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Die Welt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seile 2 „bie * weit11 Nr. 53 am 6. September), Mohilew, Bychow, Gorki, Mstislaw (zwischen 10. und 13. Oktober), in weniger heftiger Form in Bohuslaw, Smolensk, Witebsk, Tsehaussy und in den meisten Städten und Städtehen des Mohilcwer Gouvernements ab. Und das geschieht zur selben Zeit, da in den russischen Pressorganen, deren Spielraum auf einige Zolllängen erweitert worden ist, in allen Tonarten von einem anbrechenden Frühling gesungen wird. Man träumt da von konstitutioneller Freiheit, von einem System des Vertrauens in die gesellschaftlichen Kräfte des Landes; man stürmt und wettert in heftigster Weise gegen die niedere und höhere Bureaukratie und beim Anbruch diesem schönen, so laut und hoffnungsvoll sich ankündigenden Tages für die unzähligen Millionen der russischen Bevölkerung ist es düster und stockfinster auf der jüdischen Strasse! Das Klirren der zerschlagenen Fensterscheiben, das geräuschvolle Einbrechen von Türpfosten in den armseligen Krämerbuden und Hütten, das vandalische Ausplündern und Zerstören des jüdischen Gutes, dies alles scheint gar nicht aufhören zu wollen; dabei bleibt sogar die ununterbrochene ökonomische Krise ganz ausser acht, ebenso die fortwährend andauernde ziel- und planlose Flucht von Zehntausenden nach sämtlichen Windrichtungen des Horizonts, das Steigen der Arbeitslosigkeit und damit der einfachen Hungersnot in den breiten Schichten der jüdischen Masse .... Wie lässt sich überhaupt der jetzige Ausbruch der judenfeindliehen Krawalle, die offiziell allzu bescheiden als Unruhen gekennzeichnet werden, mit den Frühlingstagen des liberalen Zeitabschnittes in Einklang bringen? Die Schroffheit des Gegensatzes ist augenscheinlich. Die Erklärung dieser widersinnigen, jeder gesunden Logik gänzlich hohnsprechenden Erscheinung muss tiefer als in persönlichen '.Neigungen und Sympathien gesucht werden. Wenn das russische Kiesenreich rein autokratisch verwaltet zu werden scheint und als Regierungspolitik diejenige gilt, die sich mit den Intentionen des zeitweiligen Ministers deckt, so mag. dies äusserlieh, formell, zutreffend sein, tatsächlich ist es aber kaum so. Die Leitung der Politik eines solchen Riesenreiehes übersteigt die Kräfte eines einzelnen Mannes, mag er der tüchtigste und der genialste sein. Audi hier unter dem dicken, alles überziehenden autokratischen Pimiss gibt's eine ganze Reihe von gesellschaftlichen "Abstufungen und Schattierungen, von der äussersten Rechten beginnend bis an die radikale Linke streifend. Hier ist es zwar schwer, von bestimmten Parteibildimgen und von organisierten gesellschaftlichen Teilungen mit festen, ausgebildeten politischen Programmen zu sprechen, aber die regierenden Machthaber des heiligen Russland werden doch von gewissen Gesellschaftskreisen sehr stark beeinflusst. An der Existenz der verschiedenen Richtungen der gesellschaftlichen, einflussstarken Kräfte ist ebensowenig zu zweifeln wie in jedem beliebigen politisch freien Lande. Hier wie dort ringen die verschiedenartig gesinnten Gesellscbaftsparteien miteinander. Der Unterschied steckt nur darin, dass der Kampf der gesellschaftlichen Strömungen nicht im Lichte der Oeffentliehkeit unter der wohltuenden Aufsicht der grossen Massen der Parteigänger sich abspielt, sondern in finsterem Dunkel der Intriguen unter Ausschluss der Oeffentlielikeit geht die allmähliche Differenzierung in verschiedene Parteirichtungen vor sich. Tn allen 'Kreisen aber sickert allmählich die Erkenntnis der Unerlässliehkeit der Einführung neuer Lebensformen und der unbestreitbaren Ueberlegenheit der modernen europäischen politischen Einrichtungen durch. Dieser Kampf der verschiedenen Richtungen brachte es dazu, dass auch hier, in dem tief gesunkenen, im Dunkel des Analphabetentums verkommenden Lande zwei gegenüberstehende Parteirichtungen sich ausgebildet haben:.die eine die der russischen Sammlungs- und die andere die der liberalen Semskapartei. Die erste tritt energisch für die Aufrechthaltung der existierenden Ordnung, -der Russifizierung der fremdnationalen Elemente der sogenannten „Andersgläubigen", der dominierenden Bevorzugung der griechisch-katholischen Kirche, der Unantastbarkeit und unbeschränkten Selbstherrschaft und für die Ausrottung des revolutionierenden Liberalismus ein. Diese russische Partei hat sich in den letzten Jahren fest organisiert, hat in vielen Orten Filialen und Vertrauensmänner verfügt scheinbar über bedeutende materielle Mittel und steht, wie aus sicheren Quellen verlautet, in intimer Fühlung mit der politischen. Polizei Russlands. Diese Gesellschaftsrichtung ist zweifellos viel einflussreicher als etwa die konservativ-antisemitische Partei Deutschlands, Oesterreichs und anderer konstitutioneller europäischer Länder und sie ist es, die die inneren Fäden der Politik der Krawalle in ihren Händen festhält. Sie bemüht sich, der Welt zu zeigen, dass die breiten Volksmassen gegen den verderblichen Liberalismus sind und gegen jede judenfreundliche Politik. Sogar Fürst Mirsky selbst musste der Deputation der Petersburger Grossjuden mit Wehmut klarmachen, dass „sein Ideal in der vollständigen E niäuzip a t i o n der Juden besteht, dass er aber i m g e g e n w ä r t i g e n M o m e n t nichts z u g u n s t e n der Juden unternehmen k ö n n e". Die Deputation hat leider dem jüdischen Publikum nicht die ganze Wahrheit mitgeteilt, indem sie nur den ersten halben Satz veröffentlicht und die zweite Hälfte v e r s c h w i e g e n h a t. Und welche Moral können wir Juden Russlands aus dem Entwicklungsgang der zeitgenössischen Geschichte ziehen? Darüber ein zweites Mal. L—ncL Herr Lascar und die rumänischen luden. Herr Lasear ist Minister des Innern in Rumänien. Ein heikler Posten, bekanntlich. Er soll ein rechtschaffener Mann sein, arbeitsam und ehrlich, sagt man mir. Ich will es nicht bestreiten. Was er sich aber in den letzten Wochen in der jüdischen Frage geleistet hat, gehört nicht zu seinen Ruhmestaten. Verdächtigungen und leere Phrasen hat man in dieser unglücklichen Frage bereits genügend ausgestreut — war es denn notwendig, dass auch Herr Lascar mit solchen „Taten" kommen musste? Die Judenfrage in Rumänien, ist dank der weisen Politik der meisten bisherigen Staatsmänner zu einer Judenplage geworden. Eine Plage für die rumänischen Juden, eine Plage für den rumänischen Staat. Man kann in einem so kleinen und zurückgebliebenen Lande; wie Rumänien, nicht ungestraft (man könnte es auch in den grössten Ländern Europas nicht) 250 000 Leute andauernd unter Ausnahmegesetzen halten. Und wenn diese Viertelmillion Leute zu den vorgeschrittensten und nützlichsten Bewohnern des Landes zählt, dann ist dieses Vorgehen der rumänischen Politiker ein Selbstmord. Die Juden in Rumänien sind im Laufe der Jahre zu recht- und schutzlosen Parias heruntergedrückt worden. Ihre Existenz in Rumänien ist eine lange Agonie. Und das ganze Land spürt das: das Königreich Rumänien verblutet an der Judenfrage. Ein rumänischer Politiker, der ehrlich etwas für die rumänischen Juden und das rumänische Land tun wollte, müsste das einsehen. Er müsste sehen, dass die Lage der Juden in Rumänien ein

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