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Die Welt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2 nbic * weit11 Seite 15 sicherer, als sie die Bedeutung der Figur des Kaisers im „Faust" festgestellt 'hatte. Dieser Kaiser stellt nämlich den Schein vor, während im Gegeilkaiser das Wesen, das Sein dargestellt ist. — Wenn wir uns im Gebiete des Scheins befinden, so wissen wir auch, welche grosse Rolle darin dem Wechsel, der Abwechslung zukommt. Spottend kann man den Wechsel auch zum Schein rechnen. Vor allen Dingen aber ist der Wechsel oft verwünscht, wenn er zur Zahlung präsentiert wird; willkommen dem, dem er in Zahlung gegeben wird; willkommen ist auch die Abwechslung; -ersehnt wird der Wechsel, aber audi verjagt, nämlich in Umlauf gesetzt; in Schutz genommen, geschützt wird der Wechsel von dem, der ihn bezahlt; hart gescholten werden falsche, nicht selten aber auch echte Wechsel; verklagt, eingeklagt wird der Wechsel, wenn er unbezahlt bleibt. Der Schein braucht die Abwechslung nicht erst herbeizurufen, weil er ohnehin beständig wechselt. Jeder hört gern Abwechslung. Des Thrones Stufen naht sich Abwechslung; Mephistopheles, tritt nämlich als neuer Narr auf, der alte hat sich 'hinweggebannt; aber auch: der Wechsel hält sich nicht lange an einem Orte auf, er kommt von.Ort zu Ort; er bannt sich selbst hinweg. Solcher Rätsel und Wortspiele, von denen ich je ein Beispiel erläuterte, kommen nun Tausende im „'Faust1' vor. Besitzt man aber die Lösung der unzähligen Rätsel und der Faustsprache, so eröffnet sich ein philosophischer Sinn der einzelnen Szenen. Ja, wer diesen Dingen ganz auf den Grund geht, dem ergibt sich eine überaus auffällige Erscheinung. Die Szenen in ihrem philosophischen Inhalt entsprechen nämlich in ganz genauer Reihenfolge von Anfang bis zu Ende den Kapiteln eines sehr berühmten, während des ganzen vorigen Jahrhunderts hochgehaltenen philosophischen Werkes. Jede Szene enthält ausserdem in vollständiger Deutlichkeit einen geschichtlichen Hinweis, der das bestätigt, was philosophisch niedergelegt ist. (Fortsetzung folgt.) Eine judische Stadt in Amerika.*) (Reisebrief aus Woodbine.) Meinen ersten Brief schreibe ich aus Woodbine (Staat New Jersey in Nordamerika). Der Name ist nicht gerade jüdisch, aber die Ortschaft ist dafür rein jüdisch. In der Tat ein Städtchen einzig in seiner Art. Es zählt heute 2500 Einwohner, hat eine Eisenbahn und eine sehr bequeme Verbindung mit Philadelphia, Post- und Telegraphenamt, Wasserleitung, eine Schule (mit 17 Sälen) für 400 Kinder, ausserdem eine landwirtschaftliche Schule, eine öffentliche Bibliothek und endlich vier Fabriken, die zirka 500 Personen beschäftigen. Das Städtchen, ausschli esslich von Juden bewohnt, wurde vor 13 Jahren von russischen Emigranten mit Hilfe der Baron Hirsch- Stiftung erbaut; es sind kaum einige Galizier darunter. Ringsum befinden sich Farmen, die auch von Juden bewirtschaftet werden, und in einer Entfernung von einer Stunde bestehen vier grosse landwirtschaftliche Judenkolonien, die gewöhnlich als Baron Hirschkolonien bezeichnet werden, und zwar Alliance, Carmel, Rosenhain und Norma. Zunächst will ich Woodbine beschreiben, in dem ich speziell einige Tage zugebracht habe. Ich gehöre nicht zu Leuten, die chauvinistischen Gefühlsanwandlungen erliegen. Als ich jedoch auf der Bahn- *■) Aus dem „Wschöd" (Lemberg) VI. Jahrg. Nr. 1. Station ausstieg, da übermannte mich ein Gefühl einer sonderbaren Freiheit: jüdischer Boden, der von Juden bewirtschaftet und regiert wird! Lauter jüdische Gesichter, keine Sprachschwierigkeiten, jeder spricht Jüdisch" (sogenannten Jargon) . . . Im Jahre 1891 noch war da wilder Wald mit Ausnahme eines schmalen Streifens, den die Eisenbahn passierte. Heute — breite Strassen mit bequemen Trottoiren zu beiden Seiten, die nach amerikanischem System parallel laufen, von ebensolchen Seitengassen durchschnitten. Jenseits der Bahnstrecke vier Fabriken, alle durch einen elektrischen Motor in Betrieb »rhalten — auch diesseits in einer Entfernung von 15 - 30 m voneinander einstöckige Holzvillen, manche mit Parterregewölben, alle mit geräumigem Garten an der Hofseite und mit einem Rasen an der Gassenfront. Jedes Haus hat vier Wohnräume, nur ausnahmsweise weniger, oft mehr, die einer Familie gehören: unten die Küche und Speisezimmer, oben die Schlafgemächer. Die Luft ist rein und gesund, man atmet hier frei und leicht auf nach der dunstigen New Yorker Atmosphäre. Jedes Haus besitzt ein Badezimmer und fast jedes Wasserleitung und elektrisches Licht. Nach einem einstündigen Rundgange war ich trotz der parallelen Strassen verirrt, da eine Strasse der anderen ähnlich ist und auch die hübschen Häuser einander ähneln. Ich suchte nach einem Wachmanne, um ins Hotel zu gelangen. Doch vergebens. Es existiert hier nur ein solcher Hüter der öffentlichen Ordnung, natürlich ein Jude, und auch ihn trifft man eher zu Hause als auf der Strasse. Er hat hier nichts zu tun, denn die Ordnung erhalten die Einwohner selbst, indem sie sich sorgsam den diesbezüglichen Verfügungen des freigewählten Stadtamtes fügen; Diebstähle kommen nicht vor, Trunkenbolde und „Pülcher" gibts hier nicht. Auch nicht Bettler, denn jeder arbeitet! Und so führt der einzige Wachmann ein ruhiges Leben. Abends war zufällig ein Ball mit einer Dilettantenvorstellung und so konnte ich sofort die Gesellschaft kennen lernen, die — nebenbei bemerkt — schlecht den amerikanischen Walzer tanzte. Solche Bälle werden von allen ohne Unterschied besucht: jeder Bürger ist Arbeiter, und jeder Arbeiter ist geradeso guter Bürger wie der Lehrer, Arzt und Beamter, wie überhaupt in Amerika. Zehn Minuten vom Bahnhofe befinden sich die ge. räumigen Lokalitäten der landwirtschaftlichen Schule (Baron Hirschstiftung) mit einer öffentlichen Bibliothek. Im Stadtzentrum — das neue grosse Vulksschulgebäude, zwei Synagogen, Talmud-Thora, Rathaus (City Hall), Volkshalle und Kindergarten. Für 2500 Einwohner ziemlich genug! Bei uns in Galizien haben die Orte mit soviel Einwohnern ein etwas anderes Gesicht. Zum Schlüsse noch einige Daten aus dem Berichte der Baron Hirschstiftung, die dieses Städtchen gegründet hat. Häuser gibt es 226, davon sind 85% bereits von den Eigentümern bewohnt. Ein Haus repräsentiert durchschnittlich einen Wert von 800 Dollars, jedoch nur die Hälfte ist lastenfrei. Die Häuser wurden von der Stiftung erbaut, und die Arbeiter, die sie bewohnen, zahlen monatlich 6—8 Dollars, so dass sie sie in zehn Jahren gänzlich abzahlen. Heute existiert schon hier ein Bürgerverein, der den Mitgliedern billige Baukredite erteilt. Mit Ausnahme einiger Gemischtwarenhändler, Handwerker und Lehrer gehören die Einwohner zur Arbeiterklasse; die vier Fabriken beschättigen zirka 500 Arbeiter; der Lohn betrug 1904 175.000 Dollars. 50% dei Einwohner widmen sich dem Schneider- und Hutmachergewerbe, 12% den übrigen Handwerken, Handlungen gibt es 18, den

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