Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „bk * w$it Seite 11 für sein Selbstbewußtsein schöpft. Und wie gewaltig, wie selbstlos und opferwillig die ergreifende Hingabe der Zionisten an ihr Volkstum, an ihr nationales Ideal ist, kann jeder leicht wahrnehmen, der Augen hat, um zu sehen, und Ohren um zu hören. I^t Friedländer so weltfremd, hat er sich so in sich selbst eingesponnen, dass der Ruf Herz Ts, der sein Gut und Blut und seine mächtige Individualität für die Aermsten unter den Armen eingesetzt hat, nie zu seinen Ohren gedrungen ist? Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass Mo3es vor dem kritischen, zersetzenden Geiste des Verfassers nicht bestehen kann. Er fällt über ihn das Verdikt: „Ein System von in alter und neuer Zeit vielleicht unübertroffenen Nützlichkeitsvorschriften entwerfen, den Grundstein zu einer Hierarchie legen, die für spätere ähnliche Gebilde vorbildlich geworden ist, eine Dogmatik ausbauen, die bis heute mit einer beinahe unerklärlichen Zähigkeit festgehalten wurde, heisst nicht, Begründer eines neuen Glaubens sein .. . Der Inhalt des Mosaismus hat nichts, nicht das Entfernteste, mit Religion zu schaffen, obwohl die Hierarchie sämtlicher Konfessionen auf ihm als seiner festesten Grundlage weitergebaut hat. . . Seine Berufung galt einer politischen Mission und der Politik dient der vor allem, der sich am gründlichsten zu v er aus serlichen vermag." Es gehört eine ganz ausserordentliche Selbstbeherrschung dazu, über sich diese Herabzerrung Mosis ergehen zu lassen, der der Welt den Dekalog gegeben, den Heine, wie wir gesehen, in so herrlicher Weise gezeichnet und der ihn noch zu folgendem Hymnus begeistert hat: „Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sich mitten in den Orient verloren. In der Tat, mit seinem spiritualistischen Glauben, seinen strengen, keuschen, sogar asketischen Sitten bildete dieses Land und sein Volk immer den sonderbarsten Gegensatz zu den Nachbarländern und Nachbarvölkern, die, den üppig buntesten und brünstigsten Naturkulten huldigend, im bacchantischen Sinnenjubel ihr Dasein verluderten. Israel sass fromm unter seinem Feigenbaum und sang das Lob des unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit, während in den Tempeln von Babel Ninive, Sidon und Tyrus jene blutigen und unzüchtigen Orgien gefeiert wurden, ob deren Beschreibung uns noch jetzt das Haar sich sträubt! Bedenkt man diese Umgebung, so kann man die frühe Grösse Israels nicht g^nug bewundern. Von der Freiheitsliebe Israels, während nicht bloss in seiner Umgebung, sondern bei allen Völkern des Altertums, sogar bei den philosophischen Griechen, die Sklaverai justifiziert war und in Blüte stand, will ich gar nicht reden. Es gibt wahrhaftig keinen Sozialisten, der terroristischer wäre als unser Herr und Heiland, und bereits Moses war ein solcher Sozialist obgleich er als ein praktischer Mann bestehende Gebräuche, namentlich in bezug auf das Eigentum, nur umzuwandeln suchte. Ja, statt mit dem Unmöglichen zu ringen, statt die Abschaffung des Eigentums tollköpfig zu dekretieren, erstrebte Moses nur die Moralisation desselben, er suchte das Eigentum in Einklang zu bringen mit der Sittlichkeit, mit dem wahren Vernunftrechte, und solches bewirkte er durch die Einführung des Jubeljahres, in dem jedes alienierte Erbgut, welches bei einem ackerbauenden Volke immer Grundbesitz war, an den ursprünglichen Eigentümer zurückfiel, gleichviel, in welcher Weise dasselbe veräussert worden. Diese Institution bildete den entschiedensten Gegensatz zu der .Verjährung* bei den Römern . . . Moses wollte nicht das Eigentum abschaffen, er wollte vielmehr, dass jeder dessen bepässe, damit niemand durch Armut ein Knecht mit knechtischer Gesinnung sei. Freiheit war immer des grossen Emanzipalors letzter Gedanke und dies atmet und flammt in allen seinen Gesetzen, die den Pauperismus betreffen. Die Sklaverei hasst er über alle Massen, schier ingrimmig; aber auf diese Unmenschlichkeit konnte er nicht ganz verzichten, sie wurzelte noch zu sehr im Leben jener Urzeit und er musste sich darauf beschränken, des Schicksal der Sklaven gesetzlich zu mildern, den Loskauf zu erleichtern und die Dienstzeit zu beschränken. Wollte aber ein Sklave, den das Gesetz endlich befreite, durchaus nicht das Haus des Herrn verlassen, so befahl Moses, dass der unverbesserliche, servile Lump mit dem Ohr an den Türpfosten des herrschaftlichen Hauses angenagelt würde, und nach dieser schimpflichen Ausstellung war er verdammt, auf Lebenszeit zu dienen.' Zum Schlüsse drängt es mich, an Herrn Friedländer zwei Fragen zu richten. Er spricht von dem .Wust an talmudischer Gelehrsamkeit, der an die Erhaltung einer in sich abgedorrten Dogmatik verschwendet wurde". Ist er zu dieser Ansicht durch die Bekanntschaft mit dem Talmud gelangt, ist sie Eigenbau oder ist sie ihm souffliert worden? Und warum hat er, der so begnadet ist, so hoch über uns steht, dass er für die Wahrheiten der christlichen Lehre reif ist, die Taufe noch nicht empfangen? ß. Jakobs, Jokai und das Judentum (Mai es a zsidosäg). Von Dr. Bela Vajda. In Kommission der Buchhandlung Kärmän in Losoncz. Als Moriz Jokai im vorigen Jahre starb, da erweckte sein Tod eine tiefe Trauer bei der ungarischen Nation, die in ihm einen ihrer besten Söhne verlor. Ihm, dessen Werke Gemeingut aller Nationen geworden sind, dem grossen Jokai, konnte niemand des Nachruhms Lorbeern versagen. Auch wir Juden nicht. Wir blieben nicht zurück, dem toten Dichter die letzten Ehren zu erweisen. War er doch ein liebevoller, treuer Freund unseres Volkes, dessen Vorzüge er ebenso vorurteilslos pries, als er dessen Fehler geisseite. Sein grenzenloses Gerechtigkeitsgefühl und seine Menschenliebe stellten ihn stets auf die Seite unseres schwerverkannten und verfolgten Volkes, für das er in Wori und Schrift eintrat. Und doch konnte sich auch dieser grosse Mann in seiner ersten Jugend den Einflüssen seiner Umgebung nicht entziehen. „Wozu es auch leugnen, in meiner ersten Kindheit war ich wirklich ein Antisemit, wie viele unentwickelte Menschen,14 bekennt Jokai selbst. An einer anderen Stelle wieder heisst es: „Vor drei Dingen hatte ich Angst als Kind: Vor Hunden, vor dem lebendig Begrabenwerden und vor den langbärtigen Juden. Mit den letzten habe ich mich am schnellsten ausgesöhnt." Denn in seiner späteren Jugendzeit hatte er stets die Gesellschaft von Juden gesucht und ihre Bekanntschaft angestrebt. Auch in den gereiften Jahren, in der Zeit seines Ruhmes, waren gerade seine besten Freunde Juden. Dies und ganz besonders ein Schritt wurde ihm von vielen seiner Verehrer sehr verargt. Er nahm eine Jüdin zur Frau und sah es sogar gerne,";dass sie ihrem angestammten Glauben treu blieb. Die vorliegende Schrift befasst sich zunächst mit dem Lebenslauf Jokais, wie ersieh mit zunehmendem Alter vom Antisemitismus zu einer geklärten Auffassung und zum PhiloRemitismus emporrang. Der Verfasser entnimmt aus den Werken des Dichters jene Stellen, in welchen Jokai gegen den Judenhacs und gegen die vorurteilsvolle Menge auftritt und für die Juden Partei ergreift, überhaupt Stellen, die sein Verhältnis zum Judentum charakterisieren. Auch führt er uns jene Gestalten aus Jokais Romanen vor Augen, die die Vorzüge, respektive Fehler des jüdischen Volkes uns zeigen sollen. Die Art und Weise, wiei der Dichter dieStoffe aus der biblischen Geschichte und denTalmud in seinen Werken benützt hat, findet eine eingphende Besprechung. Doch riecht die alphabetische Aufzählung der ihm dabei vorgekommenen Irrtümer und Anachronismen doch zu sehr nach trockener Statistik. Jedenfalls zeigen die Ausführungen des Autors von gründlicher Kenntnis der Jokaischen Werke. Interessant sind jene Stellen der Schrift, in welchen über die Ansicht Jokais über das Judentum und seine Stellung zum Magyarentum gesprochen wird. Sie sind deshalb gerade für uns Zionisten von Interesse, weil sie von den bei den Juden Ungarns landläufigen Anschauungen, die wir soundsooft bereits zu hören Gelegenheit hatten, vollständig divergieren. Denn wie Dr. Vajda mit Befremden schreibt, halte Jokai trotz seiner grenzenlosen Toleranz die Juden für eine Rasse, für ein eigenes Volk, das nebst den allgemein menschlichen auch individuelle Eigenschaften, Fehler und Vorzüge besitzt. Gerade diese tRasse" sei dem Dichter so sympathisch, i h r fühle er ihre Leiden nach, bewundere ihre Zähigkeit und Ausdauer. Er wolle das Volk als solches für die Sache der Magyaren gewinnen, das Volk mit allen seinen Stammeseigenschaften, nicht den einzelnen Juden; deshalb fanden auch die Konvertiten keine Gnade vor seinen Augen. Das Judentum habe den Charakter eines Stammes nicht verloren dadurch, dass es kein eigenes Land besitze sondern zu den eifrigsten Verfechtern der Staatsidee und Freiheit ihres Landes werde. Nun besser als Jokai könnte dem Herrn Szabolcsi und vielen anderen, die sich da stolz als vMagyaren mosaischer Konfession* gebärden und die Existenz eines jüdischen Volkes ruhigen Blutes hinwegleugnen wollen, niemand antworten. Und wir wundern uns m i t Herrn Dr. Vajda, wir aber darüber, dass in einem Lande, dessen grösster Schriftsteller so denkt, der Zionismus so schwer Boden findet. L. Lichtenstein.