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Die Welt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bie * w^it" Nr. 52 um den Wortlaut des Statutes und nicht um die faktischen Verhältnisse. Dass tatsächlich jemand anderer als Doktor Herzl hätte gewählt werden können, ist Dr. Kokescli nicht eingefallen, von ihm auch mit keinem Worte angedeutet worden. „Wenn man hätte wollen, hätte man auch einen anderen wählen können." Das Statut wäre seinem Wortlaut nach kein Hindernis gewesen. Daraus folgerte Doktor Kokeseli, dass unser Statut nicht auf den Leib Dr. Hcrzls zugeschnitten sei, also jetzt auch nicht geändert werden müsse. Ob diese Ansicht stichhältig sei, darüber will ich mich gar nicht äussern, wohl aber richtigstellen, dass mit diesen Ausführungen eine Herabsetzung Dr. Herzls nicht beabsichtigt war und auch nicht daraus gefolgert werden konnte. Uebrigcns ist es mehr als merkwürdig, wenn Sie annehmen, dass ich, so lange ich in der Redaktion der „Welt" sitze und mit ihrer Leitung betraut bin, irgend welche Herabsetzung Herzls in diesem Blatte — und käme sie von wem immer — zulassen würde." Herr Schachtel bestätigt diese Zuschrift mit Brief vom 2S. November a. c. Nachdem Herr Hugo Schachtel diese Aufklärung erhalten und bestätigt hat, lässt er seinen Artikel mit dem zitierten Absatz wortwörtlich in der Nummer 49 der „Jüdischen Kundschau" vom ih Dezember 190-1 erscheinen. Die Leser mögen mich enschuldigen, wenn ich in dieser zum Teil persönlichen Sache das Wort ergriffen habe. Es lag in der Konstruktion des Herrn Schachtel zumindest der Vorwurf der Taktlosigkeit, wenn ich als einer der ältesten Mitarbeiter Herzls ihn kurz nach seinem Tode in dem von ihm gegründeten Blatte angegriffen oder herabgesetzt hätte. Das konnte ich auf mir nicht sitzen lassen. Wie übrigens das grosse unvoreingenommene zionistische Publikum meine Organisationsartikel aufgefasst hat, soll eine von den Zuschriften zeigen, die ich anlässlich der Veröffentlichung dieser Artikel erhalten habe. Ich zitiere eine Zuschrift gerade aus Deutschland, von ganz objektiver Seite, weil von einem Manne herrührend, der ausserhalb des Parteigetriebes steht und den ich persönlich nicht kenne. Diese Zuschrift lautet: „Herrn Dr. 0. Kokescli per Adresse Redaktion der „Welt"' Wien. IX., Türkenstr. <>. Freiburg i. B., 5. XL 04. Sehr geehrter Herr Doktor! Gestatten Sie einem Xichtjuden, clor aber regen Anteil an der zionistischen Sache nimmt, Ihnen seinen Beifall v.u Ihrem Artikel „Zur Organisationsfrage" in Xr. 45 der ,,Weltu auszusprechen. Mögen die nervösen Geister innerhalb Ihrer Bewegung bescheiden Bismareks Wort befolgen: ..Quieta non movere^. Grosse Neuerungen müssen sich langsam, harnionisch entwickeln, und nur ein Ihrem Herzl ebenbürtiger Geist wird das Hecht haben, dereinst wieder mit dem festen Griff des Genies in das Triebwerk zu greifen. Mögen dem Zionismus die rechten Männer, möge ihm die rechte Einheit gegeben werden! Hochachtungsvoll F. Heidner/' Glaubt Herr Hugo Schachtel, dass dieser Mann mir in dieser Weise geschrieben hätte, wenn er nur die leiseste Andeutung einer Herabsetzung Herzls in meinem Artikel gefunden hätte? E i n Trost kann aus dieser Kampfesweise geschöpft werden: Es muss um ein System schlecht stehein, für welches man mit solchen Waffen kämpft. Dr. Koke&ch. Theodor Gomperz über den Zionismus. Theodor Gomperz erzählt in seinen eben erschienenen hochinteressanten „E r i n n e r u n g e n" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt), dass er bis zu seinem dreizehnten Lebensjahre, dem Beispiele des Vaters folgend, beinahe mit Fanatismus an den religiösen Observanzen festgehalten habe. Der Bruch mit diesen erfolgte, als er Bar Mizwa wurde. Er erfolgte unter den Auspizien seines Lehrers Thomas Franz Bratrane k, eines Chorherrn des Augustinerstiftes zu Altbrünn. Er war es, dessen Unterricht den Knaben begeistert, der ihm zuerst weite Horizonte eröffnete und ihn in philosophisches Denken eingeweiht hat, obgleich er dem, von ihm gehegten Hegelianismus von allem Anfang an niisstrauisch gegenüberstand. Auch mag der Grossvater von mütterlicher Seite, Lazar A u s p i t z, der mit allem religiösen Eitual und Zeremoniell vollständig gebrochen hatte und bei seinen seltenen Besuchen der Synagoge, statt zu beten, in einer Naturlehre las, auf den Enkel abgefärbt haben. Als Gomperz seine Universitätsstudien abgeschlossen hatte, war die Konkordatszeit angebrochen. Obgleich diese den Juden die Laufbahn des Hochschullehrers verschloss, blieb er doch dem Glauben seiner Väter treu. Er hielt es für eine Ehren- und Gewissen ssache, der angestammten Beligion nicht den Kücken zu kehren. Ausserordentlich unangenehm berührt es uns, dass er jetzt von dieser Ansicht abgekommen ist. Es gibt uns einen Stich ins Herz, wenn wir auf Seite 24 lesen: „Dennoch hielt ich es, w i e ich jetzt g 1 a u b e, m i t TT n r e c h t, für eine Ehren- und Gewisseiissache, der alten Religionsgemeinschaft nicht zu entsagen, und versperrte mir damit für lange Zeit den Weg zu gedeihlicher Wirksamkeit." Wir sind durch diese Aeusserung um so schmerzlicher enttäuscht, als sie im Grunde genommen der Logik einen Faustsehlag versetzt. Es ist mir ein Rätsel, wie der ausgezeichnete Denker, der zwischen Sein und Schein, Wesentlichem und Unwesentlichem sonst so streng unterscheidet, um der religiösen Observanzen willen sich dem Judentum völlig entfremden, das Kind mit dem Bade ausschütten konnte. Das Judentum fällt beileibe nicht mit der um dasselbe gezogenen Hecke, das ist vielmehr, um mit Hermann Cohen zu sprechen, der ewige Sinn des geschichtlichen Judentums, dass es sich nicht in Formen festbannen und festgraben lässt, die geschichtlich entstehen und ebenso vergehen, sondern dass es an die Ideen glaubt, als an die Quellen seiner Kraft, und an deren unerschöpfliche Bedeutung und niemals versagende Fruchtbarkeit. Einem Manne, der mit dem Judentum im Handumdrehen fertig wird, muss selbstverständlich Sinn und Verständnis für den Zionismus abgehen. Er kann die Triebfeder desselben nicht begreifen, den Weg zu seiner Wurzel sich nicht bahnen. Gomperz' Verdikt über die herrliche Bewegung ist geradezu typisch. Es geht ihm mit dem Zionismus, wie so vielen anderen unserer Glaubensgenossen, die über ihn den Stab brechen, ohne sich die Mühe genommen zu haben, ihn kennen zu lernen, sich in unseres unsterblichen Führers „Jiidenstaat" zu vertiefen. Es genügt ihm, ihn vom Hörensagen zu kennen. Ist es unter diesen Umständen zu verwundem, dass er sich ihm gegenüber zu sehr als ein Meister Anton fühlt, der die Welt nicht mehr versteht, um sich darüber anders ergehen zu können als in Naturlauten der Verblüffung? Es macht auf uns den Eindruck eines schlechten Witzes, wenn er geistreicheind bemerkt: „So weit also wäre es gekommen! Der Strom der Geschichte, so fordert man ernsthaft, soll zu seiner Quelle zuriiekfliessen. Gestatten Sie mir, Ihnen *) Der betreffende Aufsatz ist erstmals nach dem Erscheinen des „Judenstaates" in der Wiener „Zeit" veröffentlicht worden*

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