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Die Welt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 lf6ie * Welt" Seite 3 Verständigung immer mehr und immer deutlicher gefunden. Ich glaube, dass jeder von uns dabei die Empfindung gehabt hat, dass dasjenige, was uns im innersten Herzen bewegt, der Gedanke der Wiederherstellung unseres Volkes und seiner Siedlung auf unserem jüdischen Boden von Erez Israel das stärkste Band ist, das uns zusammenhält und das uns über alle äusseren Schwierigkeiten hinwegzuhelfen vermag. Dass wir zu dieser Ueberzeugung gelangt sind, dazu hat nicht wenig beigetragen die opferwillige Selbstentäusserung der Mitglieder des engeren A.-G. Ich halte es für unsere Pflicht, nach den vielfachen Angriffen, die gegen das engere A.-C. gerichtet worden sind, zu erklären, dass wir von neuem volles Vertrauen gewonnen haben, Ich spreche ihnen den herzliehen Dank des grossen A.-G. aus. Der Vorsitzende Architekt Marmorek schloss die Konferenz des grossen A.-G» mit einigen Dankesworten an die erschienenen Mitglieder für ihre Opferwilligkeit und freundschaftliche Mitarbeit am nationalen Werke. Die Ostafrikafrage. Das englische Angebot hat andauernde und rege Debatten in der englisch-jüdischen Presse hervorgerufen. Artikel pro und kontra erschienen in allen jüdischen Zeitungen Englands und Amerikas; auch in solchen, die dem Zionismus gegenüber kalt oder gleichgültig sich verhielten. Aber wir wollen nur einige Stimmen hervorheben und beginnen mit einer zionistischen. In der letzten Nummer des „Maccabean" finden wir einen Aufsatz von Mr. Israel Zangwill über „Zionismus und das englische Angebot", Wie bekannt, ist Zangwill ein eifriger Vertreter des Ostafrikaprojektes und auch dieser sein Aufsatz gipfelt in dem Satze: „Lieber Zionismus ohne Zion als Zion ohne Zionismus." Er ermahnt die amerikanischen, die „praktischen" Juden, sich dem Zionismus anzuschliessen, um die Bildung einer palästinensischen Majorität am Kongresse zu ver hin d e rn. Der amerikanische „Jewish Comment" hat nach echt amerikanischer Manier eine Art Enquete unter den bedeutendsten Juden Amerikas veranstaltet Von allen eingelaufenen Antworten verdient die vom bekannten amerikanisch-jüdischen Diplomaten Mister Oskar Straus unsere besondere Aufmerksamkeit. Nachdem er erklärt hatte, dass er kein Zionistsei, dass er sich aber für das Wohlergehen der „leidenden Volksgenossen in Russland und Rumänien" interessiere, meinte er: „Als ich zum ersten Male vom Angebot eines grossen Territoriums in Ostafrika für jüdische Siedlungen seitens Grossbritanniens gehört habe, war ich höchst erfreut. Ich glaubte, dieses Angebot werde seitens der hervorragendsten Juden in England mit der gebührenden Anerkennung und Aufmerksamkeit entgegengenommen werden. Wenn die zionistische Bewegung dieses Angebot zeitigte oder veranlasste, dann müssen wir endlich zugeben, dass der Zionismus nicht mehr bloss ein Traum sei. Er hat auch eine praktische Seite und erstreckt sich weit über die Grenzen Palästinas oder sogar Asiens, er erstreckt sich bis nach Afrika. In der Tat, der erste Gedanke muss folgender sein : Ist das Land kolonisierungsfähig und kann es, soweit es die Bodenverhältnisse, das Klima und die Lage betrifft, Hoffnung auf Erfolg einflössen? Die Verantwortung für die Entscheidung ist gross, da die Führer, die durch ihren Rat oder Einfluss eine derartige Siedlung veranlassen würden, eine unentschuldbare Handlung begehen würden. Ich erfahre, dass eine Kommission abgeschickt wurde behufs Untersuchung des Territoriums. Ich weiss nichts über die Kompetenz der Kommission* Aber angenommen, dass sie wirklich kompetent ist, um die nötige Untersuchung vorzunehmen und einen verlässlichen Bericht zu machen, dann müssen wir diesen Bericht abwarten, bevor wir eine Entscheidung treffen . . . Sollten alle Fragen vom Bericht im günstigen Sinne beantwortet werden, dann entsteht die zweite Frage : Kann man in Russland und Rumänien Menschen finden, die willig wären, Kolonisten zu werden» und die physisch sich dafür eignen würden? Wenn auch diese Frage mit Ja beantwortet werden sollte, dann bin ich für eine derartige Kolonisation. Es liegt mir jetzt nicht viel daran, ob diese Kolonie unabhängig, autonom oder ein Kronland Grossbritanniens sei. Ich wäre jedenfalls zufrieden. Ich bin sogar geneigt, zu glauben, dass es besser wäre, wenn die Kolonie am Anfang keine unabhängige wäre. Die Zukunft möge sich selbst gestalten. Ich zweifle auch, ob die Kolonisten, die man bekommen könnte, vornehmlich in den ersten Jahren, fähig wären, die Verantwortung der Regierung zu übernehmen. Das wird sich erst später ergeben. Es ist nicht genug, dass es einige Juden gibt, die Gouverneure von Provinzen waren oder sein konnten, die zu regierende Bevölkerungsklasse ist in Betracht zu ziehen." Dann meint Mr. Straus, dass, wenn es mehrere solche Länder wie die Vereinigten Staaten geben würde, wohin die russischen Juden auswandern könnten, Ostatrika unnötig wäre, was aber nicht der Fall ist angesichts der ersten Bedingung. Dann spricht er sein Vertrauen zu Mr. Zangwill und dessen Fähigkeiten aus und ermahnt ihn, dennoch über seinem Eiter „für die fünfzig- oder hunderttausend Glaubensgenossen" an die Millionen von Juden, die auch „Patrioten" sind und volle Bürger ihres Landes sein wollen, nicht zu vergessen . . . Ende gut — alles gut! Teilweise im Anschluss daran bespricht der „Jewish Chronicle" vom 6. Jänner in seinem Leader die Ostafnkafrage. „Wohin?" fragt das englische Blatt. „Ich habe nämlich - mit Dr. Hildesheimer über die Lage gesprochen/ sagte Dr. A d 1 e r in der Versammlung der „ Anglo Jewish Association", und er bemerkte richtig, dass die einzige Frage, die den jüdischen Geist jetzt erfüllen muss, die Frage nach dem „Wohin?* ist. Die Wahrheit dieser Bemerkung ist klar. Es ist die dominierende Frage für die Juden der ganzen Welt. Sie berührt das Volk auf jeder Stufe, nicht nur die Unglücklichen, die haufenweise in fremde Länder vertrieben werden, sondern auch die glücklicheren „Israeliten", die in freiheitsliebenden Ländern wohnen und deren Frieden durch die Ankunft ihrer ärmeren Brüder gefährdet wird. Wo immer wir ansässig sind, können wir uns von dieser endlosen Frage nicht befreien. Schon jahrelang geht innerhalb des jüdischen Volkes eine Neueinteilung vor sich. Bedrückt und verhungernd in einem Lande, bricht es ein neues Land ein. In diesem Jahre der Gnade 1905 ist das Festland von Juden vollbesetzt, trotzdem sie in unaufhörlicher Suche nach Freiheit sich zerstreuen. Die jüdischen Flüchtlinge strömen unaufhörlich über die Grenzen, um hier verhöhnt, dort bedroht, da wieder zu tausenden aufgehalten zu werden, wie es jetzt der Fall ist, und ihre Brüder unterstützen sie indessen durch Wohltätigkeit. Die jüdischen Luftmenschen drängen sich auf den Schiffen, die den Ozean durchlaufen, und suchen ein neues Heim. Die Führer des Volkes treten zusammen, um die Auswanderungskrise zu besprechen. Und auf den Ruf; „Wohin?"schallt ihnentvon hundertenTribünen der demagogische Huf entgegen: „Nicht hierher!" Die ganze Weltgeschichte hat nichts aufzuweisen, was diesem verblüffenden Drama von vielen Millionen Menschen, die entweder zu den grausamsten Qualen verdammt sind oder unter den Völkern wandern müssen., die ihnen die Türe vor der Nase zuschlagen, ähnlich wäre. Man muss zweifeln, ob die westlichen Völker im allgemeinen begreifen, was um sie geschieht. Die jüdische Tragödie bleibt von der christlichen Welt unverstanden, da sie nicht in ihrer ganzen Schauer^- lichkeit auf einer Bühne gespielt wird, sondern in einzelnen

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