Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316126--46423-3341276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 52 „wt * weit" Seite 7 einen kleineu Traum zu erzählen, in dem einst ein neckischer Kobold mit mir sein nicht ganz witzloses Spiel trieb. Es war zur Zeit, als das „historische Recht" ein Sehlagwort des Tages geworden war. Da träumte mir einmal, dass ein ebendamals, in den ersten fünfziger Jahren, nicht selten genannter Eedner in einer Volksversammlung mit grossem Pathos perorierte und folgendes zum besten gab: „Unsere erste Aufgabe ist es, überall das Recht herzustellen. Und Recht bleibt Recht, mag es auch schon vor Jahrtausenden gebeugt worden sein. So liegt uns denn die Pflicht ob, Aegypten den Persern zurückzugeben. Hat doch Kambyses Aegypten erobert, und Recht bleibt Recht usw. usw." Mir will die zionistische Bewegung, von der George Eliots „Daniel Deronda" vor zwanzig Jahren den ersten Vorgeschmack gab, in keinem ernsthafteren Licht erscheinen. (S. 196.) Kambyses und die Juden! Die Methode, durch einen solchen Parallelismus den Zionismus ad absurdum zu führen, ist fürwahr nichts weniger als eines Philosophen würdig. Um mit solchen Waffen zu kämpfen, muss man nicht erst bei J o h n Stuart M i 11 in die Schule gehen! Es ist seinem Empfinden und Denken unfassbar, dass Menschen, die samt ihren Vorfahren sich seit Jahrhunderten als Deutsche, als Franzosen, als Engländer, als Italiener oder als Ungarn gefühlt, die an der Kultur dieser Länder ebenso sehr gebend als empfangend ihren vollen Anteil gehabt, die auf Schlachtfeldern wie auf Barrikaden mit Begeisterung für ihr Vaterland oder ihre Ideale gestritten haben — class all diese nunmehr das Bedürfnis empfinden, sich aus ihrem alten Kulturboden loszureißen, um einen seit Jahrtausenden abgerissenen historischen Faden wieder aufzunehmen und wciterzuspinnen. Hat Gomperz denn aber nie etwas davon gehört, dass dieses Bedürfen nicht dem eigenen Triebe, sondern der dira necessitas entsprang? Dass der beste Mensch nicht im Frieden leben kann, wenn es dem bösen Xaehbar nicht gefällt? 0 ja, er weiss, dass es nicht blosser Mutwillen ist, der diese Bewegung hervorgerufen hat; er ist sich dessen bewusst, dass sie der Widerhall jener anderen Bewegung ist, welche „die im besten Gange befindliehe Verschmelzung" in verhängnisvoller Weise unterbrochen hat. Aber er findet ein Haar in der Suppe, er ist davon durchdrungen, dass dieser Widerhall im Zionismus über Gebühr gesteigert ist. So kann indes nur einer sprechen, der von der aller Beschreibung spottenden Judennot keine Ahnung hat — ein weltentrückter, ein beschauliches Leben führender Philosoph, an den diese Not nicht heranreicht. Wer Augen hat, um zu sehen, dass es im zwanzigsten Jahrhundert in Europa Völker gibt, welche mit den Juden umspringen, wie die alten Griechen mit den ßapßapoi wird und kann es nicht übers Herz bringen, uns akademisch, von oben herab Gemeinplätze zu dozieren, wie: „Alles, was die Menschen unterscheidet, scheidet sie auch . . . Daraus folgt, dass man es zu vermeiden hat, durch voll i g e n t b e h r - liehe, keinem heilsamen Zweck dienende Trennungszeichen innerhalb der G e s e 11 - schaft Scheidewände aufzurichten u n d gleichsam die E e i b u n g s f 1 ä c h e n o h n e Not zu vermehrend (S. 198.) Da müssen wir denn doch höflich, aber aufs entschiedenste deprezieren: Die zionistischen Sonderbestrebungen sind, wie gesagt, durchaus nicht vom Zaun gepflückt, sondern das Produkt der aufs höchste gesteigerten, fast nicht mehr zu überbietenden Not, die uns in Ost und West zu erdrücken droht. N"ieht wir stempeln uns mutwillig zu Fremden, die Gesellschaft, die Regierungen, die Behörden haben uns das Brandmal rechtloser Fremder aufgedrückt. Wir Juden haben es endlich, Gottlob, verlernt, zu resignieren, uns wie Lämmer zur Schlachtbank führen zu lassen. Wir fühlen uns und wehren uns darum. Der jüdische Michel ist aus seiner Lethargie erwacht, er hat sich gefunden und wird nicht ruhen, bis er sieh einer öffentlich und rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina orfreuen wird, in der ihn niemand daran hindern wird, Mensch zu sein. Verächtlich ist das Volk, das nicht sein Alles setzt an seine Ehre und, die Zeitumstände gebieten uns auch, dieses Wort hinzuzufügen, an seine wirtschaftliche Existenz. Gomperz war nicht gut beraten, da er sich über sein Judentum nicht ausschwieg und seinen „Essays und Erinnerungen" die Blätter über den Zionismus einverleibte. B. Jakob s. Aus einer geheimen Sitzung des Lemberger Gemeinderates. Auf der Tagesordnung stand die Besetzung des Leiterpost ens an der Czackischule, die von der Kommune erhalten und ausschliesslich von jüdischen. Schülern besucht wird. Ursprünglich war auch diese Sehlde durchwegs mit jüdischen Lehrkräften besetzt. Später begann eine Entjudiuig des Lehrpersonals und seit LSJJ-Ihat -chon rie Schule einen christlichen Leiter. Nun war jetzt der Leiterposten an dieser Schule wiederum zu besessen und es bewarben sich, um denselben drei hinreichend qualifizierte jüdische Kandidaten. Ihre Bewerbung ist aber nicht einmal ernstlieh, in Erwägung gezogen worden. Der Bezirksschulrat hat ohne Rücksicht auf die jüdischen Bewerber einen christlichen Kandidaten dem Gemeinderate zur K rnen nung vorgesehlagen. Bei der Gemein deratssitzung geschah aber das grosse Wunder, dass die Genieinderäte Dr. Lilien und Dr. Kucker. zwei unverfälschte Polen mosaischer Konfession, die Frage prinzipiell, behandelten und für die Besetzung des Postens durch einen jüdischen Kandidaten plaidierten. Hierüber war der Gemeinderat ganz konsterniert. Von dieser Seite hat man ein derartiges Verlangen gar nicht erwartet. In der Verlegenheit sahen sieh die Herren um nach allen Richtungen, üeberall herrschte ein beredtes Schweigen. Die Wahrheit einzugestehen, dass man einen Juden als Schulleiter nicht haben will, sind die1 Herren zu Feige. Sie suchte]! daher nach allerlei Ausreden, den Vorgang des Bezirksschulrates zu beschönigen. Es half aber nicht, denn Lilien und Rucker beharrten bei ilirer Meinung. Endlich hatte der liebe Gott Erbarmen mit den Herren Genieinderäten und sandte ihnen einen Rettungsengel: Seine Ehrw. Rabbiner Dr. Caro erklärte, dass er auf einen jüdischen Schulleiter in der Czackischule gar nicht reflektiere. Die Situation war gerettet. Ein freundlicher Blick seitens der antisemitischen Gemeinderäte lohnte die schone Tat des Lemherger Seelsorgers. X, Y. Krakauer Brief. Der Zionismus fasst bei uns immer mehr Fuss und erobert sich überall Sympathien oder Anerkennung. Krakau — bis vor kurzem noch die Veste der Assimilation — durchzieht ein neuer belebender Hauch der nationalen Begeisterung. Eine imposante Manifestation dieses neuen Geistes war die am 12. d. M im polnischen Nationaltheater abgehaltene Makkabäerfeier. Es war in der Tat eine Manifestation einzig in ihrer Art. Von den Brettern, „die die Welt bedeuten", drang es laut und off>n in den Saal, was wir wollen und was unser Herz bedrückt. Und vom Parkett und den Galerien kam es potenziert zurück: helle Begeisterung und stürmische Sympathiekundgebungen für den Zionismus. Wie viel Laue und Indifferente werden da wohl mitgerissen worden sein und wie viel Missverständnisse bei den massenhaft anwesenden Polen zerstreut! Und das Verdienst, dies bewirkt zu haben, darf wohl in erster Reihe der Festredner des Abends, unser wackerer Gg. Leo Reich aus Lemberg, für sich in Anspruch nehmen. In

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.