Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 lffcie # Weit11 Seite 3 Gefahr sein. Trotz alledem existiert noch die Eisenindustrie!" Das ist nicht staatsmännisch gedacht. Dieser Versuch, von der Hand in den Mund zu leben und zu wünschen, dass etwas, was man kommen sieht, hintangehalten werden möge, und nichts tun, statt der Schwierigkeit ins Gesicht zu sehen — das ist eine Eigenschaft, welche meineGegner, wie ich zugebe, in vollendeter Weise besitzen. In dem fiskalischen Streite sind meine Gegner wahrhaftig glücklich, Gespenster an die Wand zu malen, welche gar nicht existieren, Sie finden es leichter, ein Schreckbild zu zeigen, als die Argumente zu widerlegen, die ich vorgebracht habe. Sie legen mir Worte in den Mund, welche ich nie gesagt habe, und kämpfen dann wacker gegen ihre eigenen Phantasiegebilde. Ueber die Fremdeneinwanderung sagte ich, dass meine Gegner sie nicht so leicht nehmen sollten. Als sie begann, wurde gesagt, dass sie so geringfügig sei, dass es sich nicht lohne, sich mit ihr zu beschäftigen. Nun ist sie mit derartiger Schnelligkeit gewachsen, dass sie bereits ganze Distrikte in Sorge versetzt hat und in andere Teile des Landes schon einzudringen beginnt Ich erhielt Klagen aus Provinzstädten, zum Beispiel aus Leeds und sogar aus schottischen Gegenden. Sollen wir die Frage ernstlich ins Auge fassen oder sollen wir warten und hoffen, bis etwas Unvorhergesehenes kommen wird, um all das von uns abzuwenden, was die natürliche Folge einer solchen Invasion ist? Nun ein Wort über die Einwanderer selbst. Ich will wahrlich nicht ein herzloses Wort über diese armen Leute sagen, welche durch die gröbste und brutalste-Verfolgung aus ihrer Heimat getrieben werden. Sie verdienen wahrlich das grösste Mitleid und die praktischeste Sympathie. Da liegt ein grosses Problem vor: wie sie gerettet werden sollen vor dem Geschicke, welches über sie hereingebrochen ist, wie sie erlöst werden können, ohne dass der Ruin unseres eigenen Volkes und Landes damit verknüpft werde. Als ich noch im Amte war, tat ich, was ich konnte. Ich hatte mehrere Konferenzen mit dem verstorbenen Dr. Herzl — einem Manne, der auf micn den tiefsten Eindruck gemacht hatte, dessen Ehrlichkeit, Patriotismus und Geschicklichkeit so gross waren, dass sie die Achtung selbst derjenigen für ihn erringen nmssten, die Gegner dieser Leute sind — und wir waren, wie ich sagen kann, im Prinzipe in voller Uebereinstimmung, dass die beste Lösung dieser Frage die sei, ein Land zu finden, wo entweder unter der Aegide der britischen Flagge oder unter dem Schutze sämtlicher Grossmächte diese armen, aus ihrem Geburtslande Vertriebenen, welche es nicht aus Laune oder mit dem Wunsche, uns zu belästigen, verlassen haben, in Sicherheit sich niederlassen könnten, wo sie ihren eigenen religiösen Bräuchen und ihren eigenen Bestrebungen frei leben, ihre Existenz finden könnten, ohne die anderer zu bedrohen. (Lauter Beifall.) Das war das Ergebnis unserer Besprechungen. Obgleich die Sache durch den Tod des Dr. Herzl einen grossen Verlust erlitten hat, sind seine Pläne doch nicht mit ihm untergegangen, sondern werden fortgesetzt und ich glaube, dass noch in dieser Woche eine Erforschungskommission nach Oslafrika abgeht, wo es noch tausende und hunderttausende von Meilen unbewohnten Landes gibt. Diese Kommission wird untersuchen, ob nicht dort ein Asyl für diese verfolgten Armen zu finden sei. Das wäre die Lösung der Frage. Inzwischen haben wir mit unserer Politik der offenen Tür eine Brücke gebaut zwischen den Ländern, in denen diese Leute so viel leiden, und unserem eigenen Lande, welches ohnedies schon zu bevölkert ist und das ohne grossen Schaden eine -weitere Zulassung grosser Volksmassen nicht ertragen kann. Ich habe gesagt, dass ich dieses hartgeprüfte Volk nicht zu tadeln wünsche. Fern sei es von mir, ihm Uebles nachzusagen in Anbetracht der Umstände, in welchen es gelebt hat, aber es ist eine Tatsache, dass, wenn diese Fremden zu uns ins Land kommen, sie die Schuld tragen an einer Steigerung von Verbrechen, Krankheit und hoffnungsloser Armut, die in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl steht. Die Leute kommen zu uns — ich will sie deshalb nicht tadeln, sondern nur die Folgen zeigen — kommen zu uns, verändern den ganzen Charakter eines Bezirkes, die Sprache und Nationalität desselben. Ganze Stadtgebiete sind verändert worden. Britische Arbeiter sind durch den ungestümen Wettbewerb hungernder Menschen von Erwerbzweigen verdrängt worden, weiche sie früher ernährt haben. Ich frage Sie, ist es für solche Leute selbst gut, gleich Tieren in einen Stall zusammengetrieben zu werden, sich um wenige Pence pro Tag zu schinden, durch Unternehmer sich aussaugen zu lassen, welche jeglichen Mitgefühles bar zu sein scheinen? Ich sage, es ist von Uebel für Sie, wie es von Uebel ist für die Fremden» Soweit es mich angeht, war ich immer und bin auch noch jetzt dafür, der Regierung die strengste Kontrolle über diese Fremdeneinwanderung zu übertragen/ Zur Organisationsfrage. Noch einmal Wien oder London? Ich habe einige Wochen gewartet, um zü sehen, welchen Eindruck mein Vorschlag, das engere A.-C. nach London zu verlegen, auf die Mehrheit der Zionisten machen würde. Ich kann — entgegen meiner ursprünglichen Absicht — nicht umhin, nochmals zur Feder zu greifen, und zwar nicht deswegen allein, weil erwägenswerte Gegengründe angeführt worden sind, sondern auch deshalb, weil in den Zuschriften an das offizielle Parteiorgan lediglich Gegner meines Vorschlages zum Worte gekommen sind. Das entspricht aber keineswegs der allgemeinen Stimmung, denn ich habe eine ganze Eeihe von privaten, zum Teil sehr warmen Zustimmungserklärungen zu meinem Vorschlage erhalten, nicht nur aus Deutsehland, sondern auch von auswärtigen Gesinnungsgenossen. Was nun meine Gegner anbelangt, so kanü ich mit Herrn Paperin nur schwer streiten. Seine Gründe beruhen wesentlich auf Sentiments. Und denen bin ich nur im Privatloben zugänglich, in die Politik gehören sie meines Erachtens nicht. In der verzweifelten Lage, in der sich unser Volk befindet, haben wir lediglich Nutzlichkeitsprinzipien zu vertreten, haben wir alle Gefühlspolitik auszuschalten. Erinnerungen an Dr. Herzl haben für mich den denkbar grössten Wert, sein Grab soll und wird ein geheiligter Ort sein für unser Volk. Aber die Lebenden haben seine Aufgabe zu erfüllen, sein Werk zu vollenden; und wenn das von einem anderen Orte aus besser geschehen kann cals von Wien, so dürfen wir uns durch keinerlei Gefühlsregungen daran hindern lassen. Theodor Herzl wäre selbst der letzte gewesen, uns derartiges zu empfehlen. Mit schärferen Waffen hat ein Herr Deiches in Nr. 48 der „Welt" meinen Vorschlag bekämpft. Die Waffen sind sogar in seiner Hand allzu scharf, persönlich geworden. Herr Deiches kann nicht verlangen, dass ich ihm auf