Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 3 „bi* # W$lt" Seite 5 wiederum hörten wir immer lauter und lauter den Ruf tLäch leb&adiger Arbeit, L vrniJ. >.... j vi n, Und dazu kam noch äin Päktor; unsere Diplomatie stand plötzlich in einem ungünstigen Augenblicke vor einer steinernen Wand. Was geschah also? Der siebenjährige ausschliessliche diplomatische Weg musste, wenn auch nur zeitweilig, unterbrochen werden. Die zahlreichen Mitglieder der Organisation forderten Arbeit und dieselbe war im Zionismus nicht vorhanden. Der Boden fing unter den Füssen zu schwinden an. Die Bewegung musste gerettet werden und der allergefährliehste Schritt während des 25jälirigen Bestehet1 unserer Bewegungwurde gemacht — es wurde vorgeschlagen, einstweilen Britisch-OsflMrikSa, zu kolonisieren. Eine schreckliche Spaltung entstand, es begann ein Bruderkrieg; jegliche normale Arbeit hörte auf und das Resultat war eine vollständige Krisis unserer Bewegung. So wie Faust, der den bösen Geist anrief, nachher mit demselben nicht mehr fertig werden konnte, so hat auch der Heraufbesehwörer des „Nachtasyls" verschiedene territoriale Theorien mit ihren rohen, zynischen Beschimpfungen Palästinas und all dessen, was dem jüdischen Volke historisch teuer ist, mit hervorgerufen. Die Zionisten waren bis zum sechsten Kongress nicht durch Diplomatie, nicht durch Geld und nicht durch Organisation stark, sondern ausschliesslich durch die Ganzheit der Idee und durch die Einigkeit in ihren Reihen. Das Uganda-Projekt schlug eine Bresche in die Idee und vernichtete die Einigkeit auf viele Jahre. Und zu alledem erlitt die zionistische Organisation den allersehrecklichsten Schlag. Das kranke Herz des Schöpfers der Kongresse hielt die schreckliche Zerstörung seines Planes nicht aus und brach * . . Und nun leben wir in einem schrecklichen Augenblicke. Ohne Führer, ohne Programm, ohne Liebe, ohne Vertrauen zu einander, ohne klares Verständnis für unseren weiter zu gehenden Weg erwarten wir den bevorstehenden siebenten Kongress. Was wird er uns bringen? Wird er das vom sechsten Kongresse begonnene Werk fortsetzen und endgültig alles das zerschlagen und vernichten, was mit so ungeheurer Anstrengung im Laufe von 25 Jahren und hauptsächlich im Laufe der letzten sieben Jahre geschaffen wurde, oder aber wird es ihm im Augenblicke , der Verzweiflung doch noch gelingen, die kolossale Anstrengung zu machen und den Fehler des vorhergegangenen Kongresses gut zu machen und vom neuen klar den Weg der weiteren Arbeit vorzuzeichnen? Ich will glauben, dass er auf der Höhe seines Zweckes stehen und das zweite tun wird, denn dieser Weg ist nicht lange zu suchen — er ist klar — zurückkehren zum Baseier Programm in seiner Vollständigkeit und Gänze. Der neue Gouverneur von Jerusalem und die judischen Kolonien. In einer Korrespondenz der „Jewish Chronicle" aus Konstantinopel wird über den Besuch berichtet, den ReschidBey, der neue Gouverneur von Jerusalem, den jüdischen Kolonien in Palästina abgestattet hat. Sein erster Besuch galt der Schule „Mikwe-lsrael* bei Jaffa» die er genau inspizierte, wobei er ihrer Leitung und ihren Einrichtungen unumschränktes Lob zollte. Er sprach dem Direktor der Schule, Herrn L o u p o, seine warme Anerkennungaus. Darauf begab sieh Reschid Bey in die Kolonie „P et ach Tikwah", die älteste und am zahlreichsten bevölkerte jüdische Kolonie. Es befindet sieb daselbst der schönste Orangenhain des Landes. Der Gfouverneur frühstückte in der Kolonie, unterhielt sich mit den Administratoren derselben und kehrte gegen Abeu d befriedigt nach Jaffa zurück. Am nächsten Tag begab er sich nach Rischon Lezion. Der Empfang* der ihm daselbst bereitet wurde, war ein glänzender. Im Gefolge des Gouverneurs befanden sich der Militärkommandant von Jaffa, der Vorstand der Munizipalität und andere hervorragende Beamte, dann der Direktor der Technischen Schule der „Alliance Israelite" in Jerusalem, ein Smyrnaer Advokat H. Sonsino, ein Bruder des Vizeadmirals Elias Pascha u. a. Bei der Ankunft der Gäste sangen die Kinder der Schule, die im Hofe der Administration;, aufgestellt waren, die türkische Hymne und hebräische Qesänge. Das Orchester der Kolonie begleitete den Gesang. Der Gouverneur besuchte dann die berühmten Weinkeller undwar höchst befriedigt von ihrem Zustand. In der Schule, die er besuchte, bot ihm ein kleines Mädchen einerr Strauss. Der Gouverneur dankte und küsste das Kind. Dann wurde ein glänzendes Diner zu Ehren der hohen Gäste veranstaltet. Zum Schlüsse erhob Herr Sonsino sein Glas und hielt in türkischer Sprache einen Toast auf den Sultan und den neuen Gouverneur. Er betonte in der Rede, nicht nur Nichtjuden, sondern sogar Juden hätten früher nie glauben wollen, dass Juden zur Agrikultur befähigt wären. Die palästinensischen Kolonien haben sie eines besseren belehrt. Darauf erwiderte der Gouverneur ebenfalls in einer türkischen Ansprache: „Ich spreche Ihnen meinen Dank aus für Ihre liebenswürdige Einladung, umsomehr, als ich hier von den Fortschrilten der jüdischen Kolonien entzückt war. Diese Fortschritte verdauken sie ihren eigenen Anstrengungen, ihrer Energie. Es wird mich freuen, dies im kaiserlichen Palast berichten zu können, damit man dort wisse, wie würdig diese Kolonisten der huldvollen Aufmerksam* keit seien, die ihnen die kaiserliche Regierung>,rwiesen hat. Es freut mich, konstatierentzu können, dass die Vorstellung, dass Juden keine Befähigung für Agrikultur haben, falsch ist, da sie nicht nur durch die Geschichte dieses Volkes, sondern auch durch die Erfolge dieser Kolonien widerlegt wird. Mögen die Kolonisten fortlahren, auf dem eingeschlagenen Wege des Fortschrittes zu wandeln, denn je mehr sie leisten werden, desto mehr Ermutigung werden sie seitens unseres grossmüügen Herrschers finden. Ich werde meinerseits froh sein, ihnen meine voile Unterstützung und Förderung angedeihen zu lassen. Lassen Sie mich noch einmal den Mitgliedern dieser Kolonie für diesen entzückenden Empfang dauken. Ich trinke auf das Gedeihen dieser Kolonie." Die Gesellbchaft gieng vergnügt und freudig aus einander. Aus Russland* , Petersburg. In der hier erseheinenden Zeitschrift „Prawo" (Das Recht) ist ein Kollekti v^chreiben sämtlicher Verteiger der Juden im Hornels Pi ozesse, welche bekanntlicft die Verteidigung niederlegen und den Gerichtssaal verlassen mussten, veioffentlicht worden, in welchem sie die Motive aufzählen, weiche sie zu ihrem Schritte genötigt haben. Dieses Schreiben beleuchtet den ganzen Lauf des bereits bald zwei Monate währenden Prozesses in Hornel und aller Mittel, welche der Gerichtshof angewendet halte, um die Verteidiger der Juden an der Klärung der Ursachen der Exzesse gegen die Juden zu hindern und ihnen die Möglichkeit zu nehmen, die Unschuld der Juden zu beweisen und dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Das Schriftstück, mit überzeugender Ruhe abgefasst, enthält eine grosse Anzahl erdrückender Tatsachen, welche das Ziel des Gerichtshufes, die Unschuld der Juden nicht an den Tag kommen zu lassen, mehr als deutlich illustrieren. Die Anwälte teilen in ihrem Schreiben gleichzeitig mit, da?s sie von ihrer Haodlungsweise in Hornel der Petersburger Advokatenkammer Bericht erstattet haben. Aus allen Gegenden Russlands langen unaufhörlich Sympathiekundgebungen für die Anwälte der Juden im Homeler Prozesse ein.