Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bie # weit11 Nr. 52 einer einstündigen, von echter Begeisterung getragenen, formvollendeten Rede verstand es derselbe, die überaus zahlreichen Anwesenden zu lauten Kundgebungen für den Zionismus herauszufordern. Vom Begriffe der „Idee44 und ihrem Verhältnis zu den vergänglichen Menschen ausgehend, zog er eine Paralelle zwischen den Polen und den Juden, zwischen den ideellen Bestrebungen beider Völker und versuchte es zu beweisen, um wie viel unglücklicher die Juden wären. Und dennoch verzweifeln wir nicht, denn Resignation sei in so einem Falle nur Anteil der Zwerge und der vom Krämergeist Angekränkelten. Wir kämpfen um unsere Ehre und die Zukunft des jüdischen Volkes und wollen nicht verzweifeln. Und wenn alle Mittel vergebens wären, so bleibt uns doch das gewisse Etwas, das man die kinetische Energie eines leidenden und hoffenden Volkes benennen kann und dessen Kraft unberechenbar sei. Viele geknechtete Völker v?rdanken dieser Energie ihre Freiheit, auch wir werden sie erlangen. Unsere Bestrebungen werden von den Polen missverstanden und sicher nur deshalb bekämpft. Der Zionismus bezwecke nicht den Kampf gegen die Polen, er verteidige nur die lange getretene Ehre und die Rechte des jüdischen Volkes. In friedlichem Zusammenleben mit der polnischen Nation wolle das jüdische Volk vorerst für sich selber sorgen, denn demjenigen, der an sein eigenes Volk vergisst, könne man schwerlich ehrlichen Willen zum Kampfe für das Wohl eines fremden zutrauen. Im Gegenteile! . . . Die Scnlussworte, in denen Redner in effektvollen Bildern die Leidensgeschichte Israels vorführte, trotz deren Israel lebt und leben wird, riefen einen unbeschreiblichen Beifallssturm hervor. Ja, das sind die Stürme, die wir von der „Wind-Saat* ernten! Der Vorhang ging auf. Eine weite schneebedeckte Fläche unter bleiernem Himmel. Eine Gruppe von Juden aller Stände schreitet stumm und traurig einher. Emigranten. Die Not treibt sie, das Unglück verfolgt sie und sie wandern ziellos. Voran ein Greis, von Gram gebeugt, ihm folgen Männer, Frauen und Kinder. Resigniert, traumverloren .. . Man glaubte sich in die Wirklichkeit versetzt, denn nur zu oft bekommen wir in letzter Zeit solche Bilder zu sehen. Und das war auch ein „lebendes Bilda nach Hirszenbergs neuestem Gemälde „Golus". Man stelle sich die Szenerie vor in greller Beleuchtung, unter dumpfen Musikklängen und man begreift dann den tiefen Eindruck, den dieser Abend auf die Gäste gemacht hat! Vom Programme verdienen noch hervorgehoben zu werden : die Gesangsproduktionen des „Schir", die Violinvorträge des Prof. Wolfsthal (Lemberg), Gesangsvortrag des H. Klekko (Warschau) und die Vorlesung der Herzl'schen „Menorah" von Dr. G o 111 i e b. Der Saal war vollgedrängt. Das Interesse für den Abend war sehr gross. Es waren viele Polen, Universitätsprofessoren, Geistliche, Akademiker etc. anwesend. Maler Hirszenberg war Gegenstand begeisterter Ovationen. Die polnische Presse hat die Feier totgeschwiegen» Freilich, nicht jedermann verfügt über die Charakterstärke eines Bileam! Das Krakauer Distriktskomitee respektive der akademische Verein „Przedswit", die Veranstalter der Feier, verdienen volles Lob für ihre Leistung. Z. w Aus Russland, Hornel. Je mehr der Prozess gegen die Veranstalter der blutigen Judenexzesse sich seinem Ende nähert, desto klarer treten die verabscheuungswürdigen Umstände hervor, unter denen die Abschlachtung hilfloser Juden und Jüdinnen am hellichten Tage und vor den Augen der Polizei und des Militärs möglich werden konnte. Die Tatsachen, welche der Prozess zutage gefördert hat, riefen in ganz Russland die tiefste Empörung hervor. Diese Tatsachen haben unwiderleglich bewiesen, dass die zum angeblichen Schutze der Juden ausgerückten Truppen und Polizisten nicht nur die Plünderer an ihrem Vernichtungswerke nicht gehindert, sondern aktiv eingegriffen haben, um selbst die zutode erschrockenen Juden zu misshandeln.. Die Zeugenaussagen in dieser Beziehung übten auf den durch und durch artisemitischen Gerichtshof nachhaltigen Eindruck. Das dreizehnjährige Mädchen Rod in sagte unter grosser Spannung des Auditoriums aus, dass sie am ersten Tage der Exzesse mit eigenen Augen sab, wie ein Offizier auf den schrecklich misshandelten bewusstlosen Juden Dawidow mit dem Säbel hieb und ihn derart zurichtete, dass er auch bald darauf starb, . . Die gerichtliche Obduktion hat auch festgestellt, dass eine Spaltung der Schädeldecke durch einen Säbelhieb den Tod Dawidow herbeigeführt hat. Andere glaubwürdige Zeugen bestätigen, dass die Exzesse im Keime erstickt-- worden wären, wenn irgend ein Vertreter der Behörde diefl ehrliche Absicht gehabt hätte, die Unruhen zu unterdrücken 1| Der Polizeimeister Rajewskij erklärte ganz offen : „ Wennflj ich über das Militär verfügen könnte, hätte ich im Nu die?|| Ruhe wieder hergestellt." Der Kapitän Komilow jagte'p jeden Juden davon, welcher in seiner Todesangst ihn um';: Hilfe ersuchte. Noch schlimmer benahmen sich der Kreis-; polizeichef Je lenskijund der Polizeikommissär Tschernolusskij. Als die Plünderer den vorbeifahrenden jüdischen Wundarzt Horn vom Wagen herunterzerrten und ihn blutig zu schlagen begannen, eilte Polizeikommissär T s ch ern o 1 u sskij herbei, um — dem blutüberströmten Horn ebenfalls einige Schläge zu versetzen . . . Der Kreispolizeichef J e 1 e n s k i j forderte selbst die auf der Strasse versammelten Männer auf, jeden vorübergehenden Juden zu untersuchen . . . Sie vollführten diesen Befehl in bestialischer Weise: Sie warfen jeden vorübergehenden Juden nieder und schlugen ihn blutig, oftmals tot . . , Und der Urheber dieser blutigen Orgie, der Kreispolizeichef J e 1 e n skij stand mit verschränkten Armen da und sah dem Blutvergiessen ruhig zu . . . Die Truppen hatten die Strassen abgesperrt, aber nicht deshalb, um die Plünderer von der Vernichtung der jüdischen Häuser fernzuhalten, sondern um den Juden die Möglichkeit zu nehmen, die Plünderer an der Vernichtung jüdischen Hab und Gutes zu hindern. Und so erscheint es mehr als begreiflich, dass die Juden in einigen Fällen den Versuch machten, den Miiitärkordon zu durchbrechen und ihren von den Plünderern und Mördern bedrohten Familien zu Hilfe zu eilen. Die Staatsanwaltschaft hat in ihrer Anklageschrift diese Versuche der Juden, ihre schutzlosen Familienmitglieder der ihnen drohenden Todesgefahr zu entreissen, als „einen Anschlag der Juden auf das Militär" bezeichnet und auf viele Juden die Anklage in diesem Sinne ausgedehnt . . . Das Unbegreifliche aber ist, dass auch der Gerichtshof trotz der schwerwiegenden Tatsachen, welche der nun schon sechs Wochen währende Prozess zutage gefördert hat, diesen völlig unbegründeten Standpunkt der Anklageschrift vertritt und alle Recht und Gerechtigkeit arg verletzenden Kniffe anwendet, um den Sieg dieses Standpunktes herbeizuführen. Zu diesem Zwecke verschmäht es der Gerichtshof nicht, die Versuche der Vertreter der Juden, Beweise für die völlige Unwahrheit der Anklageschrift in bezug auf die Juden zu führen, mit den unglaublichsten Mitteln zu vereiteln, dagegen jeden Beweis der Anklagebehörde, selbst wenn dieser offenkundig auf Meineid, Betrug und Bestechung basiert, zu fördern . . . Aus diesem Grunde sind zwischen dem Gerichtshof und den Vertretern der Juden Konflikte entstanden, welche in ganz Russland viel besprochen wurden und zu Protesten gegen den parteiischeu Gerichtshof Anlass gaben. Die Studenten der Petersburger Universität haben, wie die „Nowosti" melden, an den Doyen der Vertreter der Juden im Homeler Prozesse, Advokaten W i n a w e r, folgendes Telegramm gerichtet: ,,Wir Studenten der Petersburger Universität, 1500 an der Zahl, begrüssen warm die rühmlichen Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit." Ein ebensolches Telegramm haben die Advokaten von Odessa an ihre im Prozesse zu Hornel um die primitivsten Grundsätze der Justiz kämpfenden Kollegen gerichtet. Auch die anständigen Blätter treten für die Vertreter der Juden und gegen den Gerichtshof ein. Die Vorgänge im Gerichtssaale haben sogar die Aufmerksamkeit der bekannten Schiiftsteller Maxim G o r k i nnd Leonid Andre jew auf sich gelenkt, welche sich nach Hornel begaben, um der Gerichtsverhandlung beizuwohnen und den Vertretern d^r Juden sozusagen moralischen Beistand zu verleihen. Und so dürfte sich der letzte Akt der Homeler Tragödie besonders lehrreich und bedeutungsvoll gestalten. Aber die Bilder, welche der Prozess bis jetzt entrollt hat, gewähren tiefen Einblick in die schauerliche Tragödie, deren Helden unsere unglücklichen und völlig schutzlosen Volksgenossen in Russland sind ... Petersburg. Die „Nowosti" melden aus Kischenew vom 19. d. M.: Ein von dem Antisemiten Kruse hewan im „Bessarabez" veröffentlichter aufreizender Artikel veranlasste die Vertreter der Juden, um eine Audienz beim Gouverneur und beim Erzbi.-chof nachzusuchen. Heute wurden an den Strassenecken Plakate mit einem Aufrufe des Gouverneurs an die Bevölkerung, die Ruhe zu wahren, angebracht. Am 20. d. M. beginnt vor dem Appellgerichtshof eine neue Reihe von Prozessen, die von der vorjährigen Judenhetze herrühren. — Fürst Swiatopolk-Mirsky hat das Erscheinen des „Bessarabez" für drei Monate sistiert. Gt.