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Die Welt · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seife 14 f|B|^ 1$ Feuilleton. Gestalten und Gedanken. •' .~L ,; '(Sewidmet Perez Smolensky.) Nicht Biographien und nicht Monographien beab-*" sichtige ich hier zuschreiben.'Eine Eeihe Von -kleinen ' Essays, eine Serie von literarischen »„Causerres'' übei1 jüdische Dichter imd Denker. - j . Um die Frage vom Wesen der jüdischen Kultur -zu,' verstehen, muss man diese selbst kennen^ Die alte jüdische' - Literatur fand und findet auch jetzt ernste, hochbegabte: Forscher, Kenner, Förderer. Es existiert eine besonaejre „Wissenschaft des Judentums". Wenn es sieh um Saadia handelt oder um Ibn Esra, um irgend einen Gelehrten aus der Zeit der Araber oder der Pröven^aleh, da kaiin man eine gewaltige, reiche Literatur in den Hauptsprachen .Europas finden. Aber für das moderne jüdische Leben, für die junge jüdische Literatur kann man keine Forscher, keine Fachmänner finden. Und vielleicht nicht ohne Grund. Jene Gelehrten studieren die jüdische alte Literatur wie eine fossile Kultur.— bei d^r neuen versagt der Gelehrte. Hier muss der. Schriftsteller eingreifen, der in innigem Verhältnis zum Dichten und Denken seiner Zeit und seines Volkes steht, der,selbst kein objektiver Nachforseher, sondern ein subjektiver Teilnehmer, Augenzeuge des historischen Prozes'ses ist. Van diesem Standpunkte aus, vom/, Standpunkte der einheitlichen jüdischen Kulturanschauung müsste man unsere Dichter und Denker betrachten,1 deuten, kritisieren . , . . Und ich beginne mit einetfj. Toten. Gerade vor 20 Jahren ist in Heran ein Mann gestorben, der Perez S m o 1 en s ky hiess. Er starb als ein Fremder, fern von seinem Heimatland, von seinem "Milieu, das er geschildert, von ^itaem Volke, das er geliebt und teilweise geistig beherrscht hat. Er lebte seine letzten Jahre in.Wien. Letzten!- Als er starb, war er erst 39 Jahre alt. In diesem Alter pflegen sich Künstler und Denker erst voll zu entwickeln, sich voll zu geben. Sie reifen. Besonders, wenn die Persönlichkeit des Mannes nicht auf Kunst allein angelegt ist, wenn sie dazu eine belehrende, zu l'aten strebende, tatendurstige Natur ist. Und Smolensky war es. Man kann bei seiner Beurteilung nicht genau die Seheidegrenze ziehen zwischen dem Künstler und dem Agitator in ihm. Beide Elemente greifen bei ihm ineinander, einander störend, einander fördernd. Ich habe wieder nach langen Jahren die Gelegenheit des Jahrestages Smolenskys und die Verpflichtung, sein Andenken: aufzufrischen, benützt, um seine Werke noch einmal durchzublättern. Und der erste Artikel, den ich las, die erste Erzählung, die ich durchging, wirkten auf mich peinlich, klangen so absonderlich, so eigentümlich, dass es mir weh tat. Es ist, wie wenn man nach langer .Abwesenheit, nach langen Reisen in schönen Ländern, nadi dem Verweilen ■ inmitten der üppigen Natur nach der bescheidenen, wenn auch geliebten Heimat zurückkehrt. Wer sieh an den feinen, pointierten, nuancenreichen, einfachen und dennoch herrlichen Stil der modernen europäischen Künstler und Denker, ja sogar an den Stil der Jungen, neujüäischen Literaturgewöhnt hat, den überrascht die Schreibweise Smolenskys peinlich. Diese Fülle von Worten! Dieser Ueberreichtum an Zitaten, an Ausrufungen, dieser Ueberschwang und das unnötige Pathos! Aber man Best weiter, denkt sich allmählich in die Weit des Schriftstellers hinein^.....rekonstruiert sich sein Milieu,. m dem er gelebt und geschrieben hat und man vergisst «-n t SXftli» Nr. 3 v'.ev ... ■ ' , ■ f;die Schwächen des Autors, ihan begreift' und findet sie ^türlich. Unsere jüdische Literatur hat die merkwürdige; Eigenschaft, dass sie ungemein rasch veraltet. . Nehmen wir irgend einen Band eines europäischen Schriftsteller^, der vor dreissig, vierzig Jahren gelebt und geschrieben hat — und wir leben mit ihm wieder, wir lesen ihn ebenso leicht, als ob er gestern geschrieben hätte. Wenn wir einen S t e n a i z. B. zur Hand nehmen, mutet er uns modern an, wie ein Buch von Anatole France oder von Paul Bourget. Nehmen wir dagegen ein hebräisches Buch, das vor 20—25 Jahren geschrieben wurde und wir finden eine Kultur vor, die uns vielleicht ebenso fremd geworden ist, wie diejenige, die Walter Scott in seinen Romanen schildert. Wer kann jetzt den „Ajut Zwua" von Mapn, den „Hatoe Vdarke hachaim"' oder „Kwurät Ohmor" Smolenskys lesen, und dabei einen rein ästhetir sehen Genuss. haben? Man kann sie nur studieren, Wie man literarhistorische Studien betreibt. Uns sagen diese Bücher bereits wenig. Woran liegt es? Am Talente unserer Schriftsteller? -Teilweise auch daran. Aber noch mehr an unserem, ^eigenartigen Leben. Wir haben die letzten Dezennien Hinter Dampf drück, mit wirbelnder Schnelle verlebt. Jedes Jahr riss neue Schollen vom Boden der alten Tradition, schlug neue und tiefe Breschen in das Gebäude des jüdischen Lebens. Und wie konnten in dieser Periode der Hast und der Ueberstürzung Kunst- und Gedankenwerke entstehen, die den modernen Menschen befriedigen konnten,, die unvergängliche Denkmäler blieben? Einige von den alten Büchern sind übrig geblieben, als Monumente unseres Könnens, als „Standard-works" unserer Kultur. Eines von diesen ist das grosse Werk von Krochmal,, der „More neboche Hasman". — Und Smolensky? . Kann man ihn als einen Standard Autor betrachten? Ist er ebenfalls ein ßahnbrecher der jüdischen Kultur geworden? Hat er dem Volke neue Werte gegeben? An Smolensky lässt~ sich die eigenartige Betrachtung knüpfen, dass ein Schriftsteller grossen und mächtigen Einfluss haben kann, ohne Schule zu machen, dass die Ideen wirken, die Methoden verworfen werden. Smolensky hat nicht Schule gemacht, wenigstens nicht in dem Sinne, Avie es seinerzeit Krochmal, in neuerer Zeit Achad- Haam auf dem geistigen Gebiete des Judentums getan hatten. Aber einen Einfluss hatte er, wie keiner von den beiden. Zündend wirkte er und elektrisierend. Denn er w a r d e r e r s t e j ü d i s e h e S c h r i f t s t e 11 e r, der e u r p ä i 's e h war,' oder wenigstens zu sein sich bestrebt e. Für seine Zeit war die Sprache, die er führte, eine so moderne, so kühne, dass er die ganze damalige Generation hinriss. Eben das, was uns, Moderne, an Smolenskys Werken unangenehm berührt — die Breit- und Weitschweifigkeit, der Ueberschwang, das war den Lesern seiner Zeit vertraut und bekannt. Wer wirken will, muss sich anpassen können. Smolensky wollte kein Bahnbrecher, Umstürzler sein, er wollte nicht das Judentum vom Grunde aus revolutionieren, er wollte eine Synthese des Alten mit dem Neuen, der „Juden" und des „Europäers" schaffen — und eine solche Synthese war auch sein Stil. Wie verblüffend, erleuchtend musste ein Schriftsteller wie Smolensky auf die damalige jüdische Generation wirken, wenn er in der blumigen, manchmal gekünstelten hebräischen Sprache Buckle und Montesquieu und Mirabeau zitiert, ihre Ansichten auf das jüdische Leben angewendet hat! Er hat freie Worte ins Judentum getragen, und wenn er auch die Tragweite seiner eigenen Worte nicht geahnt hat, wenn alles, was er sagte, mehr ein intuitives

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