Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316127--46441-3341295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite t flbie & weit11 Nr. 53 Arbeitskräfte haben, und hätte sieh Herr Dr. Friedemann die Mühe genommen, mit uns in Fühlung zu treten, er hätte gewiss nieine Behauptung bestätigt gefunden. Vier Motive veranlassen Herrn Dr. Friedemann für die Verlegung der Zentrale nach London zu . plaidderea. 1. „Die englische Regierung unterhält lebhafte Beziehungen zur Führung unserer Bewegung." Nicht nur in London. 2. „Dort ist der Mittelpunkt der heutigen Weltpolitik/' Eine Phrase. 3. „Dort besteht eine ernste, gesehäftsmässige, nüchterne Auffassung der Dinge." Auch in Belli n, Köln und Paris. 4. „Dort lassen sich auch fünf Männer rinden, die geeignet sind, die Führung zu übernehmen."-Auch in Wien. Nur muss man sie finden wollen. Fasst man zusammen, was in dem ersten Artikel gegen Wien und für London angeführt wurde, so kommt man zu dem Resultate, dass auch nicht ein einziges ernstes Argument, sondern oberflächliche Betrachtungen, inhaltslose Redensarten und grobe Unrichtigkeiten vorgebracht wurden. Die Folgen blieben nicht aus. Die Diskussion über die angeregte und so brennende Frage war eine äusserst sehwache. Die alte Regel: je schwächer das Referat, desto schwächer die Diskussion. Herr Dr. Friedemann scheint dies selbst empfunden zu haben. Denn er schrieb einen zweiten Artikel, einen Kommentar zum ersten. Hoffentlich wird er sich noch zu einem Kommentar zum Kommentar entschließen. Denn der Kommentar ist unvollständig, oberflächlich, teilweise naiv. Schauen wir uns den Kommentar selbst an, der unter veränderter Spitzmarke „zur Organisationsfrage" (Wien oder London) erschienen ist. Zunächst legt Herr Dr. Friedemann in demselben ein politisches Glaubensbekenntnis ab. in der Politik kennt er kein Sentiment, in der Politik lässt er sich lediglich von Nutzliehkeitsprinzipien leiten. Wenn der leitende Staatsmann des Deutschen Keiehes oder (Trossbritanniens diesem Prinzipe huldigt, lo lässt sich wohl nichts dagegen einwenden. Wenn aber ein Führer der zionistischen Bewegung, die dem Sentiment ihre Existenz verdankt, die durch das Sentiment zusammengehalten wird, das Sentiment aus der Politik eliminieren will,-so heisst das, der Bewegung den Todesstosz versetzen. Das weiss Herr Dr. Friedemann und deshalb verziehtet er nicht ganz auf das Sentiment und konstruiert eine feine Distinktion zwischen Organisation und Führung. »Jene soll ideal sein bis auf die Knochen, diese realistisch bis zur äussersten Nüchternheit. Das heisst Wein predigen und Wasser.trinken, für Palästina agitieren und nach '"Uganda marschieren. Für diese Komödie wird wohl niemand zu haben sein. In merito meint Herr Dr. Friedemann: „Wir sollen nach England gehen, weil wir mit England gehen müssen. Denn England hat nicht nur den redlichen Willen gezeigt, uns zu nützen, sondern verfügt auch über Machtmittel und Einfliiss, um unsere Sache erheblich zu fördern.4" Das ist allerdings ein Argument, welches untersucht zu werden verdient. Es ist richtig, dass England, so lange Josef Chamberlain Kolonienminister war, uns helfen wollte, ich nehme an, dass auch die derzeitige Regierimg uns helfen will, denn sonst wäre die Entsendung der Expedition nach Afrika unerklärlich. Worin bestellt aber die Hilfe Englands? In dem Anbieten Ugandas, und nur darin. Haben wir Englands Angebot angenommen? Formell wohl, wenn auch bedingt, materiell haben wir es abgelehnt. Denn täuschen wir uns nicht, dass die Majorität; welche am letzten Kongress für die Entsendung einer Expedition nach Uganda gestimmt hat, nur zum geringsten Teile aus Ugandisten bestand. Der weitaus grössere Teil der Majorität stimmte dafür, teils aus Artigkeitsgründen, teils weil unser Führer sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für das Projekt eingesetzt hat. Den besten Beweis liefert die Tatsache, dass die Mittel zur Entsendung der Expedition vom Kongress nicht votiert wurden. Wäre die Majorität ugandafreundlich gewesen, dann hätte sie logischerweise auch die Mittel zur Entsendung der Expedition bewilligen müssen. Das ist aber nicht geschehen.' Ergo kann wohl mit Recht behauptet werden, dass das Ugandaprojekt vorläufig als gefallen zu betrachten ist. Doch ich gebe ohne weiteres zu, dass man der entgegengesetzten Anschauung sein kann, dass faktisch eine Majorität für das Ugandaprojekt vorhanden war. Jedenfalls steht aber die Tatsache fest, dass vorläufig England uns mit Uganda und n u r mit Uganda helfen will. Wenn mm Herr Dr. Friedeinann den Sitz cler Zentrale nach London zu verlegen empfiehlt, weil, wie er behauptet, „die politischen Verhandlungen werden in absehbarer Zeit vor allem in London geführt werden", so folgt daraus, dass er Ugandist ist.' Welches sind" aber die Gründe, die er von seinem Standpunkte für London anführt? 1. „Die Unterhändler müssen ein tadelloses Englisch sprechen." Diesbezüglich verweise ich auf die Rede Chamberlains, in welcher er Herzl, der bekanntlich englisch „mit fremdem Akzent" sprach, folgendermassen charakterisierte:'„Ich hatte mehrere Konferenzen mit dem verstorbenen Dr. Herzl, einem Manne, der auf mich den tiefsten Eindruck gemacht hat, ein Mann, dessen Ehrlichkeit, Patriotismus und Geschicklichkeit so gross waren, dass . . Herr Dr. Friedemann unterschätzt einen englischen Staatsmann, einen Staatsmann überhaupt, wenn er annimmt, dass er sich in Staatsgeschäften von äusserlichen Momenten beeinflussen lassen wird. 2. „Wir müssen uns für eine Zeitlang der Politik einer bestimmten Grossmaeht anschliessen, wir müssen mit England gehen und daher unserem Verbündeten ein erhebliches Mass von Freundschaft zeigen." Das grenzt direkt an politischen Grössenwahn. Wrie stellt sich Herr Dr. Friedemann, der in der Politik Eealist zu sein vorgibt, die jüdisch-englische Allianz vor? Und das erste Zuckerl, das er seinem Verbündeten verabreichen will, soll die Etablierung der Zentrale in London sein. Eine homerische Kaivetät. Weiter steht fest, dass der letzte Kongress in zwei Lager gespalten war, in Ugandisten und Niehtugandisten, und dass die beiden/ Eichtungen nach wie vor innerhalb unserer Organisation bestehen. Auf welcher Seite am nächsten Kongresse die Majorität sein wird, weiss man nicht. Jedenfalls muss man mit der Eventualität rechnen, dass die Ugandisten unterliegen können. Ferner ist das .Resultat der Expedition nach Uganda noch gar nicht bekannt, die Expedition ist ja kaum abgegangen. Das Gutachten der Experten kann auch gegen Uganda ausfallen. AVohin mit der -Zentrale, wenn eine der beiden letzten Eventualitäten eintreten wird? Nach London? Was in aller Welt hat das engere A.-C. in London zu suchen, wenn das Ugandaprojekt aus dem einen oder dem anderen Grunde fallen wird? Ergo ist die Diskussion über den Sitz der Zentrale vom Standpunkte der Ugandisten derzeit verfrüht. AVollen die Ugandisten schon derzeit diese Frage ventilieren, so müssen sie sich fragen: 1. AVohin mit dem engeren A.-C. im Falle eines günstigen Resultates der Expedition; 2. wohin mit dem engeren A.-C. im Falle, dass das Gegenteil eintreten sollte, bezw. im Falle, dass sie am künftigen Kongresse in der Minorität bleiben sollten. Ich glaube, man müsse das Thema von einem ganz anderen Gesichtspunkte behandeln, um schon jetzt zu einem einigermassen befriedigenden Resultate zu gelangen. Die diesbezüglichen Ausführungen folgen in einem zweiten Artikel. (Fortsetzung folgt.) Dr. Maximilian Piekarski,