Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „We* w*it und Dichter von hervorragender Bedeutung. Im ersten hebräischen Tageblatt, das in Petersburg (1886—87) erschien, schrieb Dr. Katzenelsohn zahlreiche Feuilletons, deren literarischer Wert unstreitig ein unvergänglicher ist. In sprachlicher und stilistischer Beziehung sind es eben Meisterwerke, denen der Charakter einer gewissen Klassizität nicht abgesprochen werden darf. Besonders in seinen wissenschaftliehen Arbeiten zeigt er sich als. Meister der Sprache, von dem man viel gelernt hat und noch immer viel lernen kann. Er besitzt aber auch ein dichterisches Talent, dem wir einige wunderschöne Erzählungen verdanken. Seine kleine Erzählung „Schiräs Hasomir" (das Lied der Xachtigall) ist eine wahre Perle der neiüiebräischen Belletristik, sie übt einen aussergewöhnlichen Reiz aus sowohl durch die Schönheit der dichterischen Sprache als durch tiefe psychologische Begründung der Handlung, ganz besonders aber durch den echt jüdischnationalen Geist, der jede Zeile durchweht. Dr. Katzenelsohn ist aber nicht allein ein Schriftsteller, der dem nationalen Gedanken bloss mit der Feder dient; wir finden ihn überall dort, wo es gilt, nationale A r b e i t zu leisten; wo die Taten den ganzen Mann, die ganze Persönlichkeit erfordern, wird Dr. Katzenelsohn seltene Energie nnd Wärme nachgerühmt. Fast keine jüdische Institution in der russischen Hauptstadt vermisst seine Mitarbeiterschaft; wir finden ihn im Zentralkomitee der ^Ica", in der Leitung des „Bildungsvereines", als Inspektor der jüdischen Bildungsschulen und in vielen anderen Institutionen, wo er eine rege Tätigkeit entfaltet. Mit seinen russischen Schriften hat Dr. Katzenelsohn der Apologie des Judentums grosse Dienste geleistet nnd dem jüdischen Volke der Vergangenheit nnd der Gegenwart Ehre gemacht. Es ist also kein Wunder, dass das 25jährige Jubiläum seiner erfolgreichen Tätigkeit aus nah und fern mit ungeteilter Sympathie begrüsst wurde und dass besonders unsere hebräische Presse diesen Tag als ein Freudenfest der nationalen Literatur begrüsst hat. Dr. Katzenelsohn steht im rüstigen Alter von 57 Jahren, voll jugendlicher Frische und Arbeitslust, voll freudigen Schaffensdranges, und wir haben noch viel, sehr viel von seinem Können und Wollen zu gewärtigen. Für das, was er uns in den vergangenen 25 Jahren geleistet, glauben wir ihm am besten zu danken, indem wir uns den aufrichtigen Glückwünschen anschliessen, die ihm an diesem Tage so zahlreich zuströmten/ M. B. N. J. Bakst. In Petersburg ist vor wenigen Tagen der hervorragende Professor der Physiologie an der Petersburger Universität, N. J. Bakst, einer der edelsten Söhne des jüdischen Volkes, nach längerem Leiden gestorben. Die Juden in Russland und auch die Sache der Schaffung einer gesicherten Heimstätte für unsere Volksgenossen haben durch den Tod ßaksts einen schweren, empfindlichen Verlust erlitten. Von seiner grossen Gelehrsamkeit, von seiner aligemein anerkannten Bedeutung als Physiologe und von seinen hervorragenden Qualitäten als Schriftsteller und Publizist abgesehen, war Bakst für unsere Volksgenossen in Russland ein unermüdlicher Arbeiter, ein treuer Berater und ein hingebungsvoller Helfer in der Not. Ursprünglich ein Assimilant, welcher in den unbedeutenden Konzessionen Alexanders IL an die Juden die Morgenröte einer neuen Zukunft für die Juden in Russlend erblickte, warf Prof. Bakst nach den blutigen Krawallen gegen die Juden in Russland in den achtziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts sein Assimilantentum weit von sich weg, um sich der Sache der Wiedergeburt des jüdischen Volkes voll und ganz zu widmen. Die blutigen Tragödien von Balta, Kiew, Elisabethgrad, Nischnj-Nowgorod und anderen Städten riefen in der Seele des treuen Juden Prof. Bakst eine Umwälzung hervor, welche ihn zu dem aufopferungsvollsten Verfechter unserer Volksgenossen in Russland machte. Und wir wissen, mit welch tiefen Sympathien Prof. Bakst Entstehung und Entwicklung des Zionismus begleitete, mit welch brennendem Interesse er alle Aktionen des Zionismus verfolgte und welch erschütternde Wirkung der unerwartete Tod Doktor Herzls auf ihn übte. Als Sohn des in Russland seinerzeit berühmten Talmudgelehrten und Professors an der Rabbinerschule zu Schitomir, absolvierte Prof. Bakst das Rabbinerseminar mit Auszeichnung und bezog bald darauf die physisch-mathematische Fakultät der Petersburger Universität, welche er 1862 mit Auszeichnung absolvierte. Aber schon als Student lenkte er die Aufmerksamkeit der literarischen Kreise von Petersburg auf sich und der seinerzeit berühmte russische Schriftsteller Tschernyschewsky zählte zu seinen Freunden. 1863 ging Bakst im Auftrage des Unterrichtsministeriums ins Ausland, um sich für eine Professur vorzubereiten. Unter Helmholtz und Ludwig arbeitete Bakst längere Zeit und das Ergebnis seiner Tätigkeit war eine von ihm in den Annalen der Berliner Akademie der Wissenschaften publizierte Arbeit zur Physiologie des Nervensystems, welche viel von sich reden machte und dem Autor die intime Freundschaft Helmholtz' und Ludwigs eintrug. Mit dem Jahre 1871 eröffnete der Verstorbene seine Wirksamkeit in Russland, und zwar als Professor der Physiologie an der Universität und an den medizinischen Kursen für Frauen in Petersburg. Die Ergebnisse seiner Lehrtätigkeit, welche bis Ende 1888 währte, waren seine zahlreichen Werke auf dem Gebiete der Physiologie, darunter sein berühmtes Buch: „Die Sinnesorgane0. Nebst seiner Lehrtätigkeit arbeitete Bakst als Publizist im „Golos" und nahm hervorragenden Anteil an allen Arbeiten des Unterrichtsministeriums zur Regelung des Universitätslebens in Russland. Aber die Judenkrawalle in den ersten Jahren der Regierung Alexanders III. haben in Prof. Bakst, wie wir bereits erwähnt, eine tiefe Wandlung vollzogen. Er gab sich seinen unglücklichen Brüdern hin, er fing an für sie zu lebenund zu arbeiten. Und es ist in den letzten 25 Jahren im Leben der Juden in Russland nichts ohne Mitwirkung Baksts geschehen, keine Neuerung unternommen worden. Als Mitglied der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Russland hat Bakst die ganze Last des Komitees des Fonds für die Verbreitung von Ackerbau und Handwerk unter den Juden auf seinen Schultern getragen, in den russischen Blättern unzählige Artikel über die Lage der Juden im Reiche publiziert, der Judenkommission unter Pahlen wertvolle Denkschriften unterbreitet, zahlreiche Bücher über die Juden aus fremden Sprachen übersetzt und noch vieles andere getan, was das jüdische Selbstbewusstsein kräftigen sollte, Und er arbeitete unaufhörlich für die Verbreitung von Bildung und Hand* werkerkenntnissen unter den Juden, weil er darin die Saat einer besseren Zukunft unserer Stammesgenossen erblickte. Ein idealer Mensch, ein den edelsten jüdischen Idealen ergebener Sohn des jüdischen Volkes glaubte Bakst bis zu seinem letzten Atemzuge an die Wiedergeburt des jüdischen Volkes und sein Herz schlug höher bei jedem Schritt, welchen die Verfechter der Wiedergeburt auf ihrem dornenvollen Wege machten. Friede seiner Asche und Ehre seinem Andenken I Gt.