Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 lrbi$ # Welt" Seite 3 Pendant ist zur Lage der rumänischen Bauern, dass sie ein Teil des grossen sozialen Krebssehadens ist, welcher an den Wurzeln des Königreiches frisst. Deshalb verstehe ich nicht, wie Herr Lascar, "anlässlich eines Festessens in Botoschaiii, sagen konnte, dass „die Jndenfrage sich der Lösung nähere". Warum tut sie das? fragte sich Herr Lascar und antwortete selbst: „W eil die Juden jetzt aufgehört haben, üer die G rcnze zu s e h i e- 1 e n und von den fremden Mächten Hilfe zu verlange n." Das ist doch — Demagogie, Herr Lascar! Das ist doch Verdrehung der Tatsachen! Die Juden haben niemals an fremde Mächte appelliert. Dass von Zeit zu Zeit ein rumänischer Jude einen Artikel über die rumänische Judenfrage in einer westeuropäischen Zeitung veröffentlicht, ist doch kein Verbrechen! Das tun z. B. in der „N". F. Presse" regelmässig die Herren C 1 e m e nee a u und Anatole France über französische Angelegenheiten. Das hat sogar ein rumänischer Antisemit und Universitätsprofessor, Herr A. D. Xenopol, vor kurzem getan. Weiss Herr Lascar nichts von den zahlreichen Petitionen, die die Juden im rumänischen Parlamente eingebracht haben, um eine Klärung ihrer Lage zu erzielen? Aber icli mache mich lächerlich. Herr Lascar lacht wahrscheinlich, wenn er sich an seine DigestIonsrede erinnert. Erinnert er sich aber noch daran? Und dennoch hat diese nichtssagende Leerheit eine seltsame jüdische Manifestation gezeitigt. Herr Lascar riet den rumänischen Juden, sie sollen sich künftighin mit ihren Schmerzen an die rumänische Kegierung wenden, und die rumänische Kegierung wird — hm, hm! ■— ihr möglichstes tun. Das hat genügt, damit die jüdischen Reservisten sich zusammentun und eine Organisation zur Lösung der Judenfrage beginnen. Das ist doch, fürwahr, zu viel der Xaivetät. Wer hat denn die jüdische Frage in ihrer letzten, akutesten Form kreiert? Die liberale rumänische Regierung doch! Jedes Jahr hat ein neues Repressionsgesetz mit sich gebracht, jede parlamentarische Session ihren Beitrag zur antisemitischen Gesetzgebung. Man hat ja doch nicht mit einer Partei zu tun, die, jetzt zur Macht gelangt, die traurige Lage der Juden als fait accompli gefunden hat, und von der man hoffen kann, dass sie da eine Aenderung bringen möchte. Sie ist ja grösstenteils das Werk der liberalen Partei, die jetzige Lage der Juden. Und dennoch ist diese jüdische Bewegung einmal da. Xeue Zeitungen erscheinen, alte Reden werden neu gehalten, weise Interviews werden versucht, ein Tohuwabohu wie in den seligen Zeiten des Reservistenrummels. Denn es sind wiederum die Reservisten, die agitieren. Sie wollen — nach dem Rate des Herrn Lascar — ihre Schmerzen der Regierung vorbringen. Man spricht von einer Monstrepetition aller jüdischen Reservisten. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn man in Ruhe und Besonnenheit eine Demonstrationspetition bereiten wollte. Aber ich kenne dich, Jean Bonhomme! Schon sind die Gemüter in Efferveszenz. Bald werden unvorsichtigerweise Reden gehalten, kompromittierende in utile Erklärungen abgegeben etc. Es war schon alles da! Hoffen wir, dass die letzten Jahre die Juden weiser gemacht haben. — und männlicher. Die Nüchternheit ist die beste Beraterin und vielleicht wird die Nachrieht, die ich dem ,,Adevei'ula vom 15. Dezember entnehme, zur Ernüchterung der Herren etwas beitragen. Trotz der Lascarschen Rede (oder vielleicht ihretwegen) vertreibt der Bacauer Präfekt Herr Lceca die Juden aus den Dörfern seines Distriktes. Die Handhabe dazu bietet ihm das neue Landgememdengesetz, von welchem ich seinerzeit in der „Welt" gesprochen habe. Wie erinnerlich, verlangt dieses Gesetz von den „Fremden" — hm, hm! — die in den Dörfern Avohnen, dass sie eine Autorisation des lokalen Gemeinderates besitzen. Die Autorisation nruss, damit sie etwas wrert sein soll, die Approbation des Herrn Präfekten besitzen und seine Approbation natürlich jene des Ministers des Innern. Dieses Gesetz — nur als Folie sei es bemerkt — sollte die Auto n o m i e der Gemeinden gegen die beamtliche Willkür schützen! Auch aus anderen Distrikten kommen Klagen über die neuen Judenaustreibungen. So in Tecnci, Neamtz, Tutova etc. Die Reservisten werden aber bei dieser Gelegenheit nicht milder behandelt als die Witwen und Greise. Dr. Th. Plebe. P. S. Ich hätte beinahe vergessen: Das neue Landgemeindengesetz ist das Werk des Herrn — Lascar. Zur Organisationsfrage. Die zukünftige Leitung der Bewegung. I. Herr Dr. Adolf Friedemann hat in zwei in der „Welt" publizierten Artikeln zur Frage der zukünftigen Leitung der Bewegung bezw. des Sitzes des zukünftigen engeren A.-C. Stellung genommen. Betrachten wir zunächst seinen ersten Aufsatz, der unter der Spitzmarke „Die zukünftige Leitung der Bewegung" in Nr. 45 der „Welt"*erschienen ist. Vier Gründe bewegen Herrn Dr. Friedemann, den bisherigen Sitz der Zentrale zu verlegen. 1. „Wien hat lange aufgehört, einer, der Orte zu sein, in denen die europäische Politik gemacht wird." Gründe werden nicht angegeben, Beweise nicht angeführt, ergo eine leere Behauptung. Dann ist gar nicht einzusehen, warum der Sitz des engeren A.-C. an einem Orte sein müsse, wo europäische Politik gemacht wird. Mir ist ein tüchtiges A.-C. mit dem Sitze in Samter oder Kogasen entschieden lieber als ein weniger tüchtiges mit dem Sitze in London oder Berlin. Gibt es überhaupt einen Ort, von dem man sagen könnte, dass dort und nur dort europäische Politik gemael)t w i rd? Di e eu ropä i seh e Politik wird heute hier, morgen in Berlin und übermorgen in Petersburg gemacht. Vorausgesetzt, dass es überhaupt eine europäische Politik gibt, und wird Herr Dr. Friedemann die Antwort auf die Frage, was denn eigentlich europäische Politik sei, sicherlich schuldig bleiben. „Der Ort, an dem sich die Leitung unserer Bewegung befindet, muss eine dem Zionismus zuneigende Bevölkerung haben." Warum? Eine den Zionismus, zuneigende Bevölkerung wird sich naturgemäss unserer Sympathien erfreuen, wo sie auch immer sein mag. Unerklärlich aber bleibt die Behauptung von der Notwendigkeit des Bestehens einer solchen Bevölkerung am Sitze unserer Zentrale. 8. „Der Ort, an dem sich die Leitung unserer Bewegung befindet, muss eine von der Wiener „Gemütlichkeit"' recht verschiedene Stimmimg haben." Warum? Und woher weiss Herr Dr. Friedemann, dass man in Wien so gemütlich ist? Es diene Herrn Dr. Fricdemann zur Kenntnis, dass derzeit die Wiener Gemütlichkeit den Fremden als Antiquität in Karitätensanimlungen gezeigt wird. 4. „Wien, ist arm an tüchtigen Arbeitskräften." Wenn ein Arbeiter von einem anderen Arbeiter behauptet, er sei keine tüchtige Arbeitskraft, so muss entweder die besondere Tüchtigkeit des Behauptenden ausser Zweifel stehen oder es liegt in seiner Behauptung eine Ueberhebung seiner selbst und eine kühne Anrempelung des anderen. Kaehdem mir, Wiener, Zionisten, bisher die besonderen Fähigkeiten des Herrn Dr. Friedemann unbekannt sind, obgleich ich des örteren Gelegenheit hatte, ihn, sei es mittelbar, sei es unmittelbar, an der Arbeit zu sehen, so nehme ich das letztere an. Tatsache ist, dass wir in Wien ausserordentlich tüchtige