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Die Welt · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bi* * weit Nr. 3 Högierüfcgen für sich zu gewinnen und welches in diesem für das Volk so glücklichen Augenblicke, sein Land, die heilige Schwärmerei seiner historischen Bestrebungen, als faktisches Eigentum eines fremden, kulturell und ökonomisch stark entwickelten Volkes vorfindet. Die Tragik eines solchen Momentes findet in der ganzen Weltgeschichte nicht ihresgleichen. Und mir wird's gruselig, wenn ich mir vorstelle, dass das jüdische Volk vielleicht in einigen Jahrzehnten einen1 solchen Augenblick erleben wird. Die ganze "'Leidensgeschichte seiner'[ iwea'täusencU jährigen Martyrologie1 wird nichts sein im Vergleich Snit diesem Moment. Und noch schrecklicher ist es, dass es diesen Augenblick nicht nur seinen Feinden, sondern auch seinen blinden einseitigen Freunden zu verdanken haben wird. Die verhältnismässig kleinen Erfolge des Zionismus in den letzten 25 Jahren lassen sich auch teilweise durch die einseitige Arbeit während dieser ganzen Zeit erklären. Die Chowewe-Zion dachten im Laufe von 10 Jahren nur an das Land. Sie ignorierten vollständig die Volksorganisation und die Entwicklung seiner geistigen Kräfte, sie begnügten sich mit Philanthropie und schufen gar keine gemeinnützigen Kapitalien, sie begriffen nicht, wie notwendig es ist, die Bewegung in eine für die ganze Welt sichtbare Arbeit zu verwandeln und versteckten dieselbe in ihrem Ghetto. Sie machten gar keine Versuche, die mächtigen Vertreter anderer Völker für ihre Bewegung zu interessieren. Und das Resultat: einige durch Philanthropie grossgezogene Kolonien in Palästina. Diese Periode endete mit dem traurigen Krach von 1891. Und nun beginnt die zweite Periode der Vorherrschaft des geistigen Zionismus. In dieser Periode wurde das Land vergessen, die äusseren Umstände wurden wie früher ignoriert, ebenso erging es der Volksorganisation und alles wurde auf die innere Selbsterkenntnis und geistige Wiedergeburt konzentriert. Fünf Jahre Arbeit nach dieser Richtung ergaben als Resultat ein kleines Häuflein ideeller Arbeiter, welche gar keine Verwendung für ihre Kräfte in der Praxis hatten; die grosse jüdische Masse aber blieb indifferent und die Bewegung schien am. Vorabend des ersten Zionistenkongresses in den letzten Zügen zu liegen. Mit dem ersten Kongresse beginnt die dritte, glänzendste Periode des Zionismus. Alle wirklichen, bewussten Zionisten sahen im Baseler Programme die Synthese aller vorhergegangenen Programme mit einem Zusatz. Offen der ganzen Welt kundgebend, dass es unser Bestreben ist, ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina zu schaffen, stellte das Baseler Programm vier Punkte auf, welche den Weg vorzeichneten, den wir nun zu beschreiten hätten, um zum Endziel zu gelangen. a) Das Land ökonomisch und kulturell zu erobern; b) die Kräfte und Kapitalien des Volkes zu organisieren; c) das nationale Selbstbewusstsein des jüdischen Volkes zu entwickeln und d) die diplomatische Arbeit, um für das Endziel günstige Resultate zu erzielen. Und tatsächlich schufen die Kühnheit, mit welcher wir unsere Rechte auf Palästina kundtaten, die klar vorgezeichneten Wege, der Zauber und die kolossale Energie des Organisators des Kongresses Wunder. Das Volk erwachte aus tiefstem Schlafe. Ueberall, wohin nur die Nachricht vom Kongresse drang, wurden flammende Reden gehalten, Vereine organisiert, Geld gesammelt. Im beschleunigten Tempo ging die Arbeit von einem Kongresse zum andern. Die Organisation erstarkte, die Bank entstand, die Schaffung des Nationalfonds wurde in Angriff genommen. Dazu kamen noch die äusseren Erscheinungen der diplomatischen Tätigkeit — Audienzen bei Monarchen, Regierungen etc. Alles schien das Wachsen und die Kräftigung der Bewegung zu versprechen. Diejenigen aber, die dem Ruder der Beweguiig.)öaraäiMandöri und die mit der tatsächlichen Lage der Dinge vertraut waren, bemerkten auch bald denselben Grundfehler, nämlich die einseitige Richtung, die Konzentrierung aller Kräfte der Organisation ausschliesslich auf einen Punkt des Programmen — auf die Beseitigung der äusseren Hindernisse, die Diplomatie und die formell rechtliche Seite der Organisation. Alle anderen Seiten der Tätigkeit wurden ignoriert und sogar verpönt. Der erste Punkt des Baseler Prograrumes -7— die;ökonomische ' und k^ltu^elle Eroberung -rPalästinas — wurxle als Stiefkind betrachtet. Die Worte „Kleinkolonisation", „Chowewe-Zion" waren das Synonym für alles Kleinliche, Nichtssagende, Sinnlose. .Den von den Kongressen gewählten Kolonisationskommissionen wurde kein Pfennig zur Verfügung gestellt, um wenigstens etwas unternehmen zu können. Eür die Häupter der Bewegung blieben Palästina und seine gegenwärtige Lage nach sechsjähriger Arbeit ebenso unbekannt und fremd, wie vor dem ersten Kongresse. In einer nicht besseren Lage befand sich auch die geistig nationale Tätigkeit, die sogenannte jüdische Kultur. Sie wurde das Enfant terrible der Kongresse, bis sie auf dem sechsten Kongresse endgültig abgetan wurde. Zur Illustration kann darauf hingewiesen werden, welche geringen Portschritte in der Erlernung der hebräischen Sprache, dieses untrennbaren Teiles der nationalen Wiedergeburt, in den letzten sieben Jahren erzielt wurden. III. Eine solche Richtung der Tätigkeit konnte nicht zu guten Resultaten führen. Einerseits hing die ganze Bewegung von den diplomatischen Erfolgen des gegebenen Augenblickes ab, andererseits lechzten all die zahlreichen Mitglieder der Organisation, welche ihren Führern blind folgten, nach lebendiger, praktischer Arbeit, während eine solche nicht vorhanden war. Denn mit Diplomatie konnten sich nur die Auserwählten, oder richtiger der Auserw~ählte, befassen. Die Fühlung mit dem Lande der Wiedergeburt, jede lebendige Arbeit dortselbst, die Lenkung frischer Kräfte dorthin betrachtete man als Ketzerei. Mit Kulturarbeit befasste sich die ungeheure Mehrheit aus parteitaktischen Gründen ebenfalls nicht. Was blieb also übrig? Geld sammeln und zum hundertstenmal ein and dieselbe Rede halten. Die Rufe: „Arbeit, gebt uns Arbeit!" Hessen sieh immer öfter vernehmen. LTnd als Antwort darauf wurde auf dem IV. Kongresse, statt einer wirklichen zionistischen, gerade zum Ziele führenden Arbeit, das Surrogat — G egenwart sprogramm — vorgeschlagen. Es bildeten sich Produktiv- und Sparkassagenossenschaften, Wohltätigkeitsgesellsehaften, es wurde für Hungernde, für Ausgeplünderte, Abbrändler gesammelt. Die Zionisten begannen überall einzudringen, bis in die freiwilligen Feuerwehrgesellschaften. Es verstrich jedoch nur eine kurze Spanne Zeit und diese Begeisterung legte sich. Alle fühlten, obwohl es nicht alle begriffen, dass dies Alles doch noch nicht das Richtige sei, dass diese Arbeit weder den Anforderungen des Endzieles entspricht, noch sogar, was noch trauriger ist, die Augenblicksinteressen befriedige. Es wurde klar, dass, wenn der offizielle Zionismus, auf den legalen Beziehungen zu allen Regierungen basierend, sich unmöglich mit der radikalen Umänderung des ganzen Lebens des jüdischen Volkes in den Ländern seines jetzigen Aufenthaltes beschäftigen könne, alle obengenannten Arbeiten nichts weiter bedeuten, als das Stossen von Wasser in einem Mörser. Und tatsächlich nahmen die fürchterliche ökonomische Verarmung, die Massenflucht und Emigration, die Feuersbrünste und Judenverfolgungen täglich zu. Und

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