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Die Welt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 53 „bis $ w^it Seite 15 nünftig urteilenien Gattin seines Gönners und Freundes Laube ans, did anfangs in ihm, wie Ludwig Eisenberg in seiner Biograplte Sonnenthals erwähnt, nur den „beinschussigen, süssA. Juden" sab. Bedeutender war das Erlebnis, das er, dimals bereits der berühmte Künstler und Oberregisseur de| Burgtheaters, im Jahre 1889 in Riga hatte. Nach eineVi glänzenden Gastspiele in Petersburg und Moskau kam bonnenthal i damals auch nach Riga. Dort wurde er nach dreimaligem Auftreten plötzlieh vom Polizeimeister ausgewiesen. Der Jude Sonnenthal konnte nämlich die gesetzliche besondere Erlaubnis zum Aufenthalt in Riga nicht Vorweisen. Es bedurfte der Intervention des österreichisch-uigarischen Botschafters, um die Ausweisung wieder rückgängig zu machen. Sonnenthal, in dessen ruhiges Künsüesheim wohl kaum viel Kunde von dein Elend seiner russischen Volksgenossen gedrungen sein mochte, hatte ein ganz klein wenig an seinem eigenem Leibe erfahren, wicfes ihnen gehe. Die Aera Lueger in Wien und Oesterreich hat später dafür gesorgt, dass Sonnenthal etwas häufiipr merken konnte, wie wohlgesinnt man im allgemeinen leinen Brüdern sei. Sind alle diese Erfahrungen spurlos an Sonnenthal vorübergegangen? Kakn dieser geistvolle, klar denkende, tief fühlende Menseln an dem eklen Assimilationstreiben gewisser jüdischer Krqise Gefallen gefunden haben? Es ist kaum denkbar. Wenigstens spricht keine seiner Handlungen, soweit sie bekannt geworden sind, dafür. Wenn sich angesehene jüdische Korporationen an ihn wendeten, hat er seine Mithilfe nie vei^agt. Er bekleidet auch heute noch die Stelle eines Vizepräsidenten im Wiener jüdischen Museum. Es ist von ihm n|ht bekannt geworden, dass er sieh seines Judentums sehäinV, dass es ihm lästig falle. Ja, er soll sogar den Taiifabsiebten eines seiner Söhne mit Entschlossenheit entgegengetreten sein. Das ist so ziemlieh ades, was von Sonnenthals Betätigimg als Jude gesagt woilen ist und gesagt werden kann. Freilich, ein Mann wie er! hat bereits ei was getan, wenn er seine Volksgenossen nicht! im Stiche gelassen hat. Er ist durch eine Zeit gegangen5* die von der Wiedererstattung jüdischen Denkens und Bildens keine Ahnung hatte, ja jede Möglichkeit einer \\|.edererstehun^ mit Hohn und Zorn leugnete. Er ist in ebem Kreise von Leuten alt geworden, die von allem Jiiiischen — (in ihrem platten Jargon heisst das noch heiite „das beschränkte konfessionelle Moment") — meilenieit entfernt waren und sind. Er für seine Person hat aber dort, wo sie ihm in künstlerischer, also ihm verständlicherer Form nahte, für die jüdische Moderne freundlich^, Anerkennung gehabt. Das alles ist freilich nichts im Vergleich zu dem, Avas er dem jüdischen Volke hätte sein können, wenn ihm dieses einen Boden zu seiner Betätigung -hätte Meter, können. Sein „IJriel Acosta", sein „Nathan*' und sein „de Svlva" geben einen Begriff davon, was der Künstler So inenthal geworden wäre, hätte er nicht als Kind seiner Zeit auch seine Bolle in der Tragikomödie der Assimilation zu spielen gehabt. Vielleicht wird es ihm selbst klar^ wie es um ihn und seine Volksgenossen steht, wenn er liest, dass von ihm rühmend gesagt wird, er habe seinem Sohne die Erlaubnis zur Taufe verweigert. Jüdische Zeitungen haben.dies aus Anlass seines 70. Geburtstages mit besonderer Geaagtuung erzählt. Sie sind sehr bescheiden, diese Erzähler. Dagegen wäre nun nichts zu sagen. Das ist ihre Sache. Dass sie aber glauben, damit Sonnenthals Liebe zum Judentum zu bekräftigen; scheint mir sehr töricht. AVer von Sonnenthal etwas Unanständiges oder Dummes erwartet hat, mag darüber erfreut sein. Mir scheint diese Weigerung gerade eine echt Sonnenthalsche Handlung. Für sein inneres Verhältnis zum Judentum beweist sie blutwenig. So ist Sonnenthal ein deutscher Künstler geworden. Das jüdische Volk mag sich mit schmerzlichem Stolze auch darüber freuen. Ein grosser, edler Mensch, hilfreich und gut, ist ihm entsprossen, ein herrlicher Künstler aus seiner Mitte hervorgegangen, trotz all des Elends und der Verfolgung, die es zu erleiden hat. Was würde dieses Volk erst der Menschheit schenken, wenn es frei und glücklich sein eigenes Leben leben dürfte? Diesem Volke hat Sonnenthal Treue gewahrt. Dass er ihm auch Liebe hätte schenken können! Heisse Liebe, glühende Begeisterung! Dass er es noch vermöchte, er der Ewigjunge! Vielleicht hätte dann nicht nur in bezug auf die Gestalt des „Fabricius" von ihm gesungen werden können: „Aug', das des Lebens Form und Schein durchdrang. Gestalt, drin jeder Seelenhauch erklang, Herz, das mit jedem Erdenweh' gebebt, Geist, der getreu zum höchsten Ziel gestrebt, Ihr schuft vereint mit liebender Gewalt Aus Erdenstaub die rührendste Gestalt. —r. Gustav Tuch. Zum 70. Geburtstage. Von Dr. Kalmus (Hamburg). Gustav Tuch, der am 21. Dezember zu Hamburg in voller Lebensfrische sein 70. Jahr vollendete, ist eine kraftvolle, im Dienste der Jtidenheit schöpferisch arbeitende Persönlichkeit, ein Jude, dessen Name in der jüdischen Oeffentliehkeit einen guten Klang hat. Er steht vereinzelt da als einer, dar im nichtzionistisehen La^tr mit politischem Blick, frischem Wagemut und unermüdlicher Tatkraft dem Wohle des jüdischen Volksganzen dient. Er hat die Bedeutung unserer Stammeseinheit erfasst und auf dieser Grundlage ein soziales Programm entwickelt, das in vielen Punkten mit den Forderungen unserer Kulturzionisten übereinstimmt. Tuch hat das Elend seines Volkes geschaut und als einer der ersten in Deutschland mit Heilmitteln der modernen Wirtschaftslehre einzugreifen versucht. Tuch trat als vorgebildeter Sozialpolitiker erst in späteren Jahren an die Judenfrage heran. Seine Arbeiten über das deutsche Zollwesen und die Bedeutung der Freihäfen, sein Eintreten für eine starke deutsche Flotte, seine Tätigkeit als Schrittleiter der „Hamburger Nachrichten" fallen in die Z dk seines uab^wussten Judentums. Erst die wohltätige Wirkung der judenfeindlichen Bewegung führte auch ihn zur Arbeit für sein eigenes Volk. Er ging davon aus, dass der Jude für seine ursprüngliche Berufstätigkeit als Ackerbauer auch heute noch geeignet sei, schuf Einrichtungen zur Pflege der Bodenkultur unter den Juden und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf koloniale Bestrebungen. Tuch hat nicht in nutzlosen Lamentationen über den Antisemitismus und Abwehrversuchen das Heil erblickt, sondern kühn wie ein Zionist die Schäden am eigenen Volkskö per aufgedeckt und seit Jahren an der wirtschaftlichen, geistigen und sittlichen Hebung sowohl der westlichen wie der östlichen Juden gearbeitet. Ihm verdanken jüdische Geschichtsvereine, Toynbeehallen, Kinderhorte, Frauen- und Mädchenheime, Handfertigkeitsschulen u. a. m. nicht nur in Hamburg ihre Entstehung. Er hat ohne ängstliches Bedenken zum offenen Kampfe gegen den jüdischen Mädchenhandel aufgerufen und hat das schwere und undankbare Hilfswerk für Galizien in Angriff genommen. Und doch! Entsprechen die Erfolge dieses nationalsozialen Juden der Grösse seines Wollens und der Stärke seiner Persönlichkeit? — In vollem Masse jedenfalls nicht. Die Kreise, in denen er wirkf, wurzeln noch allzutief in

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