeit, es war eine mehr oder weniger neue Problemstellung. Anstatt die Präge des Judentums auf dem Boden der Religion anzufassen», übertrug er di<$ Diskussion auf ein anderes, fruchtbareres Gebiet — auf das der nationalen Frage. Und darin liegt sein Verdienst. Wie er die nationale Frage aufgefasst hat, werden wir im folgenden Artikel zu zeigen versuchen. C o r. (Fortsetzung folgt.) Die Juden im Goetheschen „Faust". Nach Louvierscher Erklärung. Voij Gustav Tuch.*) H. Und um die Kolossal'leistung voll zu machen, hat der Schöpfer des „Faust" ausser Dichtkunst, Philosophie und Geschichte sich noch eines vierten Mittels bedient, nämlich der Chiffrierkunst, also eines Mittels, das auch die jüdischen, Kabbalisten anwandten; ja, er hat seine Chiffrierung mit denselben Kunstgriffen durchgearbeitet, wie dies auch in den Werken der jüdischen Kabbalisten geschehen ist. Selbstverständlich wollte Goethe hiermit nicht irgendwie Mystisches in sein Werk hineingelegt oder herausgelesen haben, sondern nur die kabbalistischen Einhüilungs-, Chiffrierkünste sind von ihm gebraucht und dies ist in leiner ganz bestimmten, deutlich erkennbaren Absicht geschehen. Die Entzifferung der kabbalistisch versteckten Aeusserungen des „Faust"-Verf assers offenbart nämlich und besiegelt die Richtigkeit der philosophischen und geschichtlichen Auflösung. Um das Verständnis' der Riesenarbeit unseres Goethe uns zu erschlossen, bedurfte es eines, hervorragenden Geistes, eines literarischen Spürtalentes ersten Ranges, eines Mannes von umfassenden Kenntnissen de?r verschiedensten Art, der in der selbstgestellten Aufgabe aufging, seine ganze Kraft und seine unbeirrte Ausdauer ihr widmete. Vorweg sei dabei noch erwähnt, dass er auf das kabbalistische Versteckspiel erst aufmerksam wurde, als seime. Rätsellösungen und seine induktive Methode der „Faust"-Forschung sich bereits zu einem zusammenhängenden System festgefügt hatten. Es ist mir eine bedeutsame Pflicht, aus der Leistung dieses vor einigen Jahren verstorbenen „Faust"-Forschers Ihnen, verehrte Anwesende, heute über einiges zu berichten, weil ich seit mehreren Jahrzehnten zu ihm in freundschaftlichen Beziehungen stand, weil ich ferner — es war im Jahre 1879 — die Erstlingsknospen seiner Forschung habe entstehen sehen; sie ersprossen, wie ich sagen darf, einer kurz zuvor wischen ihm und mir stattgefundenen Unterhaltung; seitdem blieb ich immer über den Fortgang der Studien unterrichtet; — endlich weil wir an dem, was. Louvier im „Faust" über Juden gelesen hat, ein allgemein deutsches und speziell jüdisches Interesse besitzen. *) Dieser in Hamburg gehaltene Vortrag wurde uns, da er gerade unsere Lesekreise interessieren dürfte, vom Verfasser für den Druck überlassen. Nur wenige Worte will ich über Ferd. Aug. Louviers Persönlichkeit sagen. Er war Schuldirektor in Hamburg und hat in dieser seiner Eigenschaft sich besondere Verdienste um Art und Methode fremdsprachlichen Unterrichts erworben. Zur Anwenftüiig des in seinen Büchern niedergelegten Prinzips war er durch seine philosophischen Studien gelangt. Die Festigkeit, womit er Immanuel Kant anhing, verbunden mit seinem logischscharfen, unermüdlichen Fo.rschertrie.be befähigten ihn. auch, — einmal auf die Ergrüadung von Einzelheiten im „Faust" hingelleitet, — dieses Hauptwerk deutscher Literatur in seiner ganzen Ausdehnung "■■■Vollständig zu durchmessen. Mit dieser Arbeit, die ihn an zwanzig Jahre unausgesetzt gefesselt hielt, hat er sich ein Denkmal gesetzt, das dauern und seine Bedeutung für Kenntnis;'der' Philosophie und Geschichte des achtzehnten und neunzehnten7 Jahrhunderts bewahren wird. Ja, es wohnt ihm noch ein Weiterer Wert für deutsche Zivilisation und Kultur inne. De;Äri; vder Goethesche „Faust" ist ein Werk von so überragende'!'' Gewalt und Tragweite, dass er statt der Schöpfungen griechischer und römischer Autoren wohl zur Grundlage gymnasialer Bildung gemacht werden, kann. In diesem Sinne wurde er ^n den Deutschen selbst bisher kaum gewürdigt, und zwar deshalb nicht, weil er für das Verständnis nicht eröffnet, nicht klar dargelegt war. Ich erachte, dass die Louviersche Bearbeitung .;ttu§ die Zweckbestimmung des „Faust" nach dieser Richtung:; hin erschliesst und dass. dieses grosse Verdienst ihr von niemandem mehr aberkannt werden kann. >•'•>[ .. Louvier hat über den „Faust" ver^chiedeneBücher geschrieben: das zweibändige Hauptwerk, einen Nachtrag hierzu, einen offenen Brief an Professor Geiger, Goetfie als Kabbaiist, Chiffre und Kabbala. Er hat auch eine für den DxHCk reife Arbeit hinterlassen. Dass es mir unmöglich ist;, von allem, was im „Faust" und in den Louvierschen Schriften: enthalten, auch nur. einen Umriss in der Kürze der gegenwärtigen Stunde zu entwerfen,, bedarf keiner nochmaligen Erklärung. Wenn ich also dazu schreite, aus einigen „Faust"-Abschnitten manches im Sinne der'Louvierschien Auffassungen verdeutlichen zu wollen, so bin ich meinem Publikum gegenüber im Nachteil. Denn so sehr greift alles herüber und hinüber, so vieles muss eigentlich im Verständnis vorausgesetzt werden, so sehr ist der Gesamtplan einheitlich, dass eine volle Erschliessung erst dem zuteil wird, der nicht davor zurückschreckte, von Anfang bis zu Ende sich zu vertiefen: gründlich mit zu ergründen. Und wenn Sie, meine verehrten Anwesenden mir nun zurufen wollten: Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären, . Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst 'du,ab! so .werde ich Ihnen mit Phorkyas erwidern : Allerdings, ihr. Unerfahrenen! Das sind, unerforschte Tiefen:' Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus. Der Dichtungsmerster legte vor die geheimnisvollen, mit den Schätzen seines Geistes, seines Herzens, seiner Bildung überreich gefüllten Tiefen ein Chiffrenschloss. Wer dieses Schloss zu öffnen versteht, gewinnt damit die Bekräftigung der philosophischen und geschichtlichen Enträtselung des „Faust". Euch nun, die Ihr hier versammelt seiet, muss es freudig und wohlgefällig berühren, dass Art und Methode der Zusammensetzung dieses Schlosses der jüdischen Literatur entlehnt sind. „Ihrem Zauberhauch, der es umwittert", ist das klassische Hauptwerk der Deutschen gewidmet; zugeeignet, sagt der Dichterfürst, und mit dieser „Zuneigung" leitet er — „der Busen fühlt sich jugendlich erschüttert" — die Tragödie ein. Indes die Versicherung, dass dem so sei, wird nicht mit den Worten Margareten»;