Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie & weit Nr. 1 gelesen und stimme seiner Ansicht vollständig bei. Er hat das, was ihn zu dieser Ansicht geführt, in so eingehender und klarer Weise dargelegt, dass ich kaum etwas hinzufügen könnte. Meine Ausführungen würden nur auf eine Wiederholung dessen, was er gesagt, hinauslaufen, und ich glaube, dass ein langjähriger Aufenthalt in England meine Bekannt schafc mit englischen Verhältnissen und englischem Weben mich wohl zu einem Urteil berechtigen. Ich habe auch die Einwendungen des Herrn Dr. Deiches in Ihrer Ausgabe Nr. 48 vom 25. November gelesen, aber sie haben an meiner Auffassung nichts geändert. Dr. Friedemann hat sie meiner Ansicht nach treffend widerlegt. Nur auf eine derselben, welche er nicht berührt hat, möchte ich hier zurückkommen. Herr Dr. Deiches hat keine grosse Meinung von dem Bildungsgrade der jüdischen arbeitenden Massen in England. (Er fügt gerechterweise hinzu, dass ihnen daraus absolut kein Vorwurf erwächst.) Auf mich haben diese Massen indes nicht jenen Eindruck gemacht. Als ich im Jahre 1898 in London war, wo Dr. Herzl seine bekannte grosse Rede in der „Great Assembly Hall" im East End vor etwa fünftausend jener arbeitenden Klasse hielt, war nicht ich allein, sondern auch der anwesende bekannte englische Schriftsteller Mr. Sidney Whitman (er schilderte damals den empfangenen Eindruck in seinem in einem englischen Blatte veröffentlichten Berichte) vollständig überrascht von der Haltung dieser Menge, von der gespannten Aufmerksamkeit und dem offenbaren Verständnisse, mit welchem sie diesem in deutscher Sprache gehaltenen Vortrage wie dem darauf in englischer Sprache folgenden des Pater Ignatius lauschte. Beide wurden mit grosser Begeisterung, der gegnerische eines jüdischen Zuhörers mit lauten Zeichen des Missfallens aufgenommen. Am nächsten Tage war ich zugegen, als eine Deputation aus englischen Fabriksstädten Dr. Herzl aufsuchte, um seinen Rat in einer die „Zionist Föderation" betreffenden Angelegenheit einzuholen, und wieder fiel mir die verständige, sachliche Art und Weise auf, in welcher sie ihre Sache vortrugen. — Dies nebenbei. Auch ich habe aus dem vorhin erwähnten Aufenthalte in England den Eindruck gewonnen, dass das ganze dortige Milieu ein so günstiges ist, wie man es schwerlich anderswo finden würde. Ich bin auch übei zeugt, dass ein in London tagendes Komitee bei jeder englischen Regierung, sei es die jetzige oder eine oppositionelle, ein wohlwollendes Entgegenkommen und, wenn nicht Beistand durch die Tat, doch durch guten Rat finden würde. Und ich hege die Hoffnung, dass durch eine in London entwickelte taktvolle Tätigkeit mit der Zeit manche der einflussreichen, aber jetzt noch gegnerischen Elemente uns ihre Sympathie zuwenden werden. Ich war schon seit längerer Zeit der Ansicht und ich glaube, sie wurde von manchen unserer einflussreichen Anhänger geteilt, dass, wenn die Verhältnisse es Dr. Herzl erlaubt hätten, für längere Zeit seinen Wohnsitz in London zu nehmen, die Bewegung bedeutende Fortschritte gemacht hätte, jedenfalls grössere als in Wien, das auch nur seinetwegen Mittelpunkt derselben wurde. Ich zweifle nicht, dass Dr. Herzl selbst derselben Ansicht gewesen wäre. Ein in London befindliches Komitee würde selbstverständlich in steter Fühlung mit einem in Deutschland für kontinentale innere Angelegenheiten zu errichtenden bleiben müssen. Die Kongresse und alle offiziellen Versammlungen hätten nach wie vor auf dem Kontinent stattzufinden. So würde auch das Bedenken hinfällig, dass Englisch die offizielle Sprache des Zionismus werden könnte, Hamburg, im Dezember 1U04. Hochachtungsvoll Gustav G, Cohen, Was wir sollen. Wenn man sich im manchen zionistischen Kreisen i? <' ... umsieht, merkt man auf Schritt und Tritt die Unwissenheit selbst auf Gebieten, die mit der Bewegung eng zusammenhängen. Man ist Zionist, das heisst, man zahlt seinen ächekel und einen Vereinsbeitrag (oder auch nicht) liest, die Titelseite eines zionistischen Blattes und ärgert sich, wenn man mit einem Assimilanten zusammenkommt, der seine CJeberzeugung von der unmotivierten Begeisterung eines Zionisten herausfordernd laut werden lässt. Natürlich diskutiert man mit ihm und ebenso natürlich zieht man oft den Kürzeren. Denn ein „gelernter" Assimilant wirft einem Tatsache auf Tatsache, Zahl auf Zahl ins Gesicht, zitiert, dass einem Hören und Sehen vergeht — und all dem haben manche nichts entgegenzustellen. Sie können weder seine Daten widerlegen noch eigene zur Unterstützung unserer Sache anführen, aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nichts wissen; und die schönste, aufrichtigste Begeisterung hilft da nichts. Manche werden sagen: „Da diskutiert man eben nicht. Proselytenmacherei hat der Zionismus heute nicht mehr nötig. Was ein rechter Jude ist, hält schon zu uns und Assimilantenpack brauchen wir in unseren Reihen gar nicht." Das ist sehr falsch. Die westlichen Juden — und nur von denen ist hier die Rede, denn die östlichen stehen ja fast ausnahmslos zu uns — sind grösstenteils aus Unkenntnis der Verhältnisse Gegner des Zionismus; die Assimilation ist auch ihnen nur ein Verzweiflungsmittel, aber sie haben sich nun einmal hinein verrannt, oft seit Generationen, haben schliesslich einige kleine Vorteile erkämpft, die sie natürlich nicht objektiv beurteilen, sondern nach dem schweren Preis, den sie dafür bezahlt haben, und nun sehen sie im Zionismus nichts weiter als eine Gefahr, die ihnen diese teuer erkauften Vorteile, wahre und eingebildete, zu rauben droht — was ist natürlicher, als dass sie nichts von ihm wissen wollen, dass sie ihn bekämpfen? Bei solchen Leuten kann man nur mit einer klaren, sachgemässen Darstellung, die von vielen recht handgreiflichen Daten unterstützt ist, etwas ausrichten; und es ist überraschend, wie leicht manch ein eingefleischter Assimilant so zu gewinnen ist Besonders unter den Studenten lässt sich da viel tun und ich denke immer mit einer gewissen wehmütigen Freude an eine kuriose kleine Geschichte, die mir diesen Sommer zu Ohren gekommen ist: Ein Freund erzählt mir, dass ein gewisser Bekannter, ein Arzt in einer grösseren Provinzstadt, die bis vor kurzem eine Hochburg des Antizionismus war, seinen Sohn knapp nach der Matura habe taufen lassen. „Ja, was ist ihm denn eingefallen?" frage ich ganz starr. „Er hat doch immer so gegen das Taufen gewettert?" „Das ist so eine eigene Sache; er sagt, wenn der Bursch jetzt auf die Universität nach Wien kommt, wird er ihm von den Zionisten abgefangen — und da wählt er eben von den zwei Uebeln das nach seiner Meinung kleinere. So ist er wenigstens sicher, dass er ihm nicht als Zionist zurückkommt." Das ist gewiss ein schönes Zeugnis für unsere Wiener Studenten, aber ich muss die Angst des guten Mannes doch übertrieben finden — man vergleiche die Anzahl zionistischer mit der Gesamtzahl jüdischer Studenten in Wien! Doch ich bin von meinem Thema abgekommen. Es ist meine Ueberzeugung, dass unsere Bewegung einen bedeutenden Zuwachs zu verzeichnen hätte, wenn wir es eben verstünden, ihnen die Sache klar darzulegen und ihre irrtümlichen Anschauungen durch richtige zu ersetzen. Doch dazu fehlt es den meisten an positiven Kenntnissen. Indessen ist es nicht zu leugnen, dass die Bewegung heute eines weiteren Zuwachses nicht mehr so notwendig bedarf, und dass das Hauptgewicht nicht mehr auf Propaganda allein, sondern auf Arbeit im Innern zu legen ist. Uud hier macht sich wohl die Unwissenheit unserer 2ioni3tez*