Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 „bi$ # Welt" Seite 5 Wien oder London? Zur Frage „Wien oder London" („Die Welt" Nr. 48) nimmt der Londoner „Jewish Express" vom 30. November Stellung. Er schreibt in bezug auf die Ausführungen Dr. Deiches' ungefähr folgendes : Es sei unrichtig, dass die Wösten djuden für den Zionismus nicht in Betracht kommen. Wenn es unter diesen noch wenige Zionisten gibt, so müsse man bedenken, dass London diesbezüglich nicht hinter Wien, Berlin oder Paris stehe, wo es unter den Reichen ebensoviel Nicht- oder Antizioni8ten gebe. Umgekehrt seien in England ein Montefiore, Moser, Z angwill gewonnen worden, während in Wien oder Berlin noch keine solchen Juden dem Zionismus beigetreten seien. Es sei ferner unrichtig, dass die Eastendjuden keine bewussten Zionisten sein können vermöge ihres geringeren Bildungsgrades. Im übrigen genüge es ja ein Zionist von «Instinkt" zusein, denn der wahre Patriotismus hänge nicht von hoher Bildung ab. Gebildete Antizionisten gebe es mehr als Zionisten, Wer das patriotische Gefühl nicht besitzt, werde dieses schwerlich auf irgend einer Universität sich aneignen. Die Dienste, die uns die Gebildeten als Zionisten mit ihrer Bildung leisten' mögen grosse sein, aber bei den Massen genüge, wenn sie Gefühlszionisten oder, wie Doktor Deiches sagt, Zionisten „von Instinkt" sind. Auch der Patriotismus anderer Völker entspringt bei den Massen aus dem Instinkt. Dr. De i c h e s meint, dass, weil die Massen instinktiv zionistisch sind, dieselben leicht zu verfahren und für das in England vorherrschende Ugandaprojekt umzustimmen wären. Das Gegenteil ist wahr; gerade diejenigen, die viel „räsonnierten", griffen das Ugandaprojekt auf, während sie dem Gefühle nach für Palästina sind. Gebildete Zionisten, wie Ben-J ehuda, Chasanowitz, Reines, Sir kin? sind Repräsentanten verschiedener Bilducgsrichtungen, die für Ostafrika sind. Es ist überhaupt nicht richtig, wenn Dr. Deiches meint, alle englischen Zionisten wären für Uganda. Das Verhältnis der Ugandisten zu den Palästinensern ist in England kein zahlenmässig stärkeres als in Russland. Dr. Deich es beleidige die Massen, wenn er meint, sie könnten durch eine Rede von einer Richtung zur anderen geführt werden. Dr. D eich es habe vergessen, dass die Londoner Massen standhaft Widerstand geleistet haben, so oft antizionistische Versuche gemacht wurden, im Namen der „Chibbas Zion" sie vom politischen Zionismus abzulenker. Dr. Deiches müsse vorzüglich daran erinnert werden, dass die Eastendmassen nicht niedriger stehen als diejenigen Russlands, Galiziens oder Rumäniens, da ja nicht die ^schlimmsten von den letzteren nach England herüberkommen; im Gegenteil haben die nach England übersiedelten Massen den Vorzug der Organisationsfähigkeil und dergleichen. Dr. Deiches irrt, wenn er meint, die englischen Führer hätten die Ugandakrisis im Zionismus herbeigeführt. Diese hätten es sicherlich nicht gewagt, wenn nicht von Dr. Herzl die Frage aufgeworfen worden wäre. Er irrt ferner, wenn er glaubt, dass die englischen Zionisten blind ihren Führern folgen. Er war lange noch nicht in England, als wir heftig dieselben Mr. Greenberg, Co wen, Gaster und Bentwich aus sachlichen Gründen bekämpften, von denen wir den zwei ersteren jetzt durchaus nicht aus persönlichen Gründen beistimmen, soweit wir ihre Gesinnung, abgesehen von der Ugandafrage, billigen müssen. Zum Schlüsse streift der Autor des Artikels persönliche Fragen, die Dr. Deiches unterlassen habe, auf die wir hier ebenfalls nicht eingehen wollen. K-rg. Berichtigung, Es -ist' nicht wahr, d<tss' ich wider besseres Wissen habe drucken lassen, dass Herr Dr. Kokesch Herd herabgesetzt habe. , - . . Wahr ist vielmehr,- dass ich nur behauptet habe, „die Ausführungen Kokeschs wirken peinlich, weil sie im K f fe k t den einen zugunsten von anderen herabsetzen". Ks ist nicht wahr, dass mein Artikel in. der ^Jüdischen Kundschau^ „wortwörtlich" mit dem-zuvor an die „Welt" gesandten übereinstimmt.;:' Wahr ist vielmehr, dass ich gerade den angegriffenen einleitenden Teil des Artikels gedanklich'umgearbeitet ■'habe, nachdem ich ihn aus Wien ztirückerhielt »und bevor ich'ihn nach Berlin sandte.: So habe ich bei der Umarbeitung besonders deutlich hervortreten lassen, dass ich die Heräbsehung Herzls durch Herrn Dr. Kakesch-nicht beabsichtigt glaube, aber als E f f e k t, als W i r k u n g weiss. Es ist nicht wahr, dass ich darüber aufgeklärt wurde,, dass der Artikel des Herrn Dr. Kokesch „im Effekt den einen zugunsten von anderen herabsetzte". Wahr ist vielmehr, dass-ich in dem Briefe der Redaktion der „Welt", dessen Empfang, nicht aber Inhalt ich bestätigte, darüber Mitteilung erhielt, dass Herr Doktor Kokesch diese Wirkung nicht beabsichtigte. 01k sie trotzdem sieh ergebe, war und bin ich anderer Ansicht als die löbl. Redaktion der „Welt", was ich noch näher in der „Jüdischen Rundschau" zu begründen gedenke. Damit fallen alle Folgerungen des Herrn Doktor Kokesch über meine „Kampfesweise" (?) und meine Waffen" in sich zusammen, insbesondere aber Folgertmgen ■für irgend „ein System", das Herr Dr. Kokesch nicht nennt. Breslau, den;25. Dezember 1904. Hu g o S c h a c h t e 1. * * * . , Alle diese Berichtigungen können nicht die Tatsache iuis der Welt schaffen, dass Herr S e h a c h t c h unseren Brief erhalten hat mit der ausführlichen Aufklärung über seine irrige Auffassung. Das muss er selbst zugeben. Die Wirkung dieser Tatsache kann aber durch einen noch .so lebhaften Handel mit Effekten nicht abgeschwächt werden. Die R e d a k t i o n. Ueber amerikanische und britische Einwanderungsgeselze,*) Von Hans Fehl i n g e r. In den letzten Jahrzehnten ist in den meisten Kulturstaaten Europas eine Tendenz zutage getreten, welche dahin strebt, die Macht des Staates auszudehnen und diesem Aufgaben zu übertragen, denen er früher völlig fern gestanden hat. „Unsere Zeit wünscht eine fortschreitende Sozialpolitik und diese ist nur dann möglich, wenn eine kräftige Staatsgewalt vorhanden ist; die zugunsten' des" allgemeinen Wohles die Freiheiten de* einzelnen zu beschneiden wagt."1) Gerade in den angelsächsischen Ländern haben jedoch die staatssozial istisehen Bestrebungen, nur wenig •Anklang gefunden. Hier wurde und wird zumeist noch gegenwärtig die Freiheit dos Individuums höher veranschlagt als manches Gute, das sich beim Eingreifen des Staates auf diesem oder jenem Gebiete ergeben würde. T)m so auffallender ist eine andere Art der Beschränkung'der absoluten persönlichen Freiheit, welche in eben diesen Län- *) Aus Nr. 10 des .lahrganges III 1er „Pol i 1i's c h - A n t h r o p o 1 o g i s c h e n R evue", Monatsschrift für das soziale und geistige Leben der Völker. Thüringische. Verlagsanstalt, Leipzig. 1) H, E. Ziegler, Einleitung zu „Natur und Staat4', pag. 18.