Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „bi* * weit" Seite 7 Moment der Volksaufkläruög hervor und kommen den Volkshochschulen am nächsten. Ein Beispiel für letztere sind die von den Zionisten ins Leben gerufenen, sehr gut geleiteten und vorzüglich sich entwickelnden galizischen Toynbeehallen. Dieser ihr im Verhältnis zu der aufgelösten Mickiewicz-Universität (die, nebenbei bemerkt zumeist sowohl in bezug auf unterstützende Mitglieder als Prälegenten und Zuhörer auf Juden angewiesen war) glänzende Zustand und die dennoch kolossale Aufgabe, die sie bezüglich der kulturellen Hebung der Massen zu lösen haben, zeigt am besten, von welcher Wichtigkeit in so judenreichen und kulturell zurückgesetzten Ländern wie Galizien diese Gattung von ßildungsanstalten ist. Anders natürlich ist es in Kulturländern, Hier ist das Moment der Belehrung und Ausbildung erst an weiterer Stelle in Betracht zu ziehen, insbesondere in Orten, in denen die Masse der Einwanderer nicht sehr gross ist. Da handelt es sich nur um eine angenehme Zerstreuung für die Zurückgesetzten, die mit irdischen Vergnügungen nicht überhäuft sind. So ist die in Berlin von den Bnei Brith-Logen diesen Winter errichtete Toynbee-Halle so ziemlich der Typus einer jüdischen Toynbee-Halle des Westens. Ihre Besucher sind nicht rohe Gesellen, deren Gemüt man durch Darbietung edlen Genusses veredeln soll. Es sind vielmehr gebeugte, elende Gestalten, die, für einen Augenblick emporzurichten eine löhnende Arbeit ist. Tatsächlich scheint es dem Komitee gelungen zu sein, eine recht gemütliche Stimmung zu schaffen, in der sich die Gäste sehr wohl fühlen. Es sind zumeist regelmässige Besucher, Stammgäste, die nur selten einen Abend ausbleiben. Sie sind also miteinander schon gut bekannt, unterhalten sich gegenseitig, machen Witze und, was das wichtigste ist, fällen gemeinschaftlich Urteile über das, was vorgeht. Denn stumme Zuhörer sind sie nicht, haben ihre eigenen Ansichten, zunächst überhaupt über alles Ansichten. Wenn man diesem lebhaften Meinungsaustausch zuhört, der regelmässig nach jeder Vorführung erfolgt, scheint es beinahe, dass man die Intelligenz und Auffassungsfähigkeit dieses Auditoriums geradezu unterschätzt. Der Vortrag erscheint uns zu wenig populär und unentsprechend, doch die Kritik lehrt, dass er verstanden wurde. Freilich ist auch ein angenehmes, festes Schnarchen nur allzu gerechter Lohn für einen unmässig langen und langweiligen Vortrag oder ein unverständliches Musikstück. Es gibt jedoch Standhafte, die alle Energie zusammennehmen und heldenmütig den Schlummer überwinden. Dies sind die Tüchtigsten in der Diskussion. Die Diskussion ist eine durchaus allseitige und grundsätzliche. Sie betrifft nicht nur den einzelnen Punkt, sondern behandelt das in Frage kommende Thema bis auf seine letzten Voraussetzungen. „Das war ein schönes Stück!11 „Die Musik ist eine Kunst," entgegnete der Nächbar, „Man muss sie lernen," wirft ein anderer ein. „So! Sie könnten lernen und doch nicht spielen können; man muss schon damit geboren werden." Den langen prinzipiellen Streit schlichtet schliesslich ein dritter 2 „Es ist a Talent, aber es muss ausgebildet werden/ Nicht jeder kommt dabei gut davon: „Das Lied ist schön, nur sie singt nebbich schlecht." ist ein erbarmungsloses Urteil über eine arme, nicht übermässig stimmbegabte Sängerin. Es ist ein ununterbrochener Kontakt mit diesem Publikum und eingehende Beobachtung desselben nötig, um nicht schablonenmässig, sondern entwicklungsfähig und den lokalen Verhältnissen entsprechend diese jungen und wichtigen Institutionen einzurichten. j. Der ruhelose Schritt Ahasvers f Wenn man, mit geruhigem Tagwerk beschäftigt irgendwo in einer westlichen Hauptstadt, etwa in Wien, sitzt, kann es einem leicht passieren, dass man tagelang, vielleicht gar wochenlang an das „Judenelend" total vergisst. Man kommt nicht in die Lage, dran zu denken, dass es eine abgrundtiefe Not jüdischer Massen gibt, denn man sieht im Umkreise des täglichen Lebens nicht ein Zipfelchen des schwarzen Riesenflores, so da Judenelend geheisscn. Dann und wann sieht man wohl möglicherweise in einem Kaffeehause oder in einer „jüdischen Würstelei" einen jüdischen Hausierer, der eine heischende Hand mit Zündhölzchen oder dergleichen hinhält, aber er vermag uns nicht anzuregen, einem jähen Gedanken an •ainen jüdischen Massenjammer Kaum zu geben. Du, mein Gott, wir sehen ja auch dann und wann ebenso arme nichtjüdische Hausierer, weshalb sollten wir also in dem Hausiererjuden etwas allzu Befremdliches und eine Mahnung an eine besondere Judennot sehen? — So kann sich's ereignen, dass wir'in die Vergesslichkeit jener westlichen Juden hineingeraten, die mit ehrlichem Erstaunen und durchaus ungeheueheiter Ungläubigkeit si eh vernehmen lassen: „Judenelend? — Phantasiegebilde! — Ich seh' nichts, ich hör' nichts, ich glaub'' nichts1/* Doch eines Tages halten wir ein Zeitimgsblatt in der Hand und starren erschrocken auf wenige lakonische Zeilen. Ein eigenartiges, beängstigendes Geräusch, schallt uns aus der Nachricht entgegen: Der ruhelose, dumpfe Schritt Ahasvers! — Das hastet über die Erde hin und kann nicht Rast und Schlaf finden! Drei kurze Zeitungsdepeschen, aber sie bewirken, dass das Wort „Judennot", das uns verblasst und inhaltsann erscheinen wollte, sich plötzlich reckt und dehnt und wie eine ungeheure dunkle Masse sieh vor uns auftürmt: „N" e w York. Die Regierung sendet hunderte russischer Juden wegen Mittellosigkeit zurück. Die Einwandeiaingsbehörden erklären, die israelitischen Hilfsgesellschaften in Europa seien vornehmlich daran schuld."-----,,"N" e w Y o r k. In den letzten fünf Monaten sind 75 160 russische Juden in New York eingetroffen. Eine scharfe Anwendung der Bestimmungen des Einwanderungsgesetzes führte dazu, dass eine grössere Anzahl dieser Einwanderer zurückgeschickt wird, weil sie mit fremder Unterstützung eingetroffen sind. Die Berichte über diese Rücksendung werden zur Vorlegung an den Kongress vorbereitet." — — — — — ^M; o n t r e a 1. Auch Kanada ist entschlossen, die weitere Einwanderung mittelloser russischer Juden zurückzuweisen. Der Premierminister Laurier erklärt, die Regierung könne lediglich etwaige Farmarbeiter provisorisch anstellen." Welche Tragödie in diesen wenigen Zeilen! Welche Unmenge trauriger Ereignisse ist in den drei Depeschen zusammengedrängt! Man stelle sich vor, ein Erzähler Hesse sich von jeder einzelnen Familie dieser 75 160 Juden die Kapitel ihrer Leidensgeschichte berichten und schriebe — wenn Menschenkraft dazu ausreicht! — all die trübseligen Erlebnisse der vieltausendköpfigen Menge in einer Chronik nieder. Die Trauer des Aufbruchs, der Zwang des Abschieds von einer vertrauten Wohnstätte, das Wandern über Länder und Meere mit Frau und Kind, und in Hunderten von Fällen die unerbittliche Rücksendung und die Wiederholung des Jammerweges, nur dass auf solchem Rückwege die Hoffnung auf ein neues Leben und auf eine neue Welt der Verzweiflung des Zurückgewiesenen hat Platz machen müssen. — Es klingt eben gar so einfach, dieses Wort „75 160 russische Juden"; und man wäre imstande, mit flüchtigem Auge des Zeitungslesers darüber hinwegzugleiten, ohne .Versuch und Neigung, diese Elends-