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Die Welt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seit« 14 „bie # w^!t14 Nr. 53 deren Dienst sie steht, hat unsere wackere Genossin ihrrr Tätigkeitssphäre von vornherein eine breitereBasis verliehen Davon zeugen, die aupgezeichneteo, allenthalben mit grossem Enthusiasmus aufgenommenen Vorträge über K anke pflege als Frauenberuf, über soziale Berufe der jüdischen Frauen, üb&* die Mittel zur Bekämpfung des Mädchenhandels u. die sie gel» gentlich ihrer Reisen in Angelegenheit des Vereines zum Schutze der jüdischen Frauen in Czernowitz, Stanislau, Tarnopol und letzthin in der Lemberger ToynbeehaJle gehalten, wie nicht minder die Mitarbeit an der Organisierung des jüdisch - nationalen Frauen Vereines „Judith" in Lemberg, dessen vor kurzem erfolgte Konstituierung wir vom Gesichtspunkte der zionistischen Agitation herzlich begrüssen. Fräulein Baer sei hiermit namens aller Gutgesinnten für ihr selbstloses Wirken inniger Dank gesagt. Hoffentlich wird sie in ihrem Eifer für die gute Sache auch dann nicht erlahmen, wenn ihr hie und da von Jüdisch-offizieller" Seite mit kühler Gleichgültigkeit begegnet würde. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. „Jüdischer Verlag" Berlin. Vom 1. Jänner ab erscheint im „Jüdischen Vrerlage" (Berlin-Charlottenburg,Herderstrasse 3—4) eine Halbmonatschrift für die jüdische Jugend wJung-Israel.a Sie bildet die Fortsetzung des seit zehn Jahren erscheinenden, von Fl anter herausgegeben „Israelitischen Jugendfreund", wird aber in erweitertem Umfange, vornehmerer Ausstattung, ausgewähltem literarischem Inhalt und mit reichem Illustrationsmaterial in Text und Beilagen erscheinen. Es ist bestimmt anzunehmen, dass durch die Aufnahme der Jagendschrift in den „Jüdischen Verlag" unserer Jugend eine Zeitschrift geboten werden wird, die von vielen seit langem als unentbehrliches Mittel zur Erziehung und Heranbildung unserer jungen Generation herbeigewünscht wurde. Der Verlag glaubt daher bestimmt, auf die Förderung und Unterstützung seines neuen Unternehmens rechnen zu dürfen, und bittet alle Interessenten ihn durch Mitaibeit, durch geeigi ele Vorschläge und insbesondere durch Mitteilung von Adressen zu unterstützen. Probenummern werden an alle aufgegebenen Adressen gratis und franko versendet. „Rocznik zydowski* („Jüdisches Jahrbuch"in polnischer Sprache 1905), erscheint m den nächsten Tagen im Verlage der Lemberger Verlagsgesellschaft „Kadimah". Die Redaktion liegt in den bewährten Händen unseres Gg. Herrn Adolf Stand. Dieser fünfte Jahrgang ist reichhaltiger als die früheren und enthält unter anderem Beiträge von Sta^d, Kirschrot, Balaban, Perez, Naumberg, Nossig, Reich, Löwenherz, Scherlag, S. Schiller und Buber. Der „Rocznik" enthält auch acht Illustrationen von Helene de Mieses, Moritz Gottlieb, Lilien und Wachtel, ausserdem Vignetten und Zierleisten von beiden letzteren. Wir werden auf dieses interessante Werk noch zurückkommen, Z. Feuilleton. Adolf von Sonnenthal. Zu seinem siebzigsten Geburtstage. Das war zu einer Zeit, die mir gar nicht so ferne seheint. Aus dieser Zeit taucht eine Erinnerung vor mir auf. Nicht bleich und verschwommen, wie andere, sondern frisch und lebendig, als wäre sie das Gedenken eines Erlebnisses von gestern. Es war die schöne Zeit, da mich ein Obergymnasium in der Nähe Wiens zu seinen Schülern zählte. Während einer Ferialwoche — wenn ich nicht irre, war es zur Weihnachtszeit — kam ich nach Wien. Natürlich zu allererst zur Stätte meiner Sehnsucht, zum Burgtheater. Nach langem Warten vor dem berühmten Einlass des alten Hauses der heroische Kampf um einen guten Platz auf der vierten Galerie. Ein Dauerlauf von rasender Geschwindigkeit, gegen den die hellenischen Wettläufe seinerzeit sicherlich das reine Einderspiel waren. Endlich die Eroberung des letzten Platzes auf dem berüchtigten „Marterbankerl" Dann noch eine qualvolle Stunde des Wartens, dann end-« lieh sah ich ihn zum ersten Male — sah ich Sonnenthal als Fabricius. Ueber zwei Jahrzehnte sind seither verrauscht. Wenn icli damals in meiner jugendlichen TJeberschwänglichkeit glaubte, nie werde Sonnenthal-erschütternder wirken, nie die Herzen inniger rühren, nie die Menschen für seine Kunst höher begeistern, so weiss ich nun seit langern, dass Sonnenthal noch weit über seinen Fabricius hinausgewachsen ist. Viel unvergessliche Stunden hat er mir gleich tausenden anderen bereitet und was an Ruhm und Ehren ihm beschieden war, so viel es auch sein mag, seheint mir noch heute gering, wenn ich des seligen Vergessens denke, das er uns geschenkt, des Vergessens all des Rohen und Gemeinen des Alltages, und der Erhöhung" und Veredlung unserer Seelen in den Stunden höchster Weihe, die seine Kunst uns bot! Und doch wünsche ich mir das durch nichts gestörte Gefühl der Bewunderung zurück, das ich an jenem ersten Abend empfunden habe. Nicht Sonnenthal ist schuld, dass ich es heute nicht mehr empfinde. Das Leben kam und mit ihm andere Träume und, was schlimmer ist, manch trübes Erwachen. TJnd anderes ist dazu gekommen, was ich damals nicht dachte und fühlte. Heute ist es mächtig in mir und verlangt, dass ich von ihm spreche. Sonnenthal ist der erste, der grösste deutsch e Schauspieler. Aus der Werkstatt des Pester Schneiders bis in den stolzen Kunsttempel auf dem Wiener Franzensring führte ihn sein Weg. Ein ehrenvoller, ruhmreicher. Nur eines tut mir heute weh. Er führte ihn abseits von seinem Volke. Allerdings, Sonnenthal ist seiner Religion nach Jude geblieben. Hat er, der Mensch des tiefen Gemütes, seine Zugehörigkeit aus Pietät nicht aufgeben wollen? Hat ihm ein frommer Kinderglaube dies nicht gestattet? Oder waren es vielleicht gar die Anfeindungen seiner Volksgenossen, die ihn, den ritterlichen Mann, bei den Verfolgten festgehalten haben? Wer kann es wissen? Seine ganze geistige und künstlerische Entwicklung war ja geeignet, ihn dem Judentum zu entfremden. Vielleicht aber blieb er ihm deshalb erhalten, weil er'es so wenig lebendig empfand, dass es für ihn in keiner Weise in Betracht kam. Und. das scheint mir das Traurigste. Und doch hat er manches erlebt, das ihn, wäre die Zeit damals anders gewesen, vielleicht beirrt hätte. Sollen wir uns freuen, dass es nicht so kam, dass er geworden, was er heute ist? Müssen wir es vielleicht gar dankbar empfinden, dass dieser glänzende Stern am Himmel der d. eutschen Kunst erstrahlen durfte? Fast möchte ich es glauben. Es ist bitter traurig, dass unser Volk ihn verlieren musste, wenn einer seiner Söhne gross wurde. Verlieren an andere. Das ist unsere Tragödie, bei der auch Sonnenthal mittat, ohne es zu wissen, und vielleicht auch, ohne sich dessen bis heute bewusst zu sein. Nur selten hat er gespürt, was es heisst, Jude sein, Im Jahre 1848, dem F r e i h e i t s jähre, gab es auch in Pest einen Judenkrawall. Natürlich! Es wäre ja gegen alle Gesetze der Geschichte gewesen, wenn man unter Freiheit nicht vor allem die Freiheit von allen gesetzlichen Schranken verstanden, wenn man sich nicht zu allererst auf die Juden gestürzt hätte. Damals konnte Sonnenthal nur durch tatkräftiges Eingreifen — er stellte sich an der Spitze weniger Leute mutig den Plünderern entgegen — sein Elternhaus und seine Lieben vor Gewalttaten bewahren. Das war wohl die erste schmerzliche Mahnung. Eine zweite ging von der sonst sehr kühl und ver-

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