Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 8 flbie * weit11 Seite 3 als wahre Juden, nicht als solche des Verdienstes halber und dem Namen nach, wie es ihre Väter sind. Die Theresienstadt hat gesprochen — werden die ungarischen Juden das Zeichen verstehen und endlich einsehen, dass es ausser dem nationaljüdischen Zionismus wohl Zerrbilder, aber kein stolzes, wahres und offenes, kein beständiges und unvergängliches Judentum gibt? ^____ L a. Unser Programm* Von Ing. M. TT s s i s c h k i n. *) I. Das Bestreben des jüdischen Volkes, sein tan sendjähriges „Golus" zu beenden und von neuem ein freies politisches Leben in seiner alten Heimat zu beginnen, hat seit bereits 25 Jahren die mittelalterliche passive Form aufgegeben und eine neue, aktive, angenommen. Der erste „Progrom" in Südrussland war der Vorverkünder dieser neuen aktiven Form. Im Laufe der letzten 25 Jahre beobachteten wir konkrete Erscheinungen dieser Aktivität. Diese Erscheinungen waren verschieden, je nach dem Programm, welches die Führer der Bewegung aufzeichneten. Chibas Zion, Kulturzionismus und der diplomatische Kongresszionismus sind nichts weiter als verschiedene Formen eines und desselben Wesens — des politischen Zionismus. In der politischen Wiedergeburt eines jeden Volkes spielen drei Elemente mit: Das Volk, das Territorium und die äusseren Bedingungen. Um ein politisch unabhängiges, kulturökonomisches Zentrum zu schaffen, muss das dasselbe schaffende Volk dazu genügend vorbereitet sein, ein stark entwickeltes nationales Selbstbewusstsein besitzen, in einer stark disziplinierten Organisation geeint sein, über grosse Kapitalien verfügen, Ausdauer und Geduld haben und hauptsächlich muss es selbstbewusst bereit sein, die Interessen der Gegenwart für das Wohl der Zukunft zu opfern. Wenn ein Volk das alles nicht besitzt, so werden alle seine Versuche, ein politisches Zentruni zu schaffen, erfolglos bleiben. Das Territorium. Das Territorium muss noch lange vor der Entstehung der neuen Gemeinschaft ökonomisch und kulturell tatsächliches Eigentum des Volkes sein, welches dort ein Zentrum errichten will. Sein ganzes Leben muss von diesem Volke abhängen. Das Volk muss de facto schon der Besitzer des Territoriums sein, wenn es auch de jure dies noch nicht ist. Das Volk muss mit dem Lande durch ewige Bande inniger Liebe und Ergebenheit verknüpft sein. Es muss diesen Boden mit seinem Blute und mit seinem Schweisse tränken. Aeussere Umstände. Bei vollständigem Vorbereitetsein des Volkes, das Land in Besitz zu nehmen, wie auch des Landes, das Volk aufzunehmen, gelingt das nicht immer, wenn gewisse günstige äussere Umstände fehlen. Die Lebensinteressen eines jeden Volkes stossen auf die Interessen anderer Völker und nicht immer laufen dieselben parallel. Deshalb muss man überall und immer bei allen nationalen Bestrebungen und Bewegungen, gleichzeitig mit der Vorbereitung des Volkes und Landes, auch eine intensive planmässige diplomatische Agitation unter den anderen Völkern und Machthabern entfalten, um die äusseren Hindernisse aus dem Wege der Bestrebungen des Volkes zu entfernen. Man muss^den anderen klarlegen, wie weit die Wiedergeburtsbestrebungen des gegebenen Volkes gesetzlich unschädlich *) Aus einer demnächst erscheinenden Broschüre. Wir veröffentlichen diese Ausführungen, ohne Ihnen in allen Punkten beipflichten zu können, Die Redaktion. und vielleicht sogar nützlich sind. Man muss die besten kulturhumanitären Kräfte anderer Völker für sich gewinnen. Diese sukzessive Arbeit wird Schritt für Schritt den Führern des wiedergeborenen Volkes die Arbeit erleichtern; besonders stark wird sich das Resultat dieser Arbeit aber im Momente des endgültigen Triumphes unserer Sache zeigen. II. Ein vernünftiges Tätigkeitsprogramm in Freiheitsbewegungen ist die gleichzeitige Arbeit nach allen drei Bichtungen. Das Besultat einer solchen Arbeit ist das natürliche normale Wachsen und der Fortschritt der ganzen Bewegung. Schritt für Schritt, Jahr für Jahr erstarkt das Volk, erobert man das Land, werden die äusseren Umstände leichter. Alle vorhandenen Kräfte haben Verwendung für ihre Tätigkeit in einer Freiheitsbewegung. Einer bereichert die Volkskasse, der andere organisiert und entwickelt die Volksmassen, einer erforscht das Land, der andere bearbeitet und bereichert es. Einer legt der Intelligenz und den Massen anderer Völker unsere Bestrebungen dar, der andere macht damit die Herrseher und Minister bekannt. Alle diese Arbeiten einzelner Per¬ Personen und Gruppen addieren sieh dann zu einer Summe, welche das Wachstum und den Fortschritt der ganzen Bewegung bedeutet. Ein ganz anderes Besultat erhält man, wenn das Tätigkeitsprogramm einseitig ist und nur einen Teil der Arbeit enthält. Das Wachstum ist nur einseitig, daher auch verkrüppelt. Viele wertvolle Kräfte bleiben unausgenützt und die allgemeine Summe ist daher kleiner. Aber noch traurigere Folgen kann eine solche einseitige Tätigkeit in der Zukunft haben. Bei der ersten zufälligen Störung oder dem ersten Misserfolg auf einem Gebiete schwindet der Boden unter den Füssen der Arbeiter, Verzweiflung ergreift die Massen und die Bewegung gelangt in eine starke Krisis. Die Ursachen sind auch ganz klar. Wenn man aber gleichzeitig nach den verschiedenen Bichtungen arbeitet, werden die Misserfolge in einer Richtung durch die Erfolge der anderen gedeckt, die Abschwächung der einen Seite wird durch Intensität auf der anderen gehoben und die Bewegung geht ohne Krisis und Stösse vorwärts; bei der Arbeit in einer Richtung muss aber tatsächlich alles beim ersten Misserfolge zusammenstürzen. Und wenn sogar die Bewegung solche Krisen und Misserfolge umgehen wird, so kann auch dann noch das Endresultat der Arbeit nicht nur traurig, sondern sogar tragisch ausfallen. Nehmen wir an, dass alle äusseren Umstände der Wiedergeburt eines gewissen Volkes in einem gewissen Lande günstig sind, alle Völker und alle Regierungen fördern sie; aber das Volk selbst besitzt nicht den Glauben an die eigene Kraft, hat nicht den Willen, die Organisation und die gemeinsamen Kapitalien. Der günstige historische Augenblick geht unwiderruflich für viele Jahrhunderte vorüber. Zweimal hat das jüdische Volk solche historische Augenblicke miterlebt: bei der Vertreibung der Juden aus Spanien und zu Zeiten des Herzogs Joseph von Naxos. Es können aber auch umgekehrte Erscheinungen eintreten. Das Volk ist zur Wiedergeburt bereit, hat dazu alle Mittel, das Land befindet sich tatsächlich in seinen Händen, aber die äusseren Umstände sind dafür ungünstig. Im Laufe von vielen Jahren sind dieselben nicht vorbereitet worden. Wiederum muss das Volk lange, lange Jahre im Sklaventum leben und bessere Zeiten abwarten. In einer solchen Lage befindet sich augenblicklich das türkische Armenien. Die Freiheit Armeniens ist für die Zukunft gesichert, aber es wird noch lange warten müssen. Am schrecklichsten and tragischesten kann aber die Lage desjenigen Volkes werden, welches geistig und kulturell aufersteht, seine Kräfte und Kapitalien organisiert, dem es gelingt, die Völker und