Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bi* & weit Nr. 52 dieses Gebiet folge. Ich kämpfe für Ideen nicht, indem ich Personen befehde, und erspare mir deshalb auch die naheliegende Antwort auf die Aeusserung, er hoffe, dass ich, „wenn schon kein reiner Zionist, so doch kein Ugandist sei". Derartige Verdächtigungen belächelt man. Was Dr. Deiches von den englischen Juden sagt, das müssen diese mit ihm ausmachen. Für die ganze diesbezügliche Betrachtung war kein Anlass gegeben, denn Herr Dr. Deiches hat den Absatz meines Artikels, an den sich seine Ausführung schliesst, gründlich missverstanden. Ich habe von dem Milieu gesprochen, in dem sich das Aktionskomitee in London befinden würde, von der in England — nicht nur bei den dortigen Juden — herrschenden Auffassung von Politik. Und auch mein Herr Gegner wird nicht bestreiten, dass diese englischen Auffassungen erheblich, realistischer und praktischer sind, als die in Oesterreich, wo die Politik wesentlich im Wursteln besteht. Die Eückwirkung auf unsere eigene Politik würde nicht ausbleiben, denn die Mensehen sind schliesslich doch stets nur die Frucht des Milieus und von Nüchternheit in der Auffassung unserer Lage können wir noch eine ganze Portion gebrauchen. Der beste Beweis dafür ist der Artikel des Herrn Dr. Deiches. Denn wenn man die ganze Zukunft einer Bewegung von der Stellungnahme von drei oder vier bekannten englischen Zionisten für das viel besprochene Ugandaprojekt abhängig macht, so beweist man, dass die ruhige Ueberlegung beim Beginn einer bestimmten Gedankenreihe völlig aufhört. Kann doch kein Mensch daran "zweifeln: die politischen Verhandlungen werden in absehbarer Zeit vor allem in London geführt werden, gleichviel, ob das A.-C. dort seinen Sitz erhält oder nicht. Und da die Unterhändler nach der Natur der Sache Engländer sein müssen, wie das ja auch zu Dr. Herzls Lebzeiten der Fall war, so werden die so heftig befehdeten englischen Führer in jedem Falle heranzuziehen sein. Und wenn gegen mich angeführt wird, dass „eine rein nüchterne Auffassung der Dinge das Verderben des Zionismus bedeuten würde", weil das Ideale in unserer Bewegung die Hauptrolle spiele, so verwechselt Herr Dr. Deiches zwei sehr wichtige Dinge: Führung und Organisation. Letztere soll und muss den ethischen und idealen Inhalt des Zionismus erschöpfen, die Massen begeistern und erziehen, die öffentliche Meinung zu gewinnen suchen und dem Gedanken den Weg weisen. Aber damit ist ihre Aufgabe erschöpft. Für die endgültige Erreichung unseres Zieles kann sie nicht das geringste leisten, das muss sie der Führung überlassen und diese muss allerdings realistisch sein, realistisch bis zur äussersten Nüchternheit. Auch dann wird sie noch schwer genug zu kämpfen haben! Nun heisst es weiter, was die leitenden Männer Englands angehe, so würden sie das, was sie tun wollen, auch tun, wenn das engere A.-C. in Berlin, Wien oder Paris sitze. Ich denke nicht. Ein in England wohnender Jude sollte wissen, was der fremde Akzent bei Verhandlungen mit englischen Ministern tut. Darüber wäre mehr zu sagen, auch aus unserer Vergangenheit, aber es träfe nicht den Kern der Sache. Der liegt vielmehr in der Erwägung, ob wir für eine Zeitlang uns der Politik einer bestimmten Grossmacht anschliessen sollen oder nicht. Und das muss ich mit derselben Entschiedenheit bejahen, mit der Doktor Deiches es verneint. Er will sich an alle Länder, an alle Völker wenden, wir sollen nicht den Anschein erwecken, als ob unsere Bewegung eine jüdisch-englische sei. Sehr schön. Nur bin ich Kealist genug, nicht zu glauben, dass uns alle Völker, alle Länder helfen werden. Auf irgend jemand werden wir uns vorzugsweise stützen müssen. Man lese einmal den Abschnitt in Bismareks „Gedanken und Erinnerungen" darüber, was er von dem sich „mit aller Welt gut stellen" sagt. Und als im Jahre 1805 der preussische Gesandte v. Haugwitz zu Napoleon kam, um mit ihm zu verhandeln, fuhr dieser ihn an: „Ich will euch den Grund eures Unglücks sagen: ihr wollt die Freunde von aller Welt sein." Wir müssen mit England gehen, weil niemand anders auf die Dauer mit uns gehen wird, das lehrt die Geschichte der letzten Jahre zur Genüge. Wir können aber nicht verlangen, dass jemand unser . Freund ist, dem wir selbst nicht ein erhebliches Mass von Freundschaft zeigen. Es fragt sich also nur, ob wir England für uns geneigter halten als die anderen Mächte. Und da wird auch der enragierteste Ugandafeind zugeben müssen, dass England ■ uns den redlichen Willen gezeigt hat, uns zu nützen, dass es über Machtmittel und Einfluss von ausschlaggebender Bedeutung verfügt und wir jeden Anlass haben, zu hoffen, dass es beides weiter zu unserem Nutzen verwenden wird. Daruni brauchen wir noch nicht in gänzliche Abhängigkeit von der englischen Politik zu geraten, uns ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben; es gibt doch nicht nur Extreme im Leben. Und wenn, weiter gesagt wird, dass ich scheinbar die Politik überschätze, so trifft das durchaus nicht zu. Gewiss sollen wir auch innere Politik treiben. Aber, wie schon oben gesagt, die innere Politik, d. h. die Pflege des Progranimes, ist Sache der Organisation, die Politik Sache der Leitung und beide müssen arbeiten, ohne sich' gegenseitig zu beeinträchtigen. Ich halte es geradezu für höchst gefährlich, von einer Einschränkung der politischen Tätigkeit zu reden. Die Herren, die so handeln, haben die" letzten 7 Jahre scheinbar umsonst gelebt. Sie scheinen nicht zu merken, dass sie den Bankerott der Bewegung anmelden. Gingen diese Ideen in die Praxisüber, so würde man uns zum ersten Male mit Eecht sagen, dass wir uns „gemause rta haben, und man würde aller Orten zischeln und tuscheln: „Nach Herzls Tode verzweifelt man an der Erreichung des Endziels und darum will man jetzt das Gewicht ausschliesslich auf die innere Arbeit legen." Wir sollten also derartige Unzweckmässigkeiten nicht einmal aussprechen, geschweige denn sie drucken lassen. Politische Gründe sprechen also keineswegs gegen London. Was Herr Deiches weiter einwendet, ist belangloser. Die offizielle Sprache der Bewegung kann nach wie vor deutsch sein. Ich habe nirgends behauptet, dass die Kongresse nach England verlegt werden sollten. Dieser Gegengrund scheidet also aus. Ebensowenig habe ich die absurde Behauptung aufgestellt, dass „nur in London arbeitsfreudige Männer leben, die geeignet wären, die Führung zu übernehmen." Sie ist Eigentum des Herrn Dr. Deiches. Ich habe nur behauptet, dass eine Anzahl solcher Männer in London zu finden ist, mit oder ohne Mr. Zangwill, und das halte ich aufrecht. Wenn endlich gesagt wird, vielleicht könne man mit Wien „für eine bestimmte Zeit experimentieren", so möchte ich zu bedenken geben, dass eine politische Bewegung doch kein Versuchskaninchen ist. lieber den zukünftigen Sitz der Bewegung muss entschieden werden und dann definitiv, sonst fehlt der Arbeit die gehörige Stabilität. Eine gewisse Bodenständigkeit ist für uns eine Lebensfrage und ich würde sogar aus dieser Erwägung für Wien als Sitz der Leitung sein, wenn nicht die Gründe dagegen zu massenhaft wären: eine im. höchsten Grade antisemitische politische Atmosphäre, eine christliche Gesellschaft, die den Juden boykottiert und zum Paria hinunterzudrücken bemüht ist, ein jüdisches Milieu, das dem Zionismus durchaus abhold ist, ihn verspottet und dem gegenüber selbst ein Herzl einen schweren Stand hatte, dazu die bereits früher erwähnte „Wiener Gemütlichkeit" — das alles und vieles andere konnte mit dem einen,. Grossen, in den Kauf genommen werden.