Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 lfJM« «f Welt" Nr. 1 Zweckes, ohne Methode. Wir tappen im Dunklen. Einmal konnte die Agitation unsere Studienzeit ganz erfüllen. Noch lebt in aller Erinnerung der zionistische Akademiker von ehemals, der mit Liedern und feurigen Worten» die Juden aufforderte, „sich um das blauweisse Banner zu scharen". Heute sind wir viel weiter. Wir haben uns Macht und Ansehen erzwungen, heute müssen die Formen unserer Bewegung notwendig andere sein. Für uns arbeitet die Geschichte, die Gegenwart,, „das Problem". Die müssen wir kennen. Und dann, haben wir nicht unsere bürgerlichen Agitatoren? Nein? Ei denn, wo sind die A. fi.? Hic Rhodus! Das ist schon die Bankerotterklärung unserer alten Arbeitsart. Weil wir das zionistische Wort immer wieder in gleich begeistertem Tonfall im Munde führten, wurde es uns schal und öde, und das nüchterne Leben warf die zionistische „Jugendschwärmerei4,4 über den Haufen. Ja, wenn die Studenten die Zeit benützten, in den paar Jahren sich selbst zu Volljuderb zu erziehen, den Kampf gegen die Assimilation in der eigenen Person zu Ende zu führen, das Volk zu erkennen, wie es leibt und lebt, ich glaube, das lässt einen nicht mehr los, und sässe man tagelang hinter dem grünen Tische des „Philisters". So aber eigneten wir uns früher nur an, was wir in Versammlungen brauchten, studierten die Judenfrage aus Flugschriften; die Folge war natürlich die Gefahr einer Verflachung unsener Anschauungen über alles Jüdische. Nichtdestoweniger glaube ich, dass eine negative Kritik unserer Arbeit dem zionistischen Studenten noch immer nicht jene» saloppe und unwürdige Auffassung des Zionismus nehmen wird, die den Weg zu ihm so leicht erscheinen lässt, wie — lehavdil — zum Liberalismus. Worte können nur lehren, das Beispiel muss uns erziehen. Nun denn, unser Studententag soll ein lebendiges Beispiel sein, wie wir arbeiten .sollen. Wir sind ja so gerne gewohnt, den Zionismus so mechanisch von Alpha bis Omega zu explizieren, als wäre er ein Reehenexempel ohne Unbekannte. An den Problemen, die tückisch am Wege ihrer Lösung harren, drücken sich manche gerne vorbei. Der Studententag soll eben diese Fragen, die doch nur beweisen, dass unser Volk keiin Automat, sondern ein Organismus ist, aufzeigen und besprechen. Gut vorbereitete Referate und gründliche Diskussionen werden wohl manchen neuen Gesichtspunkt ergeben können. Ja, selbst wenn die theoretischen Ergebnisse der Konferenz — länger ajs zwei Tage wird sie wohl nicht währen können — nicht sehr gross wären, so bleibt über jeden Zweifel erhaben der pädagogische Wert, den es für uns hat, wenn von einer allen Studenten vernehmlichen Tribüne ernste Fragen ernst behandelt werden. Die Diskussion ginge dann weiter in die Vereine, vielleicht gar — das wäre so eine Art Ideal — in ein eigenes Studentenorgan. » Welche Probleme bei diesem zweiten Teile des Akademikcrtajjes, der also Ansätze zum Ausbau der Theorie der Bewegung zu geben hätte, zur Behandlung kommen müssen, wjrd uns wohl die Erfahrung sagen. Vielleicht fühlen wir die Lücken in der Gedankenfolge unserer Bewegung nicht gleichmässig. Der Streit um Uganda hat gezeigt, wie mannigfach die Motive sind, die wir dem Zionismus unterschieben. Dem .einen ist er nur Notstandsbewegung, dem anderen nur das Streben nach einem Kulturzentrum, der dritte sieht nur das autonomterritorialistische etc. Und wie man es braucht, so deutet man das Programm. Die Entscheidung kann nur die Geschichte bringen, insofern sie das Verständnis der heutigen Judenfrage anbahnt. Das wäre also eines: eine Herleitung des Zionismus aus Geschichte und Gegenwart. Sie ist von Thon, Acher, Farbstein schon gegeben worden, sie wird aber heute eine reichere sein können, dabei universeller oder einseitiger, je nach dem Standpunkt, den man einnimmt. Und wir können .manches zulernen, nicht zuletzt für die Agitation, die ich — allerdings in der richtigen Art — durchaus nicht aus unserer Tätigkeit gestrichen wissen möchte. Wir kämen -dann zu Palästina. Die Palästinakunde ist auch so ein heikler Punkt bei uns, der ad oculos demonstriert, wie viel oder wie wenig wir wert sind. In Oesterreich gibt es vielleicht nicht ein Dutzend Studenten, die über Palästina genau Bescheid wissen. Die Palästinakommission rechnet wahrscheinlich nicht mehr auf unsere Mitarbeit. Aber wenn wir schon nicht selbständig arbeiten, wissen sollten wir doch etwas über Land und Leute. Ein Palästina gewidmeter Vortrag — wohl ohne Diskussion — möchte vielleicht mehr in formeller als meritorischer Beziehung sagen, wie wir Palästinakunde betreiben sollen. Ob sich auch nur ein Referent findet? Allzuviele Gegenstände sollen nicht behandelt werden. Non multa, sed multum. Ein wichtiger Punkt noch könnte zur Diskussion gestellt werden: das Gegenwartsprogramm. Denn es sind so viele Widersprüche und doch so unendlich viele Arbeitsmöglichkeiten darin, dass wir darüber nachdenken sollten. Ueber den ökonomischen Teil mögen .andere sprechen. Ich fühle besonders die Notwendigkeit einer Erörterung der Kulturfrage, gerade weil die österreichische Studentenschaft Ost und West repräsentiert. Die ostjüdische und westjüdische Kulturfrage, nebeneinandergestellt und miteinander diskutiert, das müsste einen segensvollen Meinungsaustausch geben. Nicht nur theoretisch; richtig erfasst, müsste die Diskussion uns den Weg zum Volke zeigen. Wie man die Jugend, das Volk, uns selbst mit jüdischem Geiste erfüllt, das alles gehört ja hierher. Ich gehe nicht ins Detail ein. Wenn diese Zeilen die Aufmerksamkeit der Bundesbrüder auf den Arbeitstag hinlenken und die Diskussion anregen, dann ist ihr Zweck erreicht. Ich fasse zusammen: der Studententag soll kritisieren und soll aufbauen, er soll selbst ein lebendiges Beispiel dessen sein, was er lehrt. Und last not least: Es kann uns gelingen, durch Vorbereitung der öffentlichen Meinung und eiinen würdigen Verlauf unserer Zusammenfahrt sie implicite zu einer grossen Demonstration der jüdischnationalen Studentenschaft Oesterreichs zu machen. Der Schluss ist dann analog wie bei Descartes: „Ich arbeite, also bin ich!" Arbeiten wir! Hugo Bergmann, Prag. Ueber amerikanische und britische Einwanderungsgesetze. Von HansFehlinger. (Schluss.) In Kanada ist man bald dem Beispiele der Vereinigten Staaten gefolgt; im Jahre 1886 wurde ein Gesetz12) geschaffen, das unter anderem auch auf die Einwanderung von Mittellosen, Verbrechern, sowie auf Kontraktarbeiter Bezug hat; später ist jedoch das Einwanderunjgsverbot auch auf andere Personen ausgedehnt worden.13) Im Jahre 1903 kam ein Gesetz zustande, welches die Einwanderung von Chinesen in hohem Masse behindert; dieses soll, zugleich mit jenem der Vereinigten Staaten, am Schluss besprochen werden. Im kanadischen Gesetze ist die Anleitung und Deportation von Einwanderern mit abschreckenden oder übertragbaren Krankheiten, sowie von Irrsinnigen usw. gleichfalls angeordnet; ebenso sind verbrecherische und lasterhafte Personen von der Einwanderung ausgeschlossen. Die Bestimmungen, welche in dieser britischen Kolonie bestehen, sind jedoch nicht so umfassendwie jene der Vereinigten Staaten. Die Fälle der Zurückweisung erscheinen daher auch selten.14) Einige Provinzial-Legislaturen von Kanada haben noch spezielle Bestimmungen gegen einzelne Kategorien von Einwanderern geschaffen; doch kommt auch diesen keine besondere Bedeutung zu. In Australien bestanden« bereits vor der Bildung des gegenwärtigen Staatenbundes (Commonwealth of Australia) in einigen Kolonien Gesetze, welche die Einwanderung beschränkten. Im Jahre 1901 wurden diese durch ein einheitliches Gesetz abgelöst. Dasselbe15) verbietet in erster Linie allen jenen Personen die Landung, welche nicht in der Lage sind, ein Diktat, umfassend 50 Worte, in irgend einer europäischen Sprache niederzuschreiben. Damit will sich der australische Bund nicht nur gegen das Einströmen minder gebildeter Personen, sondern auch gegen gewisse Rassen schützen, vor allen gegen die Chinesen und Japaner, welche bei den bestehenden ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen bereits in ihrer jetzigen Anzahl ein Hemmnis für das Emporsteigen der Arbeiterbevölkerung europäischer Abkunft bilden. Die Auswanderer aus Ost- und Südeuropa repräsentierten nie 12) Chapter 65, Revised Statutes of Canada 13) Act of May 15, 1902; vergl. auch: „The Canadian Labour Gazette", 4. Bd., No. 6. und 8, Dezember 1903 und Januar 1904. 14) Report of the (Canadian) Minister of the Interior, 1902/3 und 1903/4.' 15) Act No. 17, 1901; vergl. Lawsi and Regulations respecting the Admission, of Immigrants. London, 1904,