Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „we * weit" Nr. 53 Rufes wollen sie Weltbankiere, Condottieri der Börse werden. Und dafür müssen sie das jüdische Volk entschädigen. Jeder unsaubere Schritt, den die Börsenjobber tun, hat seine Rückwirkung auf die breiten jüdischen Massen. Und darum tut eure Pflicht, ihr Reichen! — Das etwa sind die Folgerungen, die aus dem Artikel des „Speaker" herauszulesen wären. Ich bin wahrlich kein Uganda-Enthusiast, kann mich für dieses exotische Land nicht erwärmen. Es ist kein Ideal, kein, Volksziel. Gut. Aber eine Zuflucht für Tausende und Abertausende könnte schon Uganda sein. Und woher soll das anne Volk die Mittel nehmen, in diesem weit entlegenen Lande unter wilden, primitiven Lebensbedingungen sich einzurichten? Die Reichen l Die Antwort klingt von überall her — sie ist die einzige», die richtige. Es ist kein Almosen — eine Schuld ist es, die sie zahlen.müssen. Sie habea uns für Palästina keinen Heller geben wollen, als wir zu.ihnen kamen und vor ihnen unsere Fahne stolz entrollten. Sie wollten, dass wir unsere Fahne vor ihnen senken, sie wollten stärker sein als wir, als unser Ideal, Und wir wollten von ihnen unter solchen Bedingungen nichts haben. Aber jetzt — jetzt sind es keine Ideale, keine Fahnen — sondern einfache und klare Worte, die wir ihnen sagen: „Das Volk sucht Brot zum Essen, Wasser zum Trinken und ein Bett zum Schlafen." Sind auch dafür unsere Reichen nicht zu haben? <, Täglich kommen Wanderer, Flüchtlinge nach dem Westen. Hinter ihnen das bajonettestrotzende Land im Osten, wo ihre Wiege stand. Die meisten waren für Mukden oder Gharbin bestimmt. Und sie flohen. Es sind nicht bloss Juden, die zur Flucht ihre „Zuflucht" nahmen. Es sind auch waschechte Russen, PoleArmenier u. endlich Juden. Natürlichfallen diese am meisten auf. Das ist schon der jüdische Stern. Scheinbar ein geringes Häuflein im grossen Gedränge der Menschheit und doch immer auffallend, in die Augen stechend. Da stand so eine Partie von Flüchtlingen in einer Synagoge und zitterte vor Kälte und Hunger. Ein in London stabil wohnender Jude aus Russland kam zufällig in die Synagoge und erblickte die Schar der Hungrigen und Frierenden. Und es erwachte in ihm der alte Jude, der Sohn der „Rachmonim Bnej Rachmonim". Er gab einem von den Frierenden ein Kleid, die anderen speiste er. Das Ghetto, das JE&st End erfuhr bald davon und die armen Juden wurden erregt, gerührt. Sie brachten Gaben, sammelten Geld, taten es mit Freude und mit Stolz. Die vierzig Leute, von denen ich gesprochen habe, werden vielleicht schon versorgt sein. Aber was geschieht mit den übrigen, die nach ihnen kommen? Wunder geschehen nicht täglich. Das Rasso-Jewish-Comittee scheint der Aufgabe nicht gewachsen, hat vor allem nicht genug Mittel. Und die „A. J. A." die „Ica" und die „Alliance Israelite"!. Sie tun nach ihrer Meinung, was sie können! Nach ihrer Meinung. Eine kleine Episode, bevor ich schliesse. Als man diesen Juden, von denen ich oben sprach, etwas zu essen gab, wissen Sie, was die taten? Sie gingen in die Synagoge — es war am Samstag — und lernten Talmud! Und die Töne der Gemara glitten traurig und träumerisch durch die Fenster der kleinen Schul, drangen hinaus auf die Strasse und staunten über die Stadt, über den ungeheuren Ozean von Tönen, in den sie kamen. Sie hörten Töne des Jammers und menschlichen Elends. Töne der Freude und höchster Lust und die alles beherrschende Domirante, den Ton des Geldes. — Und die armen Gemaraföne wunderten sich und verloren sich im Ozean. Wird es auch denjenigen so ergehen, die sie sangen? Wer kann es wissen? ' Spectator. Pariser Brief. A b \v c g e der L i e b c . Zunächst .möchte ich Ihnen ein Kuriosnm -mitteilen, das der kleine Liebesgott, der pfeil- und bogenbewehrte, veranlasst hat. Aber vorher will ich mir noch erlauben, eine An frage an Sie zu richten: Was würden Sie sagen, wenn plötzlich Ihr Bürgermeister Dr. Lueger um die Hand einer Jüdin anhalten wollte? " Was würden Sie sagen, wenn Ihr Bürgermeister Dr. Lueger ein leibhaftiges Judenmädcheu, da? vielleicht gar Löwy oder dergl. heissen könnte, heiraten würde? —Ich weiss,. Sie würden gar-nichts sagen, Sie würden sprachlos sein vor unendlichem Erstaunen. Sie würden mit starren, verblüfften Augen auf die Verlobunganzeige schauen und würden sich der Ansieht zuneigen, dass in der Weltordnung eine beträchtliche Schraube locker geworden ist.--Weshalb ich diese.sonderbare Frage an Sie richte? Ich wollte Ihnen die Drastik eines Falles, der sich in jüngster Zeit zugetragen hat, näherrücken;-der Held des Falles ist M ax Kegis. Sie wissen, wer Max Eegis ist. Jeder, der in den letzten Jahren jüdische Blätter gelesen oder gar geschrieben hat, kennt den Namen dieses Herren. Es ist ja so leicht, eine Zeiümgsbeimhmtheit zu werden, wenn man von Zeit zu Zeit einen grösseren Judenexzess arrangiert oder sonstwie seinen Judenhass in explosiver Weise betätigt. Und dieser Beschäftigung hat sich Max Kegis, wie Sie wissen, in Algier reichlich hingegeben. Er hatte sich jahraus jahrein bemüht, das Schosskind der französischen antisemitischen Presse zu werden. Ein helles Leuchten war in Drumonts Augen, wenn er den Namen „Mag Kegis" aussprach.: ein Mfusterjunge, dieser Regis! Wie famos er es verstand, Algier gegen die Juden aufzurühren! Da gab es antisemitische St rassenauf laufe, Plünderung jüdischer Läden, manchmal einen erschlagenen Juden, Hetzversaminlungen, in denen Regis als Brandredner fungierte, Gründung antisemitischer Blätter etc. etc. Und überall, allüberall Max Regis als Regisseur! Er wurde eine Berühmtheit wie Graf Pückier, Kriisehewan, Vergani und die anderen Zunftgenossen. Und jetzt unversehens diese Sensationsnachricht aus Algier, die geradezu märchenhaft klingt: Max Regis heiratet eine Jüdin! Sarah Jais heisst das Judenmädchen, das der Beherrscher aller algerischen Antisemiten zum Traualtar führt. Justament eine Sarah; als sollte schon im Namen das Markante des Falles seine]! Ausdruck finden. Wie seltsam mag es klingen, wenn der Mund, der seit Jahr und Tag nur Verwünschungen gegen alles Jüdische, gegen jede Sarah und jeden Abraham ausstossen musste, in einem holden Schäferstündchen zärtlich flüstert: „Sarah, ich liebe dich!" Und es wird den Erzfeind alles Alt testamentarischen nachdenklich stimmen müssen, dass sich unter seinen nunmehrigen nächsten Verwandten da und dort ein Abraham und ein Isaak findet. Ja, unerforsehlich sind die AYege der Liebe. Wir wollen uns gar nicht der Mühe unterziehen, die „Psychologie" des Bündnisses Max—Sarah zu ergründen, wir begnügen uns mit der Konstat ierung der Tatsache. — Eine ähnliche Verlegenheit für unsere heimischen Antisemiten ist ja in jüngster Zeit — wenn auch unter tragischeren Auspizien — aus dem Liebesleben eines anderen Gesinnungsgenossen hervorgewachsen. Auch die Liebesabwege, auf die S y v e t o n geriet, sind für unsere „Patrioten" und alle, die diesen nahestehen, eine Quelle tiefer Betrübnis geworden. Ueber die „Affäre Syveton" sind Sie aus den Tageszeitungen, unterrichtet — so weit die Zeitungen selber unterrichtet sind. Es ist aber nicht überflüssig, diese neue „Affäre" wohl im Auge zu behalten; denn man kann nie wissen, wo eine solche aus unscheinbaren Anfängen entspringende „Affäre" endet. Gedenken Sie doch gefälligst jener anderen „Affäre", welche auch mit der Stickluft einer