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Die Welt · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr, 1 „bie * weit11 Seite 5 am meisten fühlbar. Unsere Verfassung, wenn man so sagen darf, ist ja demokratisch. Wie kann sie sich bewähren, wenn die breiten Massen aus Mangel an Kenntnissen der Bewegung gar nicht oder — noch schlimmer! — nur oberflächlich zu folgen vermögen? Wenn sie in kleinen und grösseren wie auch in den allerwichtigsten Fragen unmöglich eine Meinung haben können? Bs ist eigentlich verwunderlich, dass dieser Zustand nicht schon mehr Unglück zur Folge gehabt hat. Die Versuchung liegt hier nahe, zu zeigen, wie manche Vorfälle auf diese Unwissenheit der Massen als letzten Grund zurückgehen und wie manche Gefahr in naher und ferner Zukunft uns dann droht; doch wer mir so weit gefolgt ist, wird sich diese Ergänzung selbst herstellen können. Und noch aus einem dritten Grunde ist wohl die sachliche Unkenntnis bei manchen unserer Anhänger bedenklich. Muss man nicht fürchten, dass Leute, die der Bewegung nur in den aller auffallendsten Fortschritten zu folgen vermögen, mit der Zeit jedes Interesse verlieren und abfallen? Ich muss nochmals erinnern, dass ich nur von den westlichen Juden spreche; bei den östlichen kann ja von derlei kaum die Rede sein. Allerdings sind auch bei uns im Westen die Fahnenflüchtigen unter den Tausenden von Getreuen bis jetzt noch an den Fingern einer Hand abzuzählen; doch unser Weg ist lang. Es Hesse sich noch vielerlei anführen. Ich glaube, das Gesagte genügt, um die Forderung berechtigt erscheinen zu lassen, dass wenigstens unsere Jungen tiefer als bisher in die Bewegung eindringen, dass sie sich zu informieren suchen, wo ihnen manches unklar scheint, und dass sie besonders alles, was mit unserem letzten Ziele zusammenhängt, zum Gegenstande eines gründlichen Studiums machen. Eine Liste der Gebiete, auf denen unsere jungen Leute Bescheid wissen müssten, wäre etwa folgende: A. 1. Geschichte der Bewegung. 2. Statistik der Bewegung. 3. Unsere Organisation. 4. Die Kolonialbank, der Nationalfonds etc. B. 1. Gegenwartsgeographie Palästinas im weitesten Sinne* 2. Die Kolonisationsversuche in Palästina, Argentinien etc. 3. Die Kolonien der grossen Kolonialstaaten, besonders in ihren Anfangsstadien. 4. Die Kolonisationsprojekfce (Oppenheimer). Ich habe selbstverständlich nur das auffälligste hervorgehoben, die wichtigsten Dinge, bei denen ich beständig auf die krasseste Unwissenheit gestossen bin. Eine Ergänzung nach allen Richtungen wird notwendig sein, ebenso wie der und jener einen Punkt streichen wird, bei dem er trefflich Bescheid weiss. Den Vereinen müsste es ein Leichtes sein, mittels ihrer Bibliothek, durch Vorträge und Diskussionen den Mitgliedern diese Kenntnisse zu übermitteln und sie auch weiterhin auf dem laufenden zu erhalten* Aber auch auf privatem Wege stehen dem keine unüberwindlichen Hindernisse entgegen. Besonders die Mittelschüler und auch die jungen Mädchen könnten ihre geselligen Zusammenkünfte dazu benützen. Ich kenne einen solchen Kreis von jungen Leuten, die etwa auf folgende Weise arbeiten: Die verschiedenen Gebiete werden unter die einzelnen aufgeteilt und jeder arbeitet seines zu einem Referate aus, über das diskutiert wird, so dass sich auch die anderen den Inhalt genau einprägen. Diese Referate werden dann mit etwaigen Aenderungen und Nachträgen in ein grosses Buch eingeschrieben und von Zeit zu Zeit hervorgeholt, damit nichts vergessen wird. Sie erhalten sich auch beständig durch ergänzende Vorträge auf dem laufenden. Ausser den oben angedeuteten Gebieten, deren einige natürlich wieder in Unterabteilungen zerfallen, haben sie noch eine Menge von Themen ohne vorangehendes Referat nur zur Diskussion herangezogen; um nur einige zu erwähnen : „Staatsformen", „Unsere Presse", „Die Juden frage gehört vor das Forum der Welt". Ueberdies lernen sie auch zusammen Hebräisch und haben schon hübsche Fortschritte zu verzeichnen. Ich war an einem Abend zugegen, als das Thema der Kolonisationsversuche behandelt wurde, und war erstaunt nicht nur über die Verständigkeit, mit der über die schwierige Frage geurteilt wurde, sondern auch über die Fülle von exaktem Material. Und die jungen Leute lassen sich durch diese Arbeit durchaus nicht in ihren sonstigen Pflichten stören. Von den acht sind zwei Septaner, beide Vorzugsschüler, eine Studentin, die sich ihren Lebensunterhalt allein verdient, und drei Schüler und Schülerinnen des Konservatoriums, die sechs Stunden täglich der Musik widmen. Es ist wohl wahr, dass diese wenige freie Stunden haben und oft aus Zeitmangel auf ein Vergnügen verzichten müssen. Aber sie tun es mit Freuden; und wie viel junge Leute gibt es, besonders wie viele Mädchen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen! Ihnen sei es dringend ans Herz gelegt, diesem Beispiele zu folgen. Es ist an der Zeit, dass wir wissen, was wir tun und was wir tun sollen. B. G. Zum zweiten zionistischen Studententag Oesterreichs. Im Frühling des laufenden Jahres soll der zweite Verbandstag der zionistischen Studentenkorporationen Oesterreichs abgehalten werden. Vielleicht wäre es jetzt schon hoch an der Zeit, dass die, welche von einem solchen Arbeitstage viel fruchtbare Wirksamkeit erwarten, ihre Vorschläge zur öffentlichen Diskussion stellen. Ob ein besonderer jüdischer Studententag einen Zweck hat? Ich möchte fast behaupten, dass bei uns Nationaljudeii Kongresse, Konferenzen, Zusammenkünfte einen Selbstzweck haben. Uns einigt das gemeinsame Ziel. Aber durch die Entfernung und Verschiedenheit des Milieus, in dem wir arbeiten, nimmt unser Wollen die differenziertesten Formen an und dann kommt immer wieder eine Zeit, wo wir die Gegensätze ausgleichen, in eine höhere Einheit verschmelzen müssen. Der dunkle Drang hiernach mag es gewesen sein, der vor eineinhalb Jahren zum ersten Studententage (30. Juni 1903) geführt hat. Er war überhastet, ohne Vorbereitungen einberufen, und hat dennoch gute Früchte gezeitigt. Das Werk derartiger Zusammenfahrten lässt sich ja nicht mit Mass und Zanl schätzen, aber wir fühlten es, dass wir einander näher, dass wir weiter gekommen sind. Auch ganz praktisch ist etwas getan worden. Der Gedanke des zionistischen Seminars, der seither in manchen Orten, mit Erfolg in die Tat umgesetzt wurde, ist meines Wissens zuerst dort in dem glänzenden, leider (aus Geldmangel!!) noch immer nicht gedruckten Referat unseres Bb. Bienenstock ausgesprochen worden. Gemeinsame Arbeitsberichte, Anläufe zu statistischen Arbeiten, Brosclmrciaustausch. Vorträge, die durch den Verband übermittelt wurden, mögen vielleicht auch etwas bedeuten. Mag sein, dass auch unsere neue MittelschuLzeitschrift von dem stattgehabten Verbandstage einigen Gewinn gezogen hat. Viel hat der Verband während der eineinhali) Jahre nicht geleistet; unsere Kritiker werden gerne bereit sei;1, zu sagen, nicht einmal wenig. Sicher ist, dass wir am Verbandstage in einer grossen Täuschung befangen waren, wenn wir die Studentenbewegung für so einheitlich hielten, dass sie sich von einem Orte aus dauernd leiten liesse. Wir werden vielmehr das Schwergewicht unserer gemeinsamen Arbeit in die g emei n samen Arbeitstage verlegen müssen. liier kann viel, sehr viel getan werden. Wir brauchen eine ganze Revolution in unserer Studenteriarbeit: neue Arbeitsmethoden, neue Arbeitsziele. Für den nächsten Akademikertag sollen hier die Vorschläge eines einzelnen zur Diskussion gestellt werden. Wir wollen einander erst einmal ehrlich die Wahrheit sagen, einander ordentlich herunterkritisieren. Das geschah schon zum Teile vor einem Jahre durch Bienenstock und die Debatte, die sich an sein Referat anschloss. Heuer werden uns in den Rechenschaftsberichten der Viereinigungen, die ja regelmässig im ,,Zion" erschienen sind, Materialien vorliegen. Sie werden nicht allzu erfreulich sein. Die Studentenbewegung im Zionismus bietet ein merkwürdiges Bild: die Bewegung wird erst von Studenten entfacht, getragen, verbreitet. Sie wächst ins Riesenhafte. Und gleichzeitig tritt in der Studentenschaft eine relative Stagnation ein. Ich wage nicht zu sagen, unser Stillstand sei ein absoluter. Wir tun ja halb und halb unsere Pflicht. Aber wir erfüllen sie ohne das Bewusstsein eines

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