Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „M* * weit" Nr. 3 Odessa. Die Notlage der Juden in Odessa hat in letzter Zeit erschreckende Dimensionen angenommen. Die „Petersburgskija VYjedomosti", bekanntlich ein r«in nationalrussisches Biatt, tührte in einem Artikel, welchen sie der Lage der russischen Presse widmen, Fälle von Selbstmorden unter den Juden in O lessa an, welche aus Mangel an Nahrung verübt wurden und von den O iessaer Blättern verheimlicht werden mussten, weil die Zensur diese Nachrichten inhibierte. Der Jude Isaak Schutak hungerte einige Tage hindurch und vermochte nicht, irgend welche Arbeit zu fi »den. Erschöpft und verzweifelt warf er sich auf die Schienen der Hafeneisenbahn im Augenblicke des Herannahens eines Zuges und wurde zermalmt. . . Die Blätter in Odessa durften jedorh bloss melden, dass Schutak aus Unvorsichtigkeit den Tod gefunden habe. Ein anderer Fall betraf die Jüdin Sarah Frumkin, welche aus Not Laugenessenz trank und bald darauf starb. Die Blätter durften bloss melden, die Frumkm habe zufällig die Essenz getrunken . . . Das Elend unter den Juden in Russland ist nicht bloss in Odessa, sondern auch in den anderen Städten gross, aber man erfährt davon nicht viel . » . Pjetschitza (Gouvernement Minsk). Die nationalrussische Zeitschrift „Ruhfj41 berichtet über einen Ritualmord. proz*ss, welcher dieser Tage in Pjetschitza stattgefunden hat. Der Anklage lag folgender Vorfall zugrunde : Zwei Juden, Krämer von Beruf, fanden auf einer entlegenen Strasse den 15jährigen Christenknaben Afanassi Nowayk in erschöpftem Zustande, nahmen sich seiner aus Mitleid an und brachten ihn in ihr Geschäftslokal, wo sie ihm Brot mit Honig und auch Näschereien gaben. Nach einer Weile entliessen sie den Knaben. Da verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten den Christenknaben zu sich gelockt, um ihm zu religiösen Zwecken Blut abzuzapfen. Auf dieses vage Gerede hin wurden die Judt-n verhaftet und dem Gericht überantwortet. Die Geschworenen, durchwegs Christen aus dem Volke, sprachen die angeklagten Juden nach kurzer Beratung frei. Der Korrespondent der „Russj* bemerkt zu diesem Prozess wörtlich: „Die Gerichtsverhandlung hat ergeben, dass das Ritualmordinärchen von bösartigen Leuten zu unsauberen Motiven verwendet wird. Die armen Juden wussten nicht einmal, weshalb sie verhaftet wurden/ Wilna. Die „Sewero-Sapadnoje Slowo" berichtet über einen Vorfall in Wilna, welcher unter den Juden grosse Bestürzung hervorgerufen hat. In der Jewreiskajastrasse reinigten nachts Kanalräumer im Hause des Juden Leib Leisers die Senkgrube. Ein Einwohner des Hauses, ein 50 Jahre alter blinder Jude, näherte sich den christlichen Arbeitern und bat sie, ihm den W*g zu zeigen. Die Arbeiter führten ihn zur Senkpi übe und stiessen ihn hinein. Auf seine schrecklichen Hilferufe eilten die Nachbarn herbei und zwangen die Kanalräumer, den Juden aus der Grube zu ziehen. Als er herausgezogen wurde, zeigte der alte Mann nur geringe Lebenszeichen. Er wurde ins Krankenhans transportiert, wo er bald darauf verschied . . . Dieser Akt der Bestialität gegen einen bürden Juden wirft ein mehr als unheimliches Licht auf die Lage unserer Glaubensgenossen in Russland . . . Petersburg. Eine Deputation der jüdischen Ackerbaukolonisten in Sülrusslani wurde soeben vom Fürsten Swiato polsk - Mirsky und dem Domänenminister Jermolow empfangen. Ueber das Ergebnis der Unterredung werden wir in der nächsten Nummer berichten. Gt. Odessaer Brief.*) Noch nie hat sich der Zionismus in Odessa so stark und einmütig gezeigt wie in der letzten Woche. Die hiesigen Assimilanten haben nun wiederum einsehen müssen, dass der Zionismus in Odessa sehr ernst zu nehmen ist. Die letzte Woche wird den Odessaern lange im Gedächtnis bleiben. Es fand nämlich die Ehrung des A.-C.-Mitgliedes Dr. Sapir statt, welcher nach dem Kriegsschauplatz in die Mandschurei abging. Dr. Sapir erfreut sich in Odessa der allgemeinen Achtung und Liebe. Er gehört zu den wenigen Zionisten, welche für unsere heilige Sache Gesundheit, Karriere und Familienieben hingeopfert haben. Für den Zionismus war ihm nichts zu schwer und nur dank seiner *) Unliebsam verspätet. energischen selbstlosen Arbeit bestehen in Odessa 60 zionistische Vereine mit o—7000 Schekelzahlern. Die Ehrung Dr. Sapirs begann mit einem Bankett, wib 100 gewählte Personen anwesend waren, ausser Journalisten. Die Reden und Trinksprüche waren überaus herzlich. Es sprachen Lewinsky, Disenhof, Dr. Landesmann und andere. Die Vereine überreichten dem Dr. Sapir mehrere Adressen. Telegramme kamen an: von den Redaktionen der jüdischen Zeitungen, vom Wiener A.-C, von vielen A.-C.-Mitgliedern und aus vielen Städten Russlands, wo Dr. Sapir und seine Tätigkeit wohlbekannt sind. Am nächsten Tage fand ein zweites, von Dr. Awinowitzky und Dr. Dorfmann verunstaltetes, Bankett statt. Oie Massenehrung fand am Sonnabend während des Morgengebetes in der zionistischen Synagoge „Jawno" statt. Es waren 3000 Leute zugegen. Sapir ei schien in Offiziersuniform und wurde mit unendlichen Hedadrufen begrüsst. Beim Verlesen derThora stieg Sapir auf dasAlmemor und wiederum ertönte ein langanhaltendes, tosendes „Hedad", Die Abschiedsreden hielten in überaus herzlichem Tone die Rabbiner Tschernowitz und Dr. Awinowitzky, wie auch der Synagogenvorstand und stud. Mosensohn. Das Gebet endete diesmal um 2 Uhr mittags (statt wie gewöhnlich um 11 Uhr). Nach dem Gebete trugen Leute aus dem Publikum den Dr. Sapir von der Synagoge durch alle Strassen nach Hause und die „Hedad"-Rufe wie auch das „Od lo owdo" schallten durch die Strassen der Stadt. Der Strassenverkehr war für lange Zeit unterbrochen. Die Demonstration, der sich noch einige tausend Leute anschlössen, dauerte ungefähr eine Stunde. Die Folizei war zwar vollzählig anwesend, schritt aber nicht ein, da die zionistischen Ordner eine musterhafte Ordnung und Ruhe aufrechterhielten. Am Hause Dr. Sapirs blieb die Menge noch Jange stehen und fünfmal musste er sich auf den Balkon begeben. Das alles war aber noch gar nichts im Vergleiche zu dem, was während der Abreise geschah. Zehntausend Meschen waren am Bahnhofe und in den umliegenden Strassen versammelt. Sämtliche Reserveräume wurden dem Publikum freigegeben. Man überreichte dem Dr. Sapir eine Thorarolle. Sapir dankte in einer kurzen Ansprache, welche in folgenden Worten gipfelte: „Bei dieser heiligen Thora beschwöre ich euch, Brüder, nicht für einen Augenblick an unsere heilige Idee zu vergessen, welche uns alle vereint", und schloss mit dem Schwur: w& ria^n d^bit» rrarca dk Ein nicht enden wollendes „Heidad" und „Od lo owdo" war die Antwort der zehntausendköpfigen Volksmenge. Der Zug setzte sich in Bewegung und Sapir rief uns noch zum letzteemale zu: ♦n^wrpn nuan rvvb S. Saltzmann. Berliner Brief. Von gutem Instinkt geleitet hat Professor Kellner die Toynbeehallen-Institution als eine für die Juden äusserst passende sehr rasch erkannt und sie bei denselben eingeführt. Ihre erfolgreiche Entwicklung und Verbreitung ist vielleicht mit den altbewährten guten Eigenschaften der jüdischen Gemeinschaft, die sich den sozialen Pflichten der öffentlichen Belehrung und Wohltätigkeit nie entzog, in Zusammenhang zu bringen. Ohne weiteres lassen sich aber diese Veranstaltungen nicht auf die jüdischen Verhältnisse übertragen, weil die Juden zum grossen Teile nicht jene Proletarierschichte besitzen, für die der englische Philanthrop die edlen Erholungsabende einrichtete.. Daher entstehen unter demselben Namen verschiedene Institutionen, die mehr oder weniger von dem englischen. Muster abweichen. So heben djle einen hauptsächlich das.