Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Mbie & weit Nr. 2 lebexis, die ihr Inneres ergreifen. Ihnen soll in keiner Weise zu nahe getreten werden. Vielmehr soll unumwunden ausgesprochen sein, dass wir mit ihnen die erhabenen Schönheiten des poetischen „Faust" bewundern, immer aufs neue und mächtigste uns davon bewegt und gehoben fühlen. Bewunderung und ästhetisches Mitfühlen hindern uns indes nicht, — sie reizen gerade dazu an, denen recht zu geben* die dem Verfasser noch weitere Absichten mit seinem Werke zuschreiben und die meinen, dass darin noch ein Sinn enthalten ist, der nicht von der Oberfläche, sondern aus der Tiefe geschöpft werden muss. Die Zahl derer, die dem Verstände zumuten, mehr noch aus dem „Faust" zu ergründen, muss wohl grösser sein, als derjenigen, die sich mit dem Verweilen bei den Schönheiten des augenblicklichen Geniessens zufrieden geben. Dafür zeugt die Masse umfassender, bis zu einer gewaltigen Literatur angewachsener Erklärungen. Aber alle Kommentare, Besprechungen. Beschreibungen schienen nicht zu genügen, nicht zu befriedigen. Es blieb: ein geheimnisvolle Buch „von Nostrodamus' eigener Hand'4. — Nostradamus — uns gegeben von eigener Hand;' von Goethe also ist uns ein Geheimbuch zuteil geworden. — Die Jahrzehnte verstrichen, ohne dass die Auslegungen uns die Erschliessung gebracht hätten. Nicht wollen wir die heutige Stunde dazu benützen, an der Entwirrung der verschiedenen Streitfragen zu arbeiten, die der „Faust" hervorgerufen hat. Dagegen lassen Sie mich eine Tatsache hervorheben. Es kam ein Erklärer, der einen bisher unbetretenen Weg der Forschung einschlug. Wie heftig er auch von allen denen, die in ausgetretenen Geleisen wandelten, angezetert, bespöttelt, ja, von ihnen, man könnte sagen: als des Verstandes verlustig gegangen bezeichnet wurde, so ist er doch von niemandem widerlegt und — das erscheint mir sehr bemerkenswert — seit seinen Veröffentlichungen traten, meines Wissens keine neueren Ausleger mehr auf. Wohl aber hat sich eine Gemeinde ernster wissenschaftlicher Anhänger gebildet, die nach gründlicher Forschung die Bedeutung des vielverkannten Mannes zu würdigen wissen. Die Art der Arbeit des Erklärers, von dem wir jetzt sprechen, .unterscheidet sich von denen der voraufgegangenen Exegeten darin, dass diese den Inhalt des Gesamtwerkes auf sich wirken liessen und aus dem derartig gewonnenen Eindruck die Absicht des Verfassers entwickeln zu können glaubten. Wir wollen dies die deduktive Methode nennen. Allein die Idee des Werkes ergründete man auf diese Weise nicht. Man löste zwar mit Hilfe der gewiss nicht zu unterschätzenden philologischen umfassenden Arbeit aus der nach Tausenden zählenden Ueberfülle von Rätseln eine dürftige, winzige Anzahl, man löste einzelnes auf; aber es blieb beim Unwesentlichen. Die Methode des Mannes, der den abweichenden. Weg einschlug und induktiv vorging, besteht darin, dass er mit ausserordentlicher Geistesschärfe ein Rätsel nach dem andern im „Faust" sicher auflöste, dass er dann die Unmasse der Lösungen in ihrer systematischen Zusammengehörigkeit und in ihrem logischen Zusammenhange nachwies und schliesslich zu einer Gesamtlösung, einer Gesamtauffassung gelangte. Dabei zeigte sich etwas ganz Eigentümliches. Die Lösungen erwiesen sich als zwiespaltig, und je weiter sich die Forschung vertiefte, um so deutlicher ersah man, dass der poetische.,Faust'4nicht nur einen Geheiminhalt, sondern deren zwei in sich schliesst. Jede Szene ergab einen philosophischen Inhalt; jede Szene ergab aber auch eine geschichtliche Schilderung, und zwar stellte sich diese als Beispiel oder Bestätigung der philosophischen Bedeutung dar. Man beachte nun folgende Gliederung: Der verhüllte Sinn eines Wortes, an einer bestimmten Stelle des Werkes gefunden, ergibt sich als übereinstimmend richtig an vielen anderen Stellen, wo dieses Wort in anderem Zusammenhang sich wiederfindet. " Ganze Serien von Worten, die in einem bestimmten Begriffszusammenhang stehen, wie etwa: Meer, Strom, Fluss, Bach, Wasser, Tropfen, ferner Gebirge, Berggipfel, Berg, Anhöhe, Ebene usw. usw. finden entsprechende Abstufungen und Wertverhältnisse in den Lösungen, so-dass für denjenigen, der einmal das System erfasst, eine förmliche Faustsprache sic'h ergibt, und dass, sobald man eines oder einige Worte in der Uebersetzung kennt, man richtig auch auf die übrigen der Wortreihe oder Wortgruppe schliessen kann. Um dies zu verdeutlichen, will ich als Beispiele die Auflösung eines einzelnen Vorganges, die ein Wort ergibt, und die Auflösung eines Rätsels hier anführen. Versetzen Sie sich einmal in den Gedanken, dass in der Szene der Hexenküche das Alter geschildert sei. Mephistopheles setzt sich in einen Sessel. Wie so er einen Alten und noch dazu eine hochbedeutsame geschichtliche Persönlichkeit in dieser Situation allegorisch vorstellt, welche feinsinnige Darlegungen sich hieran knüpfen* darüber will ich mich in diesem Augenblick nicht verbreiten. Man könnte einen besonderen Vortrag darüber halten. Wir wollen dies, wie gesagt, hier zunächst so hinnehmen. — Mephisto spricht nun: Hier sitz' ich wie der König auf dem Throne; Den Zepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone, Man bringt ihm nun eine zerbrochene Krone mit den Worten : 0 sei doch so gut, Mit Schwefes und mit Blut Die Krone zu leimen! Wer sich die Szene der Hexenküche ansieht, ohne die Aufklärung zu besitzen, dass das Alter und der Alterswahn in allen ihren Phasen darin durchgeführt sind, wird schwerlich in alle die Vorgänge und Aussprüche, die dort vorkommen, Sinn und Zusammenhang bringen. Mephistopheles wird ein Wedel' überreicht; er setzt sich in einten Sessel, spricht vom König, vom Throne, vom Zepter und der Krone. Und dann wird ihm zugemutet, er solle eine in zwei Teile zerbrochene Krone mit Schweiss und Blut leimen. — Hier findet sich sicherlich nicht nur ein, sondern eine ganze Fülle von. Rätseln, die in einen Vorgang zusammengeknüpft sind. Sind wir aber so weit, zu wissen, dass es sich um das Alter handelt, dann werden wir uns mit. grösserem Erfolge die Frage vorlegen können: Was mag denn das für eine in zwei Teile zu zerlegende Krone sein, die sich mit Schweiss und Blut leimen lässt? — Induktiv fortschreitend, wurde gefunden, dass es die dem Alter dargebotene Krone der Ehrwürdigkeit sei. Das Wortspiel zerbricht sie in zwei Teile, in Ehre und Würdigkeit. Geleimt, d. h. repariert, wird die Ehre durch Blut (im Duell) und die Würdigkeit durch Schweiss, d. h. Arbeit (Ehrt den König seine Würde, ehret uns der Hände Fleiss). — Der ganze im Alter sich abspielende Vorgang wird also mit dem Worte: „Ehrwürdigkeit" aufgelöst. Ich will jetzt noch das zweite Beispiel, nämlich ein Rätsel, das sich seinem ganzen Wortlaute und seiner Form nach von vornherein als ein solches darstellt, besprechen. Irn zweiten Teile des „Faust" sagt Mephisto zum Kaiser: „Was ist verwünscht und stets willkommen? Was ist ersehnt und stets verjagt? Was immerfort in Schutz genommen? Was hart gescholten und verklagt? Wen darfst du nicht herbeiberufen? Wen höret jeder gern genannt? Was naht sich deines Thrones Stufen? Was hat sich selbst hinweggebannt? Man hat das Rätsel auf den „Narren", auf den „Teufel", auf das „Laster" gedeutet. Weil aber alles nicht passen wollte, ist man sodann an der Lösung vorübergegangen. Die induktive Methode fand die Lösung, und zwar um so