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Die Welt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr4 2 flbi$ # W^lt" Seite 13 nungen hin. Sie brauchen auch nur die Broschüre des jetzt wieder zur Macht gelangten Joan Lahovari („Die Juden- &age in Rumänien") zur Hand zu nehmen und sie wissen, was sie von ihm zu erwarten haben. Nur dem zum ersten Malepolitisch auftretenden Manne Alexander Badaran wissen die antisemitischen Blätter nachzusagen, dass er „ein alter Judenfreud" sei, sonst jubeln sie dem neuen Kabinett zu. — Der Leiter des Seminars für rumänische Sprache in Leipzig, der einen jährlichen Gehalt von 10.000 Frcs. von der rumänischen Regierung bezieht, Herr Gustav Weigand, hat sich aus Dankbarkeit verpflichtet gefühlt, einen Kommentar zu dem J>ekanntena lanfcigemitischen Gesehichtswerk „La Roumaine et les Juifs" von Verax zu schreiben, der mit folgenden Worten endigt: „Wenn es den Juden in Rumänien niqht recht ist, warum gehen sie dann nicht in jenes Land zurück, woher sie gekommen sind? Oder gefällt es ihnen dort noch weniger?" Sehr geistreich! Und in der Tat, sie haben es ja auch ganz gut. Beweis: Die Kommune der Stadt Berlad hat 100 Frcs. zur Verteilung an jüdische Armee der Kultusgemeinde zukommen lassen. Dieses eine Schwälbchen macht den rumänischen Juden wahrlich noch keinen Sommer. L. S. Makeb eth. Von den Auswanderern. In der Schweiz, namentlich in Bern, treffen täglich zahlreiche jüdische Arbeiter aus Russland ein, die infolge der zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnisse sich gezwungen sahen, das Land zu verlassen. Diese Auswanderer sind meist gelernte Arbeiter, wie Schuhmacher, Maurer, Schneider, dazu junge, kräftige und unverheiratete Leute, die still und ruhig ihrer Arbeit nachgehen und abends in der Lesehalle der Zionistischen Vereinigung zusammenkommen, wo sie Unterricht in der deutschen Sprache, in jüdischer Geschichte und Hebräisch erhalten. Solche Vereinigungen jüdischer Auswanderer gibt es bereits in Bern und Genf, neue Vereine werden sich noch bi.den. In der Schweiz gehört schon ein Siebentel der Gesamtbevölkerung auswärtigen Staaten an, in einzelnen Kantonen sogar ein volles Drittel. Die Auswanderung in London. Die Mobilmachung im russischen Ansiedlungsrayon hat im Vereine mit den dort stattgehabten über 70 Judenkrawallen eine so gewaltige Zahl mittelloser jüdischer Flüchtlinge nach London gebracht, dass das dort bestehende jüdische Asyl sich bald als bei weitem unzulänglich erwies. Da bei den russischen Juden die Synagogen nicht bloss zum Beten, sondern auch zum „Lernen" sowie zum sonstigen Aufenthalt von Juden da sind, so drängten sich die obdachlosen Emigranten bald zu Hunderten in den Synagogen und namentlich in den von Cannon Street Road und von der Booth Street zusammen. In der Synagoge von Cannon Street Road werden 700 Emigranten von dem Vereine Ahwath-Gerimges zweimal täglich gespeist. Es gibt Brot und Tee und ausserdem zum Frühstück Hering und zum Abendbrod Käsp. Die Zahl der in der Synagoge der Booth Stroet verpflegten Flüchtlinge beträgt gleichfalls 700. Hier gibt e^ zweimal täglich Brot, Tee und Kartoffel. Rührend ist die Hilfsbereitschaft der jüdischen Bevölkerung von Whitechapel, die, obwohl selber fast bettelarm, dennoch das letzte weggibt, um den noch ärmeren Brüdern zu helfen. Brot, Heringe und Kartoffeln werden von allen Seitpn in grossen Mengen nach den Synagogen geschleppt. Einige gaben auch bares Geld. Auch das jüdische Fremdenasyl verpflegt gegenwärtig 300 Flüchtlinge, wozu die Verwaltung, deren Fonds erschöpft sind, vor. dem Komitee für russische Juden 500 Pfund bewilligt hat. Auch in Liverpool ist die Zahl der hilflosen Emigranten aus Russland ganz enorm, so dass zu ihrer Verpflegung wöchentlich gegen 2000 Mk. erforderlich sind. Lord Rothschild hat zu diesem Zwpcke bereits 100 und das Russenkomitee 250 Pfund gespendet. Das Bureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten in Berlin, Potdamerstrasse 39, ist täglich (mit Ausnahm« der Samstage und jüdischen Feiertage) von 9-5 geöffnet. Auswanderer, die das Bureau aufsuchen, können nur morgens von 9—12 abgefertigt werden. Jahresbericht des Baron Hirsch-Institutes. Der 41. Jahresbericht des mit dem jüdischen Wohlfahrtsvereine von Montreal in Kanada vereinigten Baron Hirsch-Institutes hebt hervor, dass die jüdische Einwohnerzahl von Montreal sich um fast das Zehnfache vermehrt hat, seitdem vor 15 Jahren Baron Hirsch zum erstenmal Mittel für die nach Kanada kommenden jüdischen Einwanderer zur Verfügung stellte. Damals lebten in Montreal 2000 Juden, jetzt nahezu 20.000. Die Hilfstätigkeit des mit dem Hirsch-Institute verbundenen Vereines ist im Berichtsjahre nach einem besseren System durchgeführt worden. Die von der Verwaltung verhandelten 5458 Fälle betrafen 1491;Ans£ssige und 3967 Eingewanderte. Mit der) alleihijgen Ausnahme der von der „J. C. A.u gestellten Einwanderungt-kontrollbeamten wird alle Arbeit freiwillig und unbesoldet von den Vorstandsmitgliedern geleistet. Im ersten Halbjahre des Berichtsjahres haben 2227, im zweiten Halbjahre 1690 neu Eingewanderte den Rat und den Beistand des Vereines nachgesucht. Es ist keine geringe Aufgabe, diese neuen Ankömmlinge teils mit geeigneter Arbeit zu versorgen, sie entweder in Montreal selbst oder an anderen Plätzen Kanadas unterzubringen oder sie zu ihren bereits in den Vereinigten Staaten ansässigen Verwandten oder Freunden zu schicken. Da nicht alle, wenn auch die meisten Einwanderer, in die Bureaus Ües Vereines kommen, ist keine genaue Ziffer der in Montreal eingewanderten Juden festzustellen; Von den vom Vereine im Berichtsjahre Beratenen respektive Unterstützten sind 2606 in Montreal geblieben, während 818 nach anderen Teilen Kanadas gegangen, 533 nach verschiedenen Plätzen übersiedelt und zehn nach Europa zurückgekehrt sind. Der Unterricht im Hirsch-Institut umfasst Tages- und Abendkurse. Im abgelaufenen Schuljahre haben 446 Knaben und 437 Mädchen den Tagesunterricht besucht. Der Zweck der Schule, die fremdsprachigen Kinder in verhältnismässig kurzer Zeit zum Besuche der öffentlichen Sshulen vorzubilden, ist vollständig erreicht worden. Zu den Abendklassen sind im letzten Winter 352 Hörer, 246 männliche und 106 weibliche, zugelassen worden. Die Lehrkräfte wurden von der Provinzialregierung, die Bücher zum Teile von den städtischen Behörden bezahlt, aber alle mit der Erhaltung des Schulgebäudes verbundenen Ausgaben, Beleuchtung, Heizung etc. müssen vom Vereine getragen werden. Personalnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse, Herr Ferdinand Perlberg, Vertreter der Firma Heilmann, Kohn & Söhne, Lemberg, verlobte sich mit Fräulein Melanie Kohn, Nichte des Herrn Salo Kohn Chefs obiger Firma. Jüdische Wohltätigkeit. Die Familie des verstorbenen Kriegsministers Ottolenghi überwies für speziell jüdische Wohltätigkeitszwecke in Turin 1500 Lire. Feuilleton. Die Juden im Goetheschen „Faust". Nach Louvierscher Erklärung. Von Gustav Tuch.*) „Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären, Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab!" So spricht der Chor, und Phorkyas j erwidert: „Allerdings, ihr Unerfahrenen! Das sind unerforschte Tiefen: Saa>l an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus/' Diese Verse aus dem zweiten Teile des Goetheschen „Faust44 könnten auch wohl an die Spitze des gesamten Werkes als Motto gesetzt sein. Denn die gewaltige Arbeit des deutschen dichterischen Helden, die in der Jugend begonnen, wähnend seines langen Lebens ihn in Anspruch nimmt und erst im späten Alter zum Abschluss gelangt, will, um verstanden zu werden, durchforscht sein. Es gab und gibt nicht wenige begeisterte Anhänger der — von Goethe selbst so benannten — „Tragödie'*, die erklärten, sie bedürften zu ihrem Verständnis keiner weiteren Erläuterung; alles darin sei ihnen vollkommen durchsichtig. Mögen sie immerhin mit diesem Bewusstsein sich zufriedengestellt fühlen! Für sie handelt es sich ausschliesslich um dichterische Form, um Regungen des Gefühls, um Momente des Seelen- *) Dieser »in Hamburg gehaltene Vortrag wurde uns, da er gerade unsere Lesekreise interessieren dürfte, vom Verfasser für den Druck überlassen.

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