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Die Welt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „bie # weit" Nr. 2 Die Probleme der Romantik als Grundfragen der Gegenwart. Eine Besprechung. Wien beschert uns seit einiger Zeit philosophische Köpfe von einer Verwegenheit des Urteils, die ur»s verblüffe und die geradezu haarsträubend ist. Weininger hat den Reigen -"eröffuet, sein Freund O^kar Ewald recte Friedländer iflt nun auf den Plan getreten. Wie jener, so gefällt sich auch dieser in seinem eben erschienenen Buche: „Die Probleme der Romantik als Grundfragen der Gegenwart" (Berlin, 1905) darin, an dem Judentum eine herostratische Tat zu verüben. Es ist gewiss ganz richtig, dass der Staat abstrakt ist und dass zur Staatenbildung nur abstrakt veranlagte Völker berufen sind. Der Staat kann mit nichts identifiziert werden als mit sich selber; in ihm ist die Abstraktion vom Individuum vollzogen. Alle ohne Unterschied sind seine Diener; sie müssen nicht bloss unpersönlich fühlen, sondern auch unpersönlich denken. Was sie für sich in Anspruch nehmen, muss in innerlicher Beziehung zum Staatsbegnffe stehen, von der Rücksicht auf die Gesamtheit diktiert sein. Wir geben Friedländer auch ohne Widerrede zu, dass der Staat mehr als abstrakt, dass er seinem innersten Wesen nach metaphysisch ist, dass die Metaphysik die wahre und wirkliche Grundlage des Staates ist, wie die Abstraktion Bedingung desselben. Wir müssen jedoch aufs entschiedenste dagegen protestieren, dass das Judentum e contrario einen klassischen Beweis dafür bietet. Im Tone der Unfehlbarkeit verkündet der junge Friedländer das Dogma : „Die Juden, eminent für abstrakte Spekulation veranlagt, aber seit jeher im tiefsten Grunde ihres Innern ametaphysisch, die Bekenner eines Glaubens, der von der gröbsten Diesseitigkeit beherrscht ist, die Juden, das ametaphysische Volk an sich, sind zu selbstständiger Staatenbildung unfähig. Wie ferner ihr amethaphysischer Charakter keineswegs einen blossen Mangel repräsentiert, sondern positive Voraussetzung ihrer Existenz bleibt, so ist ihr Unvermögen zu bleibender nationaler Einigung, so ist die Diaspora das eigentlich erhaltende Prinzip des Judentums. D e r Zionismus ist darum eine fromme Utopie, die dem Juden seiber lächerlich erscheinen muss, eine Fiktion der Phantasie, wie derAmazonenstaat." Also ametaphysi.sch ist das durch abstrakte Innerlichkeit ausgezeichnete Volk, dessen Lehre auf den Grundton gestimmt ist: Gottist wahr und Gott ist die Wahrheit, das zum erstenmal einen einig-einzigen Gott angebetet und in einer langen und wechselvollen Geschiente innerer Arbeit und heissen Ringens den Gottesbegriff von allen irdischen Schlacken geläutert und zu voller Reinheit und Erhabenheit erhoben hat, so dass es zum „Lichte der Nationen" werden konnte! Von gröbster Dieseeitigkeit beherrscht ist die Religion, die, um mit dem protestantischen Theologen Köstlin (Geschichte der Ethik, Bd. I, S, 114) zu sprechen, „zuerst und allein einen wahren Begriff des Sittengesetzes gegeben und diesen allem anderen vorangestellt hat" und, wie der Katholik Görres (Mythengeschichte, II, 507) erklärt, „die Gottheit gleich sehr der Vermessenheit der ergründenden Vernunft geschlossen hält, wie sie keusch . und enthaltsam mit dem sinnlichen Taumel der Einbildungskraft sie zu beflecken verbietet und im Ethischen allein ihr klares, ungetrübtes Strahlen zu einem erhabenen Gesichte, zu einem grossen dräuenden und segnenden Meteor auseinanderbrechen lässt"! Den Grund zur Bildung soll die Bibel legen, lehrte Goethe, der ihr, wie er selbst bekennt, fast allein seine sittliche Bildung schuldig war. Die Bibel erschien ihn immer schöier, je mehr er sie verstand, und Oskar Friedländer hat die bodenlose Vermessönheit, ihr d*n Stempel des Materialismus aufzudrücken!! Ein junger Mann, der vor kurzem noch die Schulbank gedrückt hat, wagt zu verdammen, was Heinrich Heine in den „Geständnissen" in markigen, wuchtir^n, michelangelesken Worten also glorifiziert hat: „Ich hatee Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Hass gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik nicht verzieh. Ich sah nicht, dass Moses trotz seiner Befein dung der Kunst dennoch selber ein grosser Künstler war und den wahren Künstlergeist besass. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm wie bei seinen ägyptischen Landsleuten nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie diese Aegypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meisselte Menschenobelisken, er nahm pinen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein grosses, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel! Mit grösserem Rechte als der römische Dichter darf jener Künstler, der Sohn Amrams und der Hebamme Jochebed, sich rühmen, ein Monument errichtet zu haben, das alle Bildungen aus Erz überdauern wird. — Wie über den Werkmeister, habe ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Erfurcht gesprochen, und zwar gewiss wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäisehef Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht blo£S ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpfen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, dass seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, dass er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpf t un d g e 1 itten ha b en." Und er löscht seine hellenische Vergangenheit aus, indem er schreibt: nGutsein ist besser denn Schönheit.tf Ein Friedländer reimt auf den Judenstaat Amazonenstaat, wo Heine Männer sieht, denen er den Adelsbrief auszustellen nicht umhin kann! Fürwahr, ohne Heine G e w al t an z u t un, k ö n n t e n sich die Zionisten auf ihn als Gewährsmann berufen, wenn von ihnen ein Befähigungsnachweis verlangt würde. Die einzige Lösung der Judenfrage erblickt Friedländer darin, dass der Jude seine Selbstaufhebung vollzieht, indem ihm der tiefere Sinn des Christentums aufgeht. Freilich sei dies eine Utopie und werde vielleicht nie etwas anderes sein: „Wer das Judentum in seinen besseren und schlechten Vertretern kennt, weiss wohl, dass es für die einfachen und erhabenen Wahrheiten der christlichen Lehre nicht im entfprntesten reif ist" Der Geist der Romantik weht uns aus folgenden Worten an : „Der Jude streift keine äusserliche Hülle ab, indem er Christ wird; etwas in ihm muss zerbrochen werden, ehe er die Taufe empfangen darf. Das ist der Ahasver, der Schatten Christi, dessen ewiger Wanderschaft kein Ziel gesetzt ist. Aber der Jude müsste, um zum Christentum hinaufzugelangen, zuerst wirklich mit dem vollsten Einsatz seiner Persönlichkeit Ahasver werden, er müsste die Tragik dieses Schicksals ernstnehmen und in sich realisieren. Sich selber empfindet er niemals als Ahasver: denn er nimmt sich nicht ernst genug, denn er hat sich überhaupt niemals ernst genommen. . . Ahasver ist der abstrakte Jude, der das Leiden seines ganzen Volkes in sich aufgenommen, in sich zur Wahrheit gemacht hat und eben deshalb nirgends verwirklicht: denn der konkrete Jude hängt an seinem Stamme bloss fest, um überall tiefe Wurzeln zu fassen, um desto sicherer in die Gegenwart einzuwachsen, nicht aus Achtung gegen die Vergangenheit, nicht aus überzeugter Hingabe an ein religiöses oder nationales Ideal. Erst wenn er sich selber als Juden einmal ernst nimmt, erst wenn er zum tieferen Bewusstsein eines Schicksals überhaupt gelangt, das dann erst zu seinem Schicksal, zum Schicksal seines Volkes sich besondert, wenn ihm, nunmehr dem wahren Ahasver, dpm ewigen Juden, der furchtbare Doppelsinn des Wortes „Ewigkeit" aufgeht, erst dann wird ihm der zähe Stolz des Stammes, so lange der Vernichtung sich widersetzt zu haben, zur tiefsten Scham werden und er wird die Erlösung ehrlich wollen, wie der Christ, der ihrer darum auch teilhaftig geworden". Der Verfasser ist ein an Selbstüberhebung leidender Romantiker, der die Juden nicht kennt, ihnen nie nahegetreten ist, obwohl er selbst Jude ist. Er hält sich für einen Jünger der freien, voraussetzungslosen Wissenschaft, er ist aber durch und durch von Vorurteilen befangen. Das Judentum ist ihm eine Terra incognita, die Geschichte der Juden ist ihm ein spanisches Dorf, das Innenleben der Juden, der alten wie der modernen, die jüdische Volksseele ist ihm verschlossen. Er hat keine blasse Idee davon, dass der Fortbestand des Judentum« trotz der sehr bedauerlichen Indifferenz einer grossen Zahl von Juden darauf beruht, dass es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet in der messianischen Idee der vereinigten Menschheit; er ahnt nicht, welche sieghafte Kraft derUeberzeugung innewohnt, dass eine Art von wahrhafter Allheit durch diese geschichtliche Idee vertreten wird. Aus dieser Allheit stammt die Ehre, die der Jude aus seiner Religion

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