Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316130--46468-3341316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 „bie & weit11 Seite 3 gebiet besondere Fähigkeiten mitbringen. Die vorzüglich in Betracht kommenden Arbeitszweige sind: Diplomatie, Agitation undOrganisation undFinanzen. Jede dieserTätigkeiten braucht einen ganzen Mann, einen besonderen Mann. Bisher hatten wir nur einen einzigen Mann von besonderen Fähigkeiten. Das war Herzl. Seine Tätigkeit war vorzüglich eine diplomatische. Und wahrlich, das Portefeuille des AeuSsem war in guten Händen. Kein Geringerer als Chamberlain rühmte neulich die „grosse Geschicklichkeit" Herzls. Wie schaut es aber in unserem Innern aus? Haben wir die Massen für uns gewonnen? Nein. Beweis: Die geringe Anzahl der Schekelzahler. T«t die jüdische Intelligenz auf unserer Seite? Nein. Beweis : Der schwache Anhang in den Kulturzentren. Ist die Organisation eine stramme? Nein. Beweis: Der Misserfolg in dem Feldzuge gegen die Kultusgemeinden. Gering die Zahl des Anhanges, arm an Intelligenz, schlapp die Organisation. Dies der Stand der Bewegung. Und warum? Weil den inneren Angelegenheiten nicht das erforderliehe Mass von Aufmerksamkeit gewidmet wurde, weil in der Zentrale kein spezielles ftessort für Inneres systematisiert war. Man hat mit Unrecht das Schwergewicht der Arbeit auf die Diplomatie gelegt und nur auch agitiert, auch organisiert. Die innere Arbeit sank zu einer zweitklassigen herab. Die Diplomatie war Trumpf. Jeder grüne Student hielt sich für einen geborenen Diplomaten, und hatte er ein Kolleg über Völkerrecht gehört, so zog er sich vornehm von der inneren Arbeit zurück und vertrödelte seine Zeit in einem Furor diplomaticus mit einfältigen Kombinationen über auswärtige Angelegenheiten und glaubte, auf,, diese Weise unserer Sache einen grossen Dienst zu erweisen. Und die Finanzen? Auch dieses Ressort wurde vollständig vernachlässigt. In die bisherige Leitung winde niemals ein Finanzmann gewählt. Und dennoch wurde von ihr immer wieder und wieder betont, dass der Beginn der Realisierung unserer Icke derzeit eine reine Geldfrage wäre, dass wir, im Besitze von ausreichenden Geldmitteln, mit dem Einzüge in Palästina beginnen könnten. Ergo hätte ein tüchtiger Finanzmann im engeren A.-C. sitzen müssen. Das Fehlen eines solchen Mannes macht sich auch auf das empfindlichste bemerkbar. Beweis: Die abnormal geringen Fortschritte unserer Bankinstitute. Das muss jetzt anders werden. Ich stelle mir die Zusammensetzung des künftigen engeren A.-C. folgendermassen vor: Es hat nach wie vor aus fünf Männern zu bestehen. Ein. Mitglied muss die besonderen Fähigkeiten besitzen, unsere diplomatischen Beziehungen nicht nur zu erhalten, sondern auch zu erweitern. Die Arbeit nach innen hat ein Mann zu übernehmen, dessen Organisationstalent bei genauer Kenntnis des Judentums ausser Zweifel steht. Die Finanzen sollen nicht einem Händler, sondern einem Finanzmann anvertraut werden. Diesen drei Männern muss ein genauer Palästinakenner als Berater zur Seite stehen. Den Vorsitz im Kollegium hat ein Mann zu führen, der imstande ist, unsere Bewegung würdig zu repräsentieren. Nur ein harmonische^ und gleiehmässiges Zusammenwirken solcher Männer bietet die volle Garantie, den Anforderungen an die Leitung in jeder Beziehung gerecht zu werden. Mlan kann noch so grosse diplomatische Erfolge erringen, die Bewegung wird und kann nicht gieichmässig fortschreiten, wenn nicht gleichzeitig die Organisation mit gleicher Energie einsetzt, wenn nicht gleichzeitig der Finanzapparat mit gleicherKraft funktioniert. Die Notwendigkeit der Kreierimg des Postens eines genauen Kenners der öffentlich rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas liegt im Endziele unserer Bestrebungen. Die Einheit im Kommando nach innen und in der Vertretung nach aussen repräsentiert der Vorsitzende, der Führer. Die künftige Leitung hat also nicht formell aus fünf, faktisch aus einem Manne, sondern auch tatsächlich aus fünf Männern zu bestehen, welche für die ihnen zugewiesenen Ressorts spezielle Fähigkeiten mitbringen müssen. Nicht der Mann ist zu wählen, sondern die Manne r. Diesen fünf Männern ist je ein Sekretär zuzuteilen. Ein Sekretär, kein Schreiber. Er soll Mitarbeiter und Mitberater seines Ressortchefs sein. Die Sekretäre haben den Einlauf der einzelnen Ressorts zu lesen, ihren Chefs Bericht zu erstatten und die über gefasste Beschlüsse notwendigen Konzepte auszuarbeiten. Auf diese Weise werden die einzelnen Mitglieder des engeren A.-C. nicht nur in ihrer Arbeit zum Teil entlastet werden, sondern es wird ein Nachwuchs herangebildet werden, welcher imstande sein wird, jeweils die Lücken auszufüllen, die durch Tod, Krankheit oder aus anderen Gründen in der Leitung entstehen, oder ein anderes gewähltes A.-C- Mitglied in die Arbeit einzuführen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass die Zusammensetzung einer Leitung in dem angeregten Sinne auf grosse Schwierigkeiten stossen wird. Das Finden geeigneter Männer, die Verschiedenheit ihres Wohnsitzes, ihre materielle Gebundenheit an einen bestimmten Ort usw. sind gewiss nicht zu übersehende Hindernisse. Doch sind die Schwierigkeiten bei. einigem guten Willen und bei der nötigen Opferwilligkeit zu überwinden. Sie mü s s en überwunden werden. Was den Sitz der Leitung betrifft, so ist jeder mit modernen Verkehrsmitteln ausgestattete Ort, dessen polizeiliehe Vorschriften ein ruhiges Arbeiten zulassen, geeignet, daselbst die Zentrale zu etablieren. Also selbstverständlich auch London. Das gegen Wien Vorgebrachte wurde bereits entkräftet. Es liegt auch kein vernünftiger Grund vor, das Bestehende zu ändern. Im Verlaufe der angeregten Diskussion wurde auch für Wien plaidiert. Doch, erscheinen mir die meisten der angeführten Gründe nicht ganz stichhaltig. Ich bin für Wien, weil Wien der Sitz der zionistischen Intelligenz ist. Wien hat nicht weniger als elf zionistische akademische Korporationen. Vier Verbindungen: Ivria, Kadimab, Maccabäa, TJnitas. Sieben Vereine: Bar-Kochba, Bar-Giora, Erez Israel, Jordania, Leo rinsker, Theodor Herzl, Theologin. Beziffert man den Stand jeder Korporation mit durchschnittlich zwanzig Mann, so ergibt das, die Finkenschaft*) nicht inbegriffen, eine organisierte akademische Liga von. 220 Studenten. Wenn jede Korporation alljährlich nur ein einziges brauchbares Mitglied unserer Bewegung zuführt, so bedeutet dies einen Zuwachs von 11 Mann jährlieh, die bei richtiger Erziehung zu Sekretären, beziehungsweise zu Führern herangebildet werden können. So günstige Voraussetzungen für einen ständigen Nachwuchs in der Leitung sind ausserhalb Wiens nirgends vorhanden. Ergo bietet Wien alle Garantien, für die Stabilität des Sitzes der Leitung, ergo ist Wien der natürliche Sitz der Zentrale. Mein Vorschlag ist also: Eine rein zionistische L e i t u n g, bestehend aus vier f a c h m ä nn i s c Ii e n L eitern und einem Vorsitzenden, m i t d em Sitze in Wien. Dr. Maximilian Piekarsfci. Wien oder London. Verehrte Redaktion! Ich habe die beiden in Nr. 45 und Nr. 52 der „Welt" erschienenen Artikel von Hprrn Dr. F r i e d e m a n n, in welchen er die Verlegung des Schwerpunktes unserer Bewegung nach London befürwortet, mit grösstem Interresse *) Finkenschaft ist die Gesamtheit der nicht in den Verbindungen organisierten Studenten.