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Die Welt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 53 „bfe * Weit" Seite 7 kerstrafe von nicht weniger als einem Jahr und nicht mehr als fünf Jahren und Geldbussen bis 1000 Dollars mit sich; die gleiche Geldstrafe ist für jeden einzelnen Fall der Einführung eines Kontraktarbeiters zu zahlen. Ein Umgehen des Gesetzes durch den Kapitän eines Schiffes oder einer anderen für den Transport verantwortlichen Person wird mit Geldbussen bis 1000 Dollars oder Kerker von drei Monaten bis zwei Jahren bestraft. Wenn einer mit einer übertragbaren oder ekelhaften Krankheit behafteten Person die Ueberfahrt wissentlieh gestattet wird, so verfällt die Transportunternehmung einer Geldstrafe von 100 Dollars für jeden einzelnen Fall. Der § 11 bestimmt, dass Aerzte des Marinehospitaldienstes der Vereinigten Staaten die Untersuchung der Landenden auszuführen haben. Gegen V e r f ü g u ng en der untergeordneten Ei n w anderlingsbehörden kann an den Com missioner o f Immigration und den Sekretär des Handels und der Arbeit Berufung eingelegt werden. Von Wichtigkeit ist der § 21, nach welchem solche Personen, die im Widerstreit mit den Bestimmungen des gegenwärtigen Gesetzes gelandet wurden, noch drei Jahre nach erfolgter Landung zu deportieren sind. Es sollen, hauptsächlich zu diesem Zweck, Beauftragte des Einwanderungsamtes in den Straf-, Besserungs- und Wohltat igkeitsanstalten der Vereinigten Staaten Erhebungen pflegen. Der § 22 ermächtigt zur Entsendung von Beauftragten desselben Amtes in fremde Hafenplätze. Mit welch drastischen Mitteln die Amerikaner dahin streben, die Beeinflussung ihrer Angelegenheiten durch Fremde zu hindern, geht aus dem § 39 hervor, der für die, welche das amerikanische Bürgerrecht durch Umgehung der in demselben Paragraphen des Einwanderungsgesetzes angeführten Bestimmungen erlangen, eine Kerherstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren festsetzt. (Fortsetzung folgt.) Aus England. Vor einigen Tagen hielt Mr. Chamberlain im EastEnd von London eine grosse politische Rede, in der er seine Fiskalpolitik verteidigte. Warum wählte er gerade EastEnd zu seiner Schaubühne? Warum verliess er seine Lieblingsplätze Manchester, Birmingham, Leeds, Glasgow, warum wendete er den Rücken gerade denjenigen Elementen, die am meisten an der Reform Chamberlains interessiert sind — nämlich den Grossindustriellen und Produzenten — um sich an diejenigen zu kehren, die aus seiner Reform weder Nutzen noch Schaden ziehen werden — an die Arbeiter? Es wäre vielleicht ein politischer Trumpf, es wäre vielleicht eine Aufrollung der Arbeiterfrage in England — wenn . . . wenn es Chamberlain damit ernst meinte. Aber wissen Sie, wie diese Arbeiterversammlung ausfiel? Na, wie soll ich es sagen? Wie eine schlechte Premiere eines reichen Autors. Es heisst, ein grosses Publikum sei herbeigeströmt, das Publikum sei hingerissen worden und habe Beifall geklatscht und wenn doch Zischlaute hörbar wurden, dann beeilten sich die diensteifrigen Freunde, die Sache zu verschönern, zu verhimmeln. So ungefähr war Chamberlains Arbeiterrede inszeniert . . . Zur selben Stunde, auf derselben Strasse, in dem gegenüberliegenden Hause hat jedoch eine wirkliche Arbeiterversammlung, eine sozialistische, stattgefunden — und die war gegen Chamberlain. Aber wir wollen die allgemeinen Punkte seiner Rede hier unerortert lassen, schon aus dem Grunde, weil meine Leser für Fiskalpolitik sich sicherlich nicht interessieren. Ob Balfour oder Campbell-Bannerman, ob Chamberlain oder Rosebery siegen werde, das ist für sie ziemlich gleichgültig. Wenn ich die R?de Chamberlains zu meinem Ausgangspunkte genommen habe, so war es nur deshalb, weil sie einen Passus enthielt, der merkwürdigerweise nicht beachtet wurde. Es handelt sich um die famose Ein wandererfrage. Chamberlain versteht ganz gut, dass sein imperialistisches Pjogramm sich nicht nur auf Schutz vor fremden Waren erstrecke, sondern auch auf den vor fremden Menschen, vor Einwanderern. Die beiden Fragen stehen miteinander in einer notwendigen kausalen Verbindung. Und was sagt er dann: Um den Strom der Auswanderer von unserem Lande abzulegen, müsse man ihnen ein eigenes Land anbieten. Gut. Da3 ist die theoretische Erklärung des Ugandaprojektes. Eine Argumentation, gegen die vom englischen und, wenn Sie wollen, vom jüdischen Standpunkte nichts einzuwenden wäre. Und ich will eine interessante Aeusserung des führenden 1 i b e r a 1 e n Organs „Tne Speaker" anführen. Diese Wochenschrift (siehe Heffc vom 17. d.) sagt : „Wir sind damit einverstanden. Aber worin liegt das Hindernis? Es liegt darin, dass die reichen „Fremden", deren Druck auf Mr. Chamberlains Partei Transvaal in ein „orientalisches Land4 verwandelt hat, sich nun weigern, Mr. Zangwills patriotische Bemühungen zu unterstützen. Möge sich Mr. Chamberlain nicht an Whitechaped, sondern an Park Lane wenden (das aristokratische Stadtviertel, wo die reichen Juden wohnen), möge er ein Amendement vorschlagen bei der nächsten Vorlage der Fremdenbill, dass, falls die armen Fremden ausgeschlossen werden sollten, die Reichen gezwungen werden, ihnen ein Land zu verseh äffen/ Wissen Sie, was liberal im politischen Leben England heisst? Liberal bedeutet nicht das, was man auf dem Kontinent darunter versteht. Liberal ist nach englischer Tradition die politische Lehre, die ihre wirtschaftliche Lehre von Smith und Cobden geerbt, ihre sozialphilosophische durch Mill und Spencer zur Reife gebracht hat. Das ist die Lehre von der möglichst grössten Freiheit des Individuums, seiner Unabhängigkeit vom Staate. Die englischen Liberalen sind gegen jedwede Zwangsmassregel. Und nichtsdestoweniger meint der „Speaker", manmüsste die reichen Juden Englands zwingen, ihren armen, ausgestossenen und ausgeschlossenen Brüder, diesen „out cast", wie das englische Wort so drastisch sagt, ein Land zu verschaffen. Man darf sie zwingen, weil sie, die reichen Juden Englands, vor dem jüdischen Volke ihre Schuld türmen müssen, weil sie den jüdischen Namen nicht zu Ehren brachten. Im Gegenteil. Wenn man die Namen Barnato, Freeman-Cohen und andere mehr oder weniger echt jüdische Namen hört, von denen man, wie der „Speaker" andeuten will, wjsse, dass sie Englan d zum ungerechten, nicht zu rechtfertigenden Kriege mit den Buren getrieben haben, dass sie die Feudalherren der südafrikanischen Republiken geworden seien, wenn man andrerseits in dea „Slams" von London die trostlosen, verwitterten, schmachtenden Gestalten der armen Juden sehe, die die Löhne unterbieten, die um eine Brotkrume tagelang arbeiten, kurz, die neue, desorganisierende Elemente in das geordnete englische Leben hineintragen — wenn man, sage ich — und bitte um Verzeihung für den langatmigen Satz, der doch der „Länge des Golus" nicht gleichkommt — die beiden Pole der jüdischen Gesellschaft betrachtet — dann ... dann könnte man den Antialienisten beinahe recht geben. Die Armen sind an Ihrer Armut und den Schäden, die sie nach sich zieht, nicht schuld. Niemand will arm sein. Zwar gab es in der Vergangenheit, zurZeit der Briten und Pikten, oder zur Zeit von Rabbi Chanina ben Dossa Leute, die arm sein wollten. Heute sind solche Individuen polizeilich verboten. Aber die Reichen — die sind schuldig. Denn sie wollen reich sein und nur auf Kosten anderer. Auf Kosten armer Leute wollen sie sich Paläste bauen, auf Kosten des jüdischen Volkes und seines

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