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Die Welt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 53 „bie * weit" Seite 13 Judaisierende Sekten. Bekanntlich gibt es in Russlaud zahlreiche judaisierende christliche Sekten, die sich von Jahr zu Jahr ausbreiten; weniger bekannt dürfte aber sein, dass in den letzten Jahren tausende von russischen Bauern wirklich zum Judentum übergetreten sind; wie das offizielle Organ der Missionsabteilung des russischen Heiligen Synod „Mission jorne je Obosrenje" mitteilt, finden sie sich besonders zahlreicn im Gouvernement Astrachan. Sie werfen, wie das Blatt angibt, mit dem Christentum gleichzeitig ihr Russentum über Bord und hassen dasselbe wie auch den Zaren; Russland bezeichnen sie als Assur (rückwärts gelesen Russa), zuweilen auch als Babel und Gog; sie fühlen sich in Russland im Golus und erwarten den Messias, der in Palästina ein grosses Weltreich errichten wird. Viele warten aber nicht hierauf, sondern wandern schon jetzt aus, um sich in Kleinasien und Palästina als Ackerbauer anzusiedeln. In den jüdischen Kolonien in Palästina finden sich schon zahlreiche dieser „Gerim", so in Sedjera und Beth- Dagon, wo ein Drittel der Bevölkerung aus solchen Neujuden besteht, die sogar schon hebräisch als Umgangssprache sprechen sollen. Die „Psalmen" um 80.000 Mark. Dieser Tage fand in London eine Versteigerung kostbarer alter Bücher statt, welche einen der höchsten Preise erzielten, die überhaupt je bezahlt worden sind. Das Hauptereignis des Tages war die Versteigerung eines „Psalmorum Codex", welchen Herr Bär aus Frankfurt a. M. um den Preis von 80.000 Mk. erstand. Es handelt sich um das grosse lateinische Psalmbuch aus dem Jahre 1459, das auf Pergamentblättern mit grossen gothischen Lettern gedruckt ist. Die Anfangsbuchstaben sind in Rot und anderen Farben ausgeführt und der Einband stammt aus derselben Zeit. Er ist aus Holzdeckeln hergestellt, die mit teurem Leder überzogen sind. Es wird angenommen, dass nur 20 Exemplare dieses Buches gedruckt wurden. Man kennt heute nur 12 Exemplare desselben. Das jetzt um so hohen Preis verkaufte Psalmbuch wurde von Herrn Alois Berger in der Bibliothek eines Grafen entdeckt. Ein jüdischer Erfinder. Der Konstrukteur des ersten Benzinautomobils war der Jude Siegfried Marcus. Marcus war am 18. September 1831 zu Malchin in Meklenburg-Schwerin geboren und ist an fang Juli 1898 zu Wien gestorben. Als etwa vierzehnjähriger Knabe kam er nach Hamburg zu einem Schlosser in die Lehre, reiste dann nach Berlin und absolvierte dort die Gewerbeschule. Von da aus ging er nach Wien, und zwar als ungefähr zwanzigjähriger Mann. Statistisches. Nach den letzten amtlichen Feststellungen wohnten im preussischen Staate insgesamt 392.322 Juden oder 1,14 Prozent der Gesamtbewohnerschaft. Diese Verhältniszahl ist in den letzten zwanzig Jahren stetig zurückgegangen, denn es wurden 1880: 1,33, 1885: 1,29, 1890: 1,24 und 1895: 1,19 Prozent Juden im Staate ermittelt. Welchen Anteil die jüdische Bevölkerung an der Gesamteinwohnerschaft der 22 preussischen Grossstädte, das heisst also derjenigen städtischen Gemeinwesen hat, die im preussischen Staate bei der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 mehr als 100,000 Einwohner zählten, ergibt folgende Zusammenstellung: Auf je 1000 Einwohner kamen in diesen 22 Städten an Juden in: Frankfurt a. M- 76.0 Stettin 14.9 Charlottenburg 51.2 Dortmund 13.5 Posen 51.2 Altona i2.4 Berlin 48,8 Aachen 11.7 Breslau 46.7 Elberfeld 10.6 Köln 26.2 Essen 10.3 Kassel 23.0 Düsseldorf 10.0 Königsberg 21.0 Magdeburg 8.4 Hannover 19.3 Halle 8.0 Dan zig 17.4 Barmen 4.2 Krefeld 16.7 Kiel 3.2 Die Gleichberechtigung im engsten Kreise des Gesetzes. Die Posener Tagesblätter brachten vor kurzem unter den Ernennungen auch die Notiz : „Die Rechtsanwälte Justizrat Salz und Dr. jur. Hartwig sind zu Notaren ernannt worden". Wie vielsagend ist doch diese kurze Notiz, wenn man bedenkt, dass der jüdische Justizrat fast 24 Jahre, der christliche Dr. jur. etwas über ein Jahr die Anwaltspraxis ausübt. Tatsächlich sind also durch diesen beinahe jüngsten christlichen Anwalt zirka 19 jüdische Rechtsanwälte, die zum Teil schon über 20 Jahre ihre Praxis ausüben und längst mit dem Titel »Justizraf aufwarten können, im Notariat übersprungen worden. Die sattsam bekannte Gepflogenheit des Herrn Justizministers erfährt dadurch eine erneute treffende Beleuchtung. Die Wahlen zur akademischen Lesehalle an der Berliner Universität, die dieser Tage stattfanden, zeigten auts neue den alten Geist in der akademischen Jugend Berlins, Auch diesmal siegte die Liste der antisemitischen Gruppen. Auf den „Verein jüdischer Studenten*, der auch jetzt Selbstständig in die Wahlbewegung eintrat, fielen insgesamt 205 Stimmen, auf die dem Antisemitismus völlig abholde „Freie wissenschaftliche Vereinigung" nur 207 Stimmen, während der Eest von über 1000 Stimmen auf andere Studentengruppen fiel, die mehr oder weniger antisemitischen Regungen unterworfen sind. Da auf je 100 Stimmen ein Vertreter für das Direktorium der Lesehalle entfällt, so werden der Verein jüdischer Studenten und die Freie Wissenschaftliche Vereinigung mit je 2, insgesamt also mit 4 Mitgliedern im Direktorium der zehnköpfigen Gruppe der mehr dem Antisemitismus zugeneigten Richtung gegenüberstehen. Der bedingungslos und ausgesprochen antisemitische „Verein Deutscher Studententt hat allein zwar auch nur zwei seiner Mitglieder ins Direktorium zu entsenden, da die anderen acht teils der nationalen Finkenschaft (2), dem akademischen Ruderbund, Evangelischen Bund, den katholischen Korporationen etc. angehören. Zu Vertretern des Vereins jüdischer Studenten wurden gewählt die Herren Studiosen Kirschner und Salinger. Gegenüber den vorjährigen Wahlen ist übrigens eine Veränderung nicht eingetreten. Auch damals war die Zusammensetzung die gleiche wie in diesem Jahre. Ein israeiiti scher (!) Landesfonds — magyarischnationaL Der ungarische israelitische Landesfonds hielt vor einigen Tagen seine Jahressitziing ab. Aus dem der Versammlung vorgelegten Bericht entnehmen wir, dass der Fonds es nebst anderen wirklieh erhabenen Zielen als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet, in den nördlichen Komitaten des Landes für die dortigen mittellosen Juden in nationalem (natürlich magyarischnationalem) Geist geführte Schulen zu erhalten. Wechsel im Präsidium der isr. Landeskanzlei in Budapest. Der bisherige Präsident des VI. Gemeindedistriktes kön. Bat Martin Schweiger hat seine Würde und in Verbindung damit auch das Präsidium der israelitischen Landeskanzlei niedergelegt. An seiner Stelle dürfte Dr. Moriz Mezei gewählt worden sein. Die israelitische Landeskanzlei soll die Interessen der neologen Gemeinden vertreten und wird bei allen jüdischen Fragen von der Regierung um ihr Gutachten befragt. Aus dem der Generalversammlung vorgelegten Bericht entnehmen wir, dass die Autonomiekommission ermächtigt werde, im Vereine mit dem Präsidium die Angelegenheit der autonomen Organisation mit der grössten Energie zu betreiben; auch soll sie sich mit der Idee beschäftigen, in einer öffentlichen gemeinsamen Landeskonferenz der Gemeindedistrikte die Landesfragen der Konfession zu verhandeln. Der Bericht urgiert ferner die Durchführung des Gesetzartikels XX vom Jahre 1848, da infolge des betrübend geringen Masses der staatlichen Dotationen die Juden zur Verwirklichung ihrer grösseren Aufgaben, zur Ausgestaltung ihrer Institutionen unfähig sind. Der Bericht weist auf die Wunde hin, welche die Zersplitterung in Parteien der Gesamtheit des ungarischen Judentums geschlagen hat. Es sei dringend zu wünschen, dass die Parteizwistigkeiten endlich aufhören und der Geist das Friedens in das aus so vielen Wunden blutende Judentum einziehe. Jedenfalls aber müssen die Wünsche und gerechten Forderungen in selbstbewusster und weithin hörbarer Weise zur Offenbarung gelangen. Aus Lemberg. Unsere geschätzteGesinnungsgenossin Fräulein Marta Baer weilt in ihrer Eigenschaft als Sendbotin des deutsch-jüdischen Zweigkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels seit mehr als einem halben Jahre in unserer Mitte. Es ist bewundernswert, wie rasch und gründlich sich diese junge, einem ganz unjüdischen Milieu entwachsene Dame, bei der man zionistische Begeisterungsfähigkeit mit dem kühlsten, auf das Reale gerichteten Tätigkeitsernste vereinigt findet, an unsere schwierigen Verhältnisse eingelebt und wie sehr sie bestrebt ist, die sozialen und kulturellen Erscheinungen des galizischen Judentums im Detail kennen zu lernen. Fräulein Baer hat in erster Reihe im Vereine mit der durch ihre sozial-humanitäre Tätigkeit bekannten Frau Emma Lilien recht nennenswerte Schritte behufs Errichtung der jüdischen Wirtschaftschule eingeleitet. Die Realisierung dieses Projektes wird viele beschäftigungslose jüdische Mädchen einem redlichen Lebensberufe zuführen. Bei allem Eifer für die Förderung der sozialen Aktion, in

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